Story

Klaus Viehmann ist Ingenieur und seit 2015 Energieberater.

Ein bisschen Mut gehört dazu. Aber man kann immer wieder anfangen

Nach der Automobilkrise war mir klar, dass in meinem angestammten Bereich nicht mehr arbeiten würde. Durch viele gute Gespräche und ausführliche Recherche kam ich dann darauf, mich auf Basis meines Ingenieurstudiums weiterzubilden.

Klaus Viehmann
Name
Klaus Viehmann
Neustart
2015
Branche
Dienstleistung

Was war die Vorgeschichte zu Ihrem Neustart?

Zusammen mit meiner Frau habe ich immer schon gesagt, dass es für uns keine „Rentenzeit im Sessel“ geben würde. Gott hat uns als lebendige Wesen geschaffen, warum sollten wir uns „zur Ruhe setzen“. Der eigentliche Grund, warum ich noch einmal neu gestartet bin, liegt darin, dass wir, als ich 61/62 Jahre alt war, mit unserer Firma eine Insolvenz hatten. Damals haben wir „alles“ verloren, also Haus, Lebensversicherungen, Vorsorge etc. Nur eine kleine staatliche Rente hätte uns in der Pension erwartet. Als ich noch einmal etwas Neues anfangen wollte, erhielt ich dann aber zudem noch eine Krebs-Diagnose, so dass ich erst einmal gar nichts machen konnte. Glücklicherweise bin ich wieder ganz genesen.

Was waren die Motive für das Projekt Neustart?

Das Motiv war eindeutig, dass wir bei unserer kleinen staatlichen Rente eine zusätzliche Einnahme benötigen würden. Hartz IV oder die sogenannte „Grundversorgung“ wollten wir nur im äussersten Notfall. Allerdings war der Beginn nicht so einfach. Zu Anfang, als ich vom Krebs geheilt war, versuchte ich alles Mögliche zu machen, damit erst einmal Geld herein kommt. Das funktionierte aber irgendwie nicht. Nach der Automobilkrise 2008/2010 war mir klar, dass in meinem angestammten Bereich (ich war immer selbständig im Bereich Beratung u. Software im Bereich Automobil- und Zuliefer-Industrie) nicht mehr arbeiten würde. Durch manche Gespräche und dann ein entscheidendes Gespräch mit einem Freund, der bereits im Sektor „Energie-Effizienz“ selbständig arbeitete, kam ich dann auf das, was ich heute mache.

Wie sind Sie konkret gestartet?

Zunächst habe ich im Internet recherchiert, wie ich am besten starten könnte. Dabei hat sich für mich ein Weg herauskristallisiert. Ich habe mich dann zusätzlich n Hamburg bei einer Beratungsstelle erkundigt. Dort hat man gemeinsam ebenfalls nach einem Weg gesucht. Dort kam dann das Gleiche heraus, was ich auch bereits recherchiert hatte: Es gibt eine Fern-Ausbildung an der TU Darmstadt zum „Energieberater TU Darmstadt“, der einzigen in Deutschland geschützten Bezeichnung für Energieberater. Denn man braucht eine Qualifikation, wenn man z.B. Unternehmen mit Hilfe von Fördermitteln beraten will.

Wer hat Sie inspiriert, unterstützt?

Da ich in fast meinem gesamten Berufsleben selbständig war und immer in der Beratung von Unternehmen tätig war, kam mir die „Energie-Effizienz-Beratung“ sehr entgegen. Unterstützt hat mich von Anfang an meine Frau.

Was waren förderliche Aspekte beim Vorbereiten und Lancieren des Neustarts?

In der Beratungsstelle in Hamburg wies man mir auch einen Weg für die staatliche Unterstützung des Fernstudiums an der TU Darmstadt. Auf diese Weise erhielt ich dann ca. 2/3 (mehr als 1.000 €) des Kurses vom Staat bezahlt. Es hat mich sehr erstaunt, dass bei der Förderung nicht das Alter zählt (ich war da bereits 65/66 Jahre alt, bezog bereits Rente) sondern nur die eigene finanzielle Situation. Ich habe mich dann einfach für den nächsten Kurs angemeldet und los ging es. Die Voraussetzungen waren bei mir zum Glück erfüllt! 1. bin ich Dipl.-Ing. 2. konnte eine anerkannte Zusatzausbildung vorweisen 3. hatte ich bereits eine mindestens 3-jährige Tätigkeit in einem Energie-Effizienz-Umfeld absolviert Somit fehlte mir nur noch der Kurs, den ich dann im Frühjahr 2014 mit Erfolg abschloss.

