Story

Hansjörg Ryser lebt in zwei Berufswelten – als Schlichter bei Helvetia Versicherungen und als Neustarter mit einem eigenen Beratungsunternehmen.

Sicherheit des Angestelltenstatus und gleichzeitig in die Selbständigkeit starten

Hansjörg Ryser
Name
Hansjörg Ryser
Alter
55
Neustart
2018
Branche
Dienstleistungen

Warum hast du dich dafür entschieden, dich nach langen Berufsjahren selbständig zu machen?

Eigentlich war es eine Push-and-Pull-Situation: Anstoss gab eine Neuorganisation bei meinem Arbeitgeber Helvetia, welche sich auch auf den Kommunikationsbereich auswirkte, in dem ich tätig war und – mit einer neu geschaffenen Stelle als allparteilicher Schlichter – weiterhin tätig bin. Die Veränderung gab aber auch meinen seit längerem gehegten Überlegungen zu einer beruflichen Neuorientierung den Kick, effektiv den nächsten Schritt zu wagen und zusammen mit meiner Frau ein eigenes Unternehmen zu gründen.

Und was für ein Unternehmen ist das konkret? Was bietet ihr an?

Das Produkt unserer Firma FR&Partner ist die Wirtschaftsmediation mit dem USP «Fachgebiet Kommunikation». Das ist so besonders, da die meisten Wirtschaftsmediatoren im Markt von Haus aus Juristen oder Psychologen sind. Mit unserer speziellen Kompetenz können wir also eine Lücke in der Beratungslandschaft abdecken. Zudem konzentrieren wir uns in unserer Beratungsarbeit auf die Finanzdienstleistungs- und Immobilienbranche.

Hast du deinem Arbeitgeber offen kommuniziert, was du vorhast? Wie funktionierte der Übergang?

Die Versicherungsbranche hat ja eine eigene Ombudsstelle für die Behandlung von Streitfällen zwischen Kunden und Versicherern. Bei Helvetia hat man erkannt, dass es daneben noch ein eigenes, aktives Konfliktmanagement braucht, insbesondere in Zeiten von Social Media, die bei Konflikten eine ganz andere Dynamik haben als die traditionellen Kommunikationskanäle. Die Geschäftsleitung entschied, dass es im Unternehmen eine neutrale Stelle zur Schlichtung geben sollte mit mir als Schlichter zu einem 60%-Pensum.

Ich erhielt enorme Unterstützung von der Helvetia für die Ausbildung zum Wirtschaftsmediator wie auch für den Übergang in die Selbständigkeit. Ich kann mit der Sicherheit des Angestelltenstatus arbeiten und gleichzeitig in die Selbständigkeit starten – mit der Gründung von FR&Partner am 1. April 2018. Für diesen Start erhielt ich verschiedene Aufträge von Helvetia, nach und nach kamen auch andere externe Kunden dazu. Der Übergang funktionierte also zu 100% Hand in Hand mit der Helvetia.

Den Neustart als Berater wagen meist nur sehr erfahrene Fach- und Führungskräfte – und nicht alle schaffen es, mit ihrer Firma «abzuheben». Wie hast du das geschafft?

Tatsächlich konnten wir mit unserem Angebot mehrere kleine und kürzlich ein sehr grosses Mandat akquirieren. Neben unserer Fachkompetenz beim Umgang mit Konflikten sind aktive Kommunikation, auch mit einer eigenen Homepage, wichtig. Dazu kommen mein langjähriges Netzwerk aus der Zeit als Wirtschaftsjournalist, zuletzt beim Magazin Bilanz, wie auch als Kommunikationsverantwortlicher Schweiz bei Helvetia und das ergänzende Fachwissen meiner Frau, die nach der Familienphase ein Psychologiestudium absolviert hat, als wichtige Grundvoraussetzungen. Entscheidend sind jedoch Klarheit über die eigene Marktpositionierung: Wer sind meine Kunden? Was ist meine Branche? Was ist unser Angebot? Sowie ein guter Blick für Gelegenheiten.

Vor allem braucht es Geduld und Beharrlichkeit, denn viele Akquisitionsversuche fruchten nicht unmittelbar. Man muss den Samen setzen und die Ernte kommt manchmal bei veränderten Situationen auf Kundenseite zu einem viel späteren Zeitpunkt. Wir beobachten eine grosse und wachsende Nachfrage nach Ausbildung und Unterstützung beim Umgang von Firmen bei Konflikten mit Kunden, der wir mit unserer kombinierten Erfahrung und Fachkompetenz begegnen können. Mit meinen beiden Standbeinen, bei Helvetia wie auch in der Selbständigkeit mit FR&Partner, ergeben sich darüber hinaus zahlreiche und fruchtbare Synergien für beide Tätigkeitsfelder.

Was war die grösste Herausforderung beim Neustart? Und wie hast du diese bewältigt?

Eine grosse Herausforderung ist der Umgang mit dem Zeitbudget im Segment Selbständigkeit, insbesondere wenn wie jetzt grössere Aufträge kommen. Auch war es für uns eine Gratwanderung, wann und wie weit wir uns beim Start für externe Aufträge öffnen sollten, ohne in Konflikt mit meiner Angestelltenrolle zu geraten. Darüber hinaus bleibt es eine ständige Herausforderung, sich nicht zu verzetteln und aus der vermeintlichen Not heraus Aufträge anzunehmen, die nicht im strategischen Fokus unserer Unternehmung stehen.

Noch eine philosophische Frage: Was bedeutet Arbeit für dich?

Arbeit soll für mich eine persönliche Bereicherung im Leben darstellen. Sie ist natürlich zum Lebenserwerb wirtschaftlich notwendig und nimmt einen sehr grossen Teil im Leben ein. Mir ist es dabei aber wichtig, dass ich laufend dazulerne, spannende Aufgaben lösen, interessanten Menschen begegnen kann. Ich versuche stets, Arbeit und Privat zu trennen, wobei ich den Begriff der Work-Life-Balance für ein Unwort halte. Arbeit nimmt einen dominanten Platz ein. Aber nachts und in den Ferien sind Handy und PC aus.

Und hast du zum Abschluss noch einen Profi-Tipp für Neustarterinnen und Neustarter?

Ich empfehle, keinen radikalen Wechsel zu machen, sondern die Kontinuität aus den bisher erworbenen Kompetenzen und Erfahrungen zu suchen. Dazu braucht es grosse Motivation und vor allem Flexibilität, denn es bringt nichts, stur an einem ersten Geschäftsplan kleben zu bleiben, sondern man sollte sich an veränderte Bedingungen und neue Chancen flexibel anpassen, um Erfolg zu haben.



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