Story

Susann Till (73) aus Stade, betreibt eine Chutney Manufaktur in ihrer Küche.

Oma ist Unternehmerin – meine Enkel finden das grossartig

Susann Till lebt in Stade bei Hamburg. Sie war früher Modedesignerin, Hausfrau und Mutter - heute betreibt sie eine Chutney Manufaktur in ihrer Küche mit 3 Angestellten.

Susann Till
Name
Susann Till
Alter
73
Neustart
2012
Branche
Produkt

Wie kam es zu Ihrem Neustart?

Ich komme eigentlich aus der Modewelt und habe früher Haut Couture gemacht z.B. ganze Hochzeiten mit Abendkleidern ausgestattet. Meine Kundschaft, meist in meinem Alter, hatte irgendwann ihre Kleider, die jüngeren kauften dann eher günstigere Kleider und gegen die Ketten kann man nicht so anstinken. Irgendwann ging es nicht mehr.

Zudem hatte ich gesundheitlich eine schwierige Phase, verbunden mit einem Krankenhausaufenthalt. Als ich aus der Klinik nach Hause kam, war ich 69 und habe mich gefragt: Was mach ich jetzt mit meinem Leben?

Gott hat ja gewollt, dass ich wieder gesund bin, dann kann ich auch etwas machen, dachte ich. Mein Sohn hat gesagt, geh zum Psychologen, aber ich habe gesagt: wieso, ich habe immer alles so geschafft, ich muss halt was tun.

Wie kamen Sie dann auf die Idee Chutneys zu kochen?

Ich hatte zu der Zeit schon länger angefangen nach Farben zu kochen. Das lag daran, dass ich gemerkt hatte, wenn ich die gleichen Farben zusammen esse, dann geht es mir gut: rot mit rot, grün mit grün, gelb mit gelb…eine zweite Feststellung war, dass mir Rohkost nicht bekam, so habe ich angefangen die Zutaten einzukochen und Chutney herzustellen. Zu Beginn habe ich also gar nicht daran gedacht, dass ein Geschäft daraus werden könnte.

Ich habe nie nach Kochbüchern gekocht. Wenn ich Gemüse und Obst und Gewürze habe, dann sehe ich mir die Sachen an und rieche daran und mische, wie ich möchte. So habe ich gelernt Aromen herauszukitzeln. Wenn eine Zutat zu viel Säure hat, dann mache ich Banane rein. Schmeckt es zu dumpf, dann mache ich es mit Zitronenschale frischer. Kräuter habe ich damals angefangen, selbst in Kisten anzubauen. Arbeit ist mein Lebenselixier. Nicht auf’s Loch konzentrieren sondern auf’s Tun.

Wie wurde dann ein Startup aus Ihren Entdeckungen?

Eigentlich haben mich Freunde darauf gebracht. Sie haben irgendwann gesagt, ich solle doch etwas daraus machen. So habe ich ein Kleinunternehmen gegründet, als “Ich AG” und habe angefangen 100 Gläser Chutney pro Woche zu produzieren. Am Anfang habe ich Verkostungen mit Freunden bei mir im Esszimmer ausgerichtet. Ich hatte 7 Chutneys vorbereitet und habe daraus 7 Gänge gemacht.

Einmal hatte ich die Wirtschaftsförderung hier bei mir zum Essen - zufälligerweise - die hatten einen netten Abend hier. Es hat ihnen so gut geschmeckt, dass sie nun wiederum gesagt haben, ich solle noch mehr daraus machen.

