Story

Luzia Vieli hat ihr Interesse für Alters- und Generationsthemen zum Beruf gemacht.

Alter gestalten und Generationen verbinden

Als ihre Kinder ins Erwachsenenalter kamen, wurde Luzia Vieli die Bedeutung des Älterwerdens bewusst. Ihr Interesse für Altersnehmen wuchs und wuchs, sie absolvierte einen Lehrgang und nach der Pensionierung hat sie ihre eigene Firma gegründet: die alternativa.

Luzia Vieli
Name
Luzia Vieli
Alter
73
Neustart
2008
Branche
Bildung und Beratung

Können Sie das Produkt Ihrer Einzelfirma konkret beschreiben?

Ich mache Bildungs- und Beratungsangebote zu Alters- und Generationenthemen. Ein paar Beispiele: Moderation von Veranstaltungen, öffentliche Gespräche mit bekannten älteren Menschen, Konzipieren eines Veranstaltungszyklus für Angehörige von Demenzbetroffenen, Workshops, Referate und Teilnahme an Podien, Moderation von Erzählcafés in Alterszentren, Projektarbeit für ein Demenzzentrum, Beiträge für Publikationen, Mitgestaltung von Kursen zur Vorbereitung auf die Pensionierung, schriftliches Festhalten von Lebenserinnerungen alter Menschen.

Mein Produkt ist nicht mit Händen zu greifen und ist insofern abstrakt. Aber wenn ich mit älteren Menschen in Kontakt trete und mich auf vielfältige Weise mit ihnen austausche, dann beeinflusst das ihr Leben oft ganz konkret. Sie bekommen Anregungen für die Gestaltung ihrer Lebensphase. Die einen oder anderen meiner Gedanken fallen immer auf fruchtbaren Boden und tragen konkrete Früchte. Sie wirken sich auch auf das Zusammenleben der Generationen aus.

Wie hat denn alles begonnen? Wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Einzelfirma zu gründen? Was waren Ihre Motive?

Eigentlich begann alles, als ich gut fünfzig war. Ich sah, dass unsere Kinder erwachsen wurden und bei mir nahm ich Zeichen des Älterwerdens wahr. Mein Fokus verschob sich von der Jugend zum Alter und ich nahm alte Menschen ganz anders wahr als früher. Auf einmal fand ich Themen rund um das Alter besonders spannend. Ich besuchte mit grossem Interesse berufsbegleitend einen Lehrgang zum Thema Alter und hielt dann irgendwann ein Zertifikat als Altersbildnerin in der Hand. Meine angestammte Berufsarbeit führte ich weiter, ging aber nebenher zu einschlägigen Vorträgen, las viel über die neue Lebensphase und verfolgte Sendungen an Radio und Fernsehen. Irgendwann würde ich mein Wissen und meine Erfahrungen mit andern teilen! Die Gründung meiner alternativa erfolgte erst nach meiner Pensionierung.

Was gab es im Zusammenhang mit der Firmengründung konkret zu tun?

Am Anfang standen viele Gespräche mit meinem Mann, mit unseren längst erwachsenen Kindern, mit Freunden und Bekannten, die in andern Bereichen Ähnliches gewagt hatten. Ich machte für mich selber eine Art Auslegeordnung: Was für Kompetenzen und Erfahrungen aus meinen früheren Tätigkeitsfeldern bringe ich mit? Wer könnte interessiert sein und an welcher Art von Angebot? Vielleicht Menschen vor oder kurz nach der Pensionierung, Menschen im «Sandwich» zwischen ihren noch nicht ganz erwachsenen Kin-dern und ihren sehr alten Eltern, Seniorenvereine, Frauengruppen etc. Weiter entwickelte ich meine Website, gestaltete einen Flyer und kontaktierte mögliche Zielgruppen. Bald konnte ich erste kleine Verpflichtungen eingehen. Die Honorarfrage war nicht so zentral, weil ich als Mensch im Pensionsalter von meiner nachberuflichen Arbeit nicht leben muss.

Was haben Sie früher beruflich gemacht?

Mein Berufsleben war ein buntes Patchwork: Primarlehrerin, später Mittelschullehrerin für Deutsch und Englisch, während fast 20 Jahren Leiterin einer universitären Fachstelle (Hochschuldidaktik), daneben fast 10 Jahre Mitglied des Zürcher Stadtparlaments. So hatte ich am Ende meines Berufslebens viele und ganz verschiedenartige Kompetenzen, die ich irgendwie weiter nutzbar machen wollte. Hinzu kam meine Erfahrung als Familienfrau und Mutter.

Welchen Gewinn ziehen Sie ganz persönlich aus Ihrer heutigen Arbeit?

Ich lerne durch meine Tätigkeit viel für mein eigenes Alter und für die Gestaltung des Alters zusammen mit meinem Mann. Ich bekomme auch viel Wertschätzung, und die kann auch ein Mensch im Alter ganz gut brauchen. Bei meiner Arbeit wird mir immer wieder vor Augen geführt: Ich habe als alter Mensch immer noch viel zu sagen. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen mir und meinem Publikum. Ich geniesse eine hohe Glaubwürdigkeit, weil ich als Mensch in fortgeschrittenem Alter aus eigener Erfahrung zu Alters- und Generationenthemen sprechen kann. Erfreulich ist auch, dass ich ein wenig Geld verdiene, das ich dann beispielsweise in Reiseprojekte investieren kann.

Ich bin stolz darauf, in meiner Lebensphase mehr als früher eine ausgewogene Mischung aus Aktivität und Musse zu schaffen. Mein Mann und ich blockieren weit voraus einige Monate pro Jahr. Da kommen keine nachberuflichen Verpflichtungen rein, sondern Projekte, die uns ebenfalls wichtig sind. Auch Freiwilligenarbeit findet noch Platz. Im vergangenen Jahr ist im Quartier eine organisierte Nachbarschaftshilfe entstanden, die ich wesentlich mitprägen konnte. Sie kommt vor allem älteren Menschen zugute, die möglichst lange zu Hause bleiben möchten. Aber sie entlastet auