Story

Albert Mehr war früher Generalkonsul. Heute ist er leitendes Mitglied im Wandertheater «Senioren-Theater St. Gallen».

Bühnenwechsel: Vom Generalkonsul zum Schauspieler

Albert Mehr ist als Generalkonsul schon überall gewesen – in London, Algier, Bregenz, Sydney, … Mit seinen 77 Jahren reist er noch immer. Nur nicht mehr von Land zu Land, sondern von der einen Theaterbühne auf die nächste.

Albert Mehr
Name
Albert Mehr
Alter
77
Neustart
2006
Branche
Kunst

Herr Mehr, wie kamen Sie dazu, nach Ihrer Pensionierung beim Theater mitzuwirken?

Theater hat mich immer gereizt. Im Kindergarten durfte ich an Weihnachten den Josef spielen, den Text kann ich heute noch. In der Sekundarschule spielte ich Gessler und den Arzt bei den Molkenkuren in meinem Geburtsort Gais. Mit zwanzig Jahren habe ich ein Dorfkabarett verfasst. Später wurde ich während meiner Tätigkeit in Bangladesch (91-96) eingeladen, in der Theatertruppe des British Council mitzuspielen (Hamlet, Sommernachtstraum, Talk in the Park von Ayckbourn).

Worin bestehen Ihre Aufgaben beim Senioren-Theater St. Gallen?

Gegenwärtig spiele ich die männliche Hauptrolle. Daneben bin ich zuständig für die Spielorganisation der über 50 Auftritte (Daten, Gagen, Beantwortung von Anfragen).

Was haben Sie beruflich gemacht, bevor Sie leitendes Mitglied beim Wandertheater wurden?

1962 bestand ich die Aufnahmeprüfung beim damaligen Politischen Departement zum Kanzleidienst und wurde im Herbst des gleichen Jahres für den zweijährigen Stage nach Lyon versetzt. In der Folge war ich in London, Algier, Bregenz, Kairo, Bern, nochmals London, Dhaka, Montreal und Sydney tätig. Meine Erlebnisse habe ich in meinem Buch «Spuren» zusammengefasst. Die Auflage von 1200 Exemplaren ist praktisch ausverkauft.

Welche Schwierigkeiten mussten Sie beim Neustart überwinden?

Eigentlich keine – die Bretter, die die Welt bedeuten, sind gar nicht so verschieden vom diplomatischen Parkett und seinen «Akteuren»!

Das Theater gibt ja sehr viele Vorstellungen. Bleibt da für Sie noch Zeit für anderes?

Zusammen mit meiner Gattin war ich während zehn Jahren in einem Pflegeheim als Freiwilliger in der Demenzabteilung tätig. Heute sind wir einmal pro Monat bei einer Französisch-Runde in einem anderen Alterszentrum tätig. Neuerdings sind wir auch «Botschafter» der Stadtbibliothek St. Gallen, wir bringen Mitgliedern, die nicht mehr mobil sind, die gewünschten Bücher und holen diese wieder ab.

Wie lange und intensiv muss denn geprobt werden, um ein Stück mit der Gruppe einzustudieren?

Die Wahl eines neuen Stücks durch den Vorstand findet ein Jahr vor der Premiere statt, welche alle zwei Jahre immer anfangs September stattfindet. Die Proben dazu beginnen Ende Januar. Die Spielperiode ist von September bis zum übernächsten Frühjahr.

Als Konsul haben Sie bestimmt schon so Einiges erlebt und immer wieder dazugelernt. Was ist der Unterschied zum Schauspieler-Dasein?

Im Ausland ein Team zu führen ist gar nicht so verschieden von meinem gegenwärtigen Job. Man lernt dabei Menschenkenntnis, Mobilität, Toleranz und Beweglichkeit und ist im engen Kontakt mit der Schweizer Kolonie.

Welche Tipps können Sie künftigen Neustartern geben?

Sich bei der Pensionierung rasch entschliessen, was man unternehmen will. Auf keinen Fall lange zuwarten!

Am besten, man schliesst sich einem Stammtisch (wie dem von Neustarter) oder einem Verein an und sucht das Gespräch mit möglichst vielen Gleichaltrigen. Es lässt sich immer eine Plattform finden, wo man seine Erfahrungen und Fähigkeiten weiter positiv einsetzen kann. Mein letzter Tipp: Viel Reisen!

Worauf sind Sie heute am meisten stolz?

Dass es mir und meiner Gattin gelungen ist, mit unseren drei Söhnen trotz den regelmässigen Versetzungen eine glückliche und gesunde Familie zu haben und gleichzeitig eine schöne und interessante Karriere zu machen. Wir pflegen immer noch einen regen Kontakt mit ehemaligen Mitarbeitenden, mit denen wir in aller Welt so viel erleben durften. Seit 1993 unterstützen wir finanziell ein Spital in Bangladesch, damit ein dort im Busch lebender Priester aus den USA behinderte Patienten gratis operieren lassen kann.

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