Story

Marcel van Houten verkauft eine Produktneuheit: elastische Bänder, mit denen sich das Badetuch am Liegestuhl befestigen lässt.

Einfach machen! Machen, machen, machen.

Im Jahr 2015 war es für mich an der Zeit, ein neues Projekt zu starten – etwas ganz Eigenes. Ich erinnerte mich an die Idee eines Freundes, von welcher es bereits einen Prototyp gab. Also holte ich sein OK, ging auf die Suche nach dem perfekten Lieferanten für «BeachTowelTwist» und tastete mich an neue Themen heran wie die Website-Entwicklung und Social Media.

Marcel van Houten
Name
Marcel van Houten
Alter
44
Neustart
2015
Branche
Produkt

Wie viele Sätze brauchen Sie, um Ihr Produkt zu beschreiben?

Stellen Sie sich vor, Sie legen ein Badetuch auf Ihren Liegestuhl und legen sich entspannt hin. Die Liegeposition wird irgendwann unbequem und Sie bewegen sich ein bisschen, Sie stehen kurz auf, oder es kommt ein kleiner Luftstoss – was passiert dann immer? Genau: Das sorgfältig ausgelegte Badetuch verschiebt sich oder fällt runter und Sie müssen es immer wieder richten. BeachTowelTwist ist vergleichbar mit einem Hosenträger: ein elastisches Band mit vier Clips, mit denen man das Badetuch oben und an den Seiten am Liegestuhl befestigen kann – so rutscht das Tuch nie wieder weg. Ab 500 Stück ist der BeachTowelTwist mit einem Logo oder Slogan personalisierbar.

Was haben Sie beruflich gemacht, bevor Sie den BeachTowelTwist erfunden haben?

Ich habe über 20 Jahre lang im Einkauf und Supply Chain in verschiedensten Branchen gearbeitet. Ursprünglich bin ich als Mechaniker für Textilmaschinen ins Berufsleben gestartet und habe jahrelang in der Textilbranche gearbeitet – im Einkauf, in der Warenbewirtschaftung und im Maschinenbau. Dann habe ich querbeet in verschiedenste Branchen reingeschnuppert: in die Pharmabranche, in die Aviatik und in die Liegenschaftsverwaltung – dort habe ich den Einkauf gesamtschweizerisch aufgebaut. Schlussendlich war immer der Einkauf mein Spezialgebiet; Das richtige Produkt muss zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Qualität bereitstehen. Die Logik dahinter ist immer dieselbe.

Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich bin nicht der Erfinder von BeachTowelTwist, das war Uli Hubert – ein sehr guter Freund von mir. Er hat sich vor einigen Jahren so genervt, dass sein Badetuch immer runterrutschte. Er meinte, da müsste es doch eine einfache Lösung geben. Nach einigem Brainstorming und selbstgebastelten Bändern meinte er plötzlich, er habe die Idee patentiert. Er liess zwar die ersten Prototypen und eine Webseite erstellen, hat aber BeachTowelTwist nicht aktiv vermarktet.

Was haben Sie als erstes getan, nachdem Sie die Idee hatten?

Im Jahr 2015 war es für mich an der Zeit, etwas Neues zu starten – etwas ganz Eigenes. Ich hatte vorher schon ein Projekt: Ich habe eine möblierte Wohnung vermietet und konnte somit das Startkapital für mein nächstes Projekt sparen. Dann habe ich mit Uli gesprochen und ihm gesagt, BeachTowelTwist sei ein prädestiniertes Projekt für mich. Zum einen, weil ich aus dem Handel, Einkauf, Supply Chain und der textilen Produktion komme und zum anderen, weil das Projekt skalierbar war und ich das Startkapital ja bereits zusammengespart hatte. Uli hat sofort zugestimmt und fand mein Vorhaben super.

Was war die grösste Schwierigkeit, die Sie meistern mussten?

Marketing & Sales! Bis vor einem Jahr hatte ich nichts am Hut mit Social Media. Ein absolutes Neuland für mich. Wie mache ich eine Website, was kommt da alles drauf, wer erstellt sie, woher bekomme ich ausdrucksstarke Bilder, wie instrumentalisiere ich Social Media? Ein langsamer aber stetiger Prozess, zwischendurch mit «Hauruck-Übungen», aber sehr spannend! Schlussendlich konnte ich von meinen Learnings aus dem Marketing- und Sales-Bereich definitiv am meisten profitieren. Es steckt zwar heute noch in Kinderschuhen, wie man so schön sagt – aber der Auftritt mit BeachTowelTwist ist sehenswert und er funktioniert.