Dann habe ich einen Existenzgründerkurs bei der IHK besucht. Ich war die älteste in der Runde. Nachmittags waren Banker da bezüglich „Finanzierung“. Zu mir hat ein Banker gesagt: „Sie wissen schon, dass sie eher kein Geld bekommen.“ Da habe ich gesagt: „Wissen Sie überhaupt, was Chutney ist?“ Dann hat sich rausge-stellt, dass er nicht das Produkt unpassend sondern mich zu alt fand. Daraufhin habe ich erzählt, dass ich gar kein Geld brauche und ihnen meinen Plan vorgestellt. Da meinte der Banker: „Mhhh, vielleicht bekommen sie doch Geld.“

In den folgenden Monaten ging alles Schlag auf Schlag. Höhepunkte waren, dass ich den Niedersachsenpreis bekommen habe sowie einen Preis von der Wirschaftsförderung. Über Preise bekommt man Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ich hatte kein Businessplan, nichts! Ich wollte einfach etwas zu tun haben.

Was waren die Motive für das Projekt?

Verdienen musste ich nichts. Ich wollte mich einfach ablenken von schweren Dingen. Etwas tun, um abzulenken und um auf positive Gedanken zu kommen. Der Weg war für mich Mittel zum Zweck. Einfach was tun. Das ist es.

Was waren die Bedürfnisse als Sie neu starteten?

Ich hatte keine Bedürfnisse, ich hatte Kopfkino und habe einfach losgelegt.

Wer hat Sie inspiriert, unterstützt?

Meine Schwiegertochter ist Designerin, die hat ein tolles Design für die Chutney Gläser gemacht. Ich wollte was Junges, alt bin ich selber. Für das Design hat sie auch einen Preis bekommen, und wir somit wieder mehr Aufmerksamkeit. Mein Sohn hat meine tolle Website gebaut. Erst hatte er aus beruflichen Gründen keine Zeit und hat mir dann erstmal eine Facebook Unternehmensseite eingerichtet. Dann musste ich Facebook lernen. Ich musste ja ohnehin ganz viel lernen z.B. Buchführung. Ansonsten war mein Trick, dass ich immer ein Chutney in der Tasche hatte, egal wo ich war - Marketing.

Gab es Schwierigkeiten, die Sie meistern mussten?

Ehrlich gesagt, hatte ich eigentlich keine. Da ich gerne kommuniziere, bin ich in die Läden gegangen und habe mein Produkte selbst an die Händler vorgestellt verkauft z.B. auch an Butter Lindner. So musste ich immer mehr kochen.

Einer der wichtigsten ersten Schritte, war der Gang zur Lebensmittelbehörde. Da bin ich persönlich hin und habe diese überzeugt, dass sie auf meiner Seite stehen. Es ist ja schon etwas ungewöhnlich solche großen Mengen Chutney in seiner eigenen Küche zu kochen und zu vertreiben.

Inzwischen koche ich 1000 Gläser in der Woche und habe 3 Mitarbeiterinnen in Teilzeit. Am Anfang hatte ich ausländische Frauen, die dann bei mir Deutsch gelernt haben, zum Teil auch ältere, also 50+ . Ich selber nehme mir gar kein Gehalt aus der Firma. Ich habe ein ganz tolles Team hier, aber inzwischen auch einen 20 Stunden Tag. Um 5 stehe ich auf und gehe von 5-6 Laufen. Dann packe ich die Pakete und bringen die Bestellungen zum Versand. Um 9 kommen die Frauen, bis dahin habe ich schon das Obst gewaschen. Abends mache ich noch die Küche sauber.

Was würden Sie anderen Neustartern empfehlen?

Ich könnte auch Lebensberaterin werden…wer alles hier war! Alle wollen wissen, wie ich das mache. Wenn Sie das machen wollen, müssen Sie dahinter stehen. Wichtig ist das Produkt oder die Dienstleitung zu testen, wie ich es mit meinen Freunden bei den Verkostungen gemacht habe. Und dann: einfach loslegen! Nicht gleich zu viel erwarten. Ich hatte gar keine Erwartungen, ich wollte eigentlich nur eine Aufgabe haben. Ich würde auch empfehlen, keine Verträge abzuschließen, die negativen Stress auslösen. Wenn meine Enkel anrufen und eine Geschichte hören wollen, dann klemm ich den Hörer zwischen Ohr und Schulter während des Kochens. Ich denke, das Ding fällt irgendwann mal in Topf.

Im Web:

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