Was waren Herausforderungen, die Sie meistern mussten?

Der Kurs selber stellte keine Schwierigkeit dar, denn es ging darum, dass man als Ingenieur in einem neuen Feld Wissen erwerben musste. Für mich war in meinem Arbeitsleben immer wichtig, dass die Arbeit auch Spass machen musste. Das schien mir hier auch erfüllt und bestätigte sich dann später bei der Ausübung des Berufs. Die eigentliche Herausforderung bestand für mich dann aber darin, in einem „fremden“ Geschäftsfeld erstmals zu akquirieren. Ich begann einfach damit, an meinem Wohnort die Gewerbe- und Industriefirmen „abzuklappern“. Dabei gabelte ich dann nach ca. 3 Monaten meinen ersten kleinen Auftrag auf. Danach ging es dann mit Telefonlisten weiter. Das war zuerst ein mühseliges Geschäft, zumal ich früher mehr der „Ingenieur“ als der „Verkäufer“ war. Sicherlich kam mir sehr entgegen, dass das Geschäftsfeld überhaupt neu war. Es hat dann noch ca. ein weiteres ½ Jahr gedauert, ehe dann weitere Aufträge hereinkamen. Mittlerweile betreibe ich dieses Geschäft nun 2 Jahre und es ist ganz gut angelaufen, soeben bin ich 69 Jahre geworden. Seit über einem Jahr bin ich nun auch bereits als „Energieauditor für Audits nach DIN EN 16247“ (zumeist Mittelstand bis ca. 2.000 MA) eingetragen bzw. zertifiziert. Nun habe ich mich noch entschlossen auch die Zusatzqualifikation für den „Energieauditor für Audits nach ISO 50001“ (zumeist Grossfirmen) zu machen. Das ist etwas umständlicher, denn dort wird zunächst eine Ausbildung zum Energie-Management-Beauftragten gefordert, die ich zurzeit wiederum mit einem Fernkurs mache. Wenn diese dann im Januar abgeschlossen ist, werde ich noch den einwöchigen Kurs zum Auditor beim TÜV abschliessen. Dann habe ich alle Qualifikationen, die man für Gewerbe und Industrie in dem Geschäftsfeld „Energie-Effizienz“ benötigt.

Was würden Sie möglichen Neustartern empfehlen, wenn sie so ein Projekt angehen wollen?

Sich vorher ausführlich zu erkundigen, Gespräche führen und prüfen, ob das „Herz dabei mitschlägt“. Denn in unserem Alter kommt es doch sehr darauf an, dass man sich „nicht mehr quälen muss“.

Würden Sie etwas Derartiges noch einmal machen?

Ja, jederzeit.

Worauf sind Sie heute am meisten stolz?

Worüber freuen Sie sich am meisten? Am meisten freue ich mich darüber, dass wir seit 4 Monaten wieder in ein Haus zur Miete eingezogen sind und in unseren eigenen Möbeln wohnen. Das war uns 6 Jahre lang wegen der anfänglich geschilderten Situation verwehrt.

Wie läuft das Unternehmen jetzt?

Mit dem bisherigen Verlauf bin ich ganz zufrieden. Als Erfolg betrachte ich, dass bisher alle Kunden zufrieden mit der Projektarbeit und den Ergebnissen waren. Ein Kunde hat sich erneut gemeldet für weiterführende Leistungen. Der Auftragseingang sollte noch stetiger und grösser sein.

Ist es Ihrer Ansicht nach einen Unterschied, ob man 20 oder 60 ist bei der Neugründung?

Ich denke schon, dass es einen Unterschied macht. Denn in meinem Fall „muss“ das Ganze gelingen. Mit 20 kann man schon mal einen Fehltritt machen, aber man geht sicherlich mit noch viel mehr Elan an die Sache heran. Was ich aber als grossen Vorteil betrachte, ist die Berufserfahrung, die ja viel weiter geht als das reine Fachwissen. Hier kommt einem natürlich die Erfahrung von vielen Beratungsprojekten zugute. Auch denke ich, dass man in meinem Alter nicht mehr ganz so schnell nervös wird, wenn es mal nicht so läuft mit dem Auftragseingang.

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