Auch die Suche nach einem verlässlichen Lieferanten war schwierig. Die Firma, die Uli Hubert für die Prototypen beauftragt hatte, war in der Türkei. Die haben gute Arbeit geleistet, aber weit weg von «sehr gut». Ich habe hohe Qualitätsansprüche und von der türkischen Firma bekommt man nur 80% von dem, was man sich ursprünglich gewünscht hatte. Das war mir zu wenig. Zudem war die Sprachbarriere problematisch. Als ich in Istanbul war, ging drei Häuserblocks von meinem Hotel entfernt eine Bombe hoch – so entschied ich mich schlussendlich endgültig, den Lieferanten zu wechseln.

Wie lange hat es dann gebraucht, bis Sie das fertige Produkt hatten?

Das gesamte Setup hat ein paar Monate gedauert. Genau kann ich das nicht sagen, aber bis zum ersten Auftrag von einem Reisebüro in Baar ging es zirka ein halbes Jahr.

Am zeitaufwändigsten war (neben der Website-Entwicklung) die Lieferantensuche und die finale Produktentwicklung. Einige Zeit nach meinem Entschluss, den Lieferanten zu wechseln, sass ich in einer Skigondel auf Melchsee-Frutt und betrachtete die Skifahrer mir gegenüber. Da fielen mir die Skibrillen mit ihren elastischen Bändern auf. Die Idee für BeachTowelTwist! Ich schrieb die grössten Skibrillenhersteller an und fragte, woher diese Bänder kommen. Es dauerte eine Weile, aber ich fand heraus, dass die Bänder von Alge Elastic GmbH, einer Firma aus dem österreichischen Lustenau, kommen. Zufälligerweise ein Nachbarsdorf von meiner Heimat! Dort habe ich direkt einen Termin vereinbart und dem Manager den BeachTowelTwist-Prototypen gezeigt. Und da hat er mir eine günstige, optimierte Variante vorgeschlagen und einen zweiten österreichischen Lieferanten für die beweglichen Spritzgussteilchen empfohlen, welche heute aus recycelten Materialien bestehen. So entstand dann der BeachTowelTwist, so wie er heute ist. Designed in Switzerland – made in Austria.

Also hat alles eine gute Wendung genommen. Der Hersteller bietet faire Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter, ist nicht weit entfernt und vor allem ist er OEKO-TEX- und ISO-zertifiziert – für mich zwei sehr wichtige Qualitätsmerkmale!

Was hätten Sie ganz am Anfang niemals gedacht, was Sie im Laufe des Neustarts gelernt haben?

Ich bin so überzeugt von meinem Produkt. In meiner Naivität habe ich geglaubt, die Resonanz käme schneller. Im Kopf war mir zwar bewusst, dass es zwei bis drei Jahre bis zur Etablierung dauern würde. Aber ich war so dermassen überzeugt, dass wenn dieses tolle Produkt erstmal bekannt ist, es raketenstartmässig abgehen müsste. Einfach, weil jeder das nervige Problem mit dem rutschenden Badetuch kennt. Also war meine steilste Lernkurve: Ein gutes Produkt nützt einem gar nichts, wenn es von den Leuten nicht gesehen wird. Da arbeite ich dran und komme mit kleinen Schritten vorwärts.

Und: Man darf sich nicht zu früh freuen. Mitte Juni erschien ein Artikel über BeachTowelTwist im Red Bull Magazin (Auflage von 211’000 Exemplaren in der Deutschschweiz). Das hat zwar schon Bestellungen generiert – aber niemals im erhofften Ausmass.

Auch wenn das Produkt eine Neuheit und praktisch für alle Leute ist: Das ist kein Garant dafür, dass die Leute über einem berichten!

Was ist momentan Ihre wichtigste Aufgabe?

Bekanntheit steigern, Kundenakquise, und zwar B2C und B2B. Bisher habe ich mich auf Firmenkunden fokussiert, weil die Bestellmenge viel grösser ist und Folgebestellungen eher möglich sind. Ich versuche aber, auch Privatpersonen zu erreichen – mehrheitlich über Social Media. Alle Freunde sind bereits Fans und ein paar davon werben aktiv für mich. Dann gibt es noch einen kleinen Kreis an mir unbekannten Leuten, die mich liken – aber da hört es auf. Und genau da beginnen die Schwierigkeiten: Wie werde ich grösser? Wie erreiche ich noch mehr Leute? Welche Mittel setze ich ein und welches ist das richtige? Wo ist meine Kundschaft und welche Kundschaft möchte ich überhaupt?

Ideen habe ich haufenweise: Ich könnte das Produkt auch bspw. versuchen, in Supermärkten oder an Poststellen zu verkaufen. Aber dafür bräuchte ich eine Verpackung und verschiedene Reseller wünschen verschiedene Verpackungen und so weiter. Das ist alles mit Zeit, Aufwand und Vorinvestitionen verbunden. Und da mein Kapital und meine Zeit beschränkt sind, sehe ich momentan von solchen Vorhaben ab und konzentriere mich hauptsächlich darauf, Neukunden über meine Website, Amazon und Social Media zu erreichen.

Wo sehen Sie BeachTowelTwist in 5 Jahren?

Es gibt drei Szenarien. Das erste ist, dass es so langsam weitergeht wie jetzt. Das zweite Szenario ist, dass das Produkt einschlägt bis hin zum «Boom» und das dritte: Es gibt zwar einen Boom, aber das Produkt wird dann in Kürze kopiert. BeachTowelTwist ist zwar patentiert, aber das Risiko ist halt trotzdem vorhanden.

Ideal wäre natürlich, in der nächsten Zeit so viel Kapital generieren zu können, um die nächste Stufe zu erreichen. Dafür brauche ich zuerst mehr Kapital und auch Zeit. Ich hätte auch noch weitere Ideen für tolle Produkte – aber es ist immer eine Frage der Investition. Eine Zukunftsvision ist auch die Grosskundenakquise. Problematisch ist dort nur, dass die Marge ins Mikroskopische schrumpft. Das möchte ich momentan aber auch nicht, solange ich nicht das nötige Kapital erwirtschaftet habe, um die nächsten Schritte einzuleiten.

Das Blatt kehrt sich hoffentlich irgendwann, sodass Firmen und Privatpersonen irgendwann von sich aus auf mich zukommen. Momentan verstehen die Leute nicht sofort, wovon ich rede, wenn das Stichwort «BeachTowelTwist» fällt.

Was würden Sie möglichen Neustartern empfehlen, wenn sie so ein Projekt angehen wollen?

Unterdessen ist es zu einem Lebensmantra von mir geworden: Einfach machen! Machen, machen, machen. Sie sollten mit 70, 80 Jahren nicht zurückblicken und sich fragen müssen: «Warum habe ich nicht…?! Hätte ich doch…» Wenn man nicht gerade einen Kredit von ein paar Million aufnehmen muss, der einem lebenslang aus der Bahn werfen kann, einfach machen, einfach anfangen! Im Kopf hat man immer das perfekte Bild von einem perfekten Produkt, einer perfekten Website und vom perfekten Kunden – aber der erste Schritt ist relevant. Den muss man einfach mal tun. Alle anderen Fragen klären sich dann auf dem Weg.

Auch möchte ich den Neustartern empfehlen, mit Familie, Freunden und Bekannten zu reden und zu fragen, ob sie das Produkt verwenden würden – und wenn ja: wie. Und vor allem ist es wichtig, sich mit Menschen zu unterhalten, die auch selbstständig sind (oder im Begriff sind, es zu werden). Auch empfehlenswert sind die Kurse vom IFJ Institut für Jungunternehmen, vom RUZ Unternehmerzentrum in Baar und natürlich auch die Workshops und Stammtische von Neustarter. So trifft man auf viele Unternehmer, die wertvolle Tipps auf Lager haben und von denen der entscheidende Punkt kommen kann.

Die Entwicklung einer Website ist schwierig. Alle Neustarter müssen sich genügend Zeit dafür nehmen und sich überlegen, was und wie genau sie verkaufen wollen und vor allem: wie sie es präsentieren möchten. Die Website muss nicht 100-prozentig perfekt sein – man kann immer noch mehr Zeit und Geld investieren. Nach oben gibt es da keine Grenze. Die muss man sich selber setzen.

Worauf sind Sie heute am meisten stolz?

Dass ich es gemacht habe. Von der ersten Minute an habe ich gewusst, dass es sich um ein Projekt handelt und nicht um etwas, was ich bis ins Pensionsalter machen kann. Denn auch wenn es erfolgreich wird, würde es kopiert und zu einem Massenprodukt werden. Als Schweizer Unternehmer würde ich dann zu den teuersten Anbietern gehören. Da kann man sich dann versuchen abzuheben, wie man möchte. Das würde schwierig werden. Ausserdem würde ich, sobald das Produkt eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, nicht mehr gefordert werden. Ich bin ein Mensch, der im Hinterkopf schon die nächsten drei Ideen hat und nicht in eine Routine kommen möchte.

Besonders stolz bin ich auch darauf, dass ich das Projekt selber finanzieren konnte. Ich bin niemandem etwas schuldig.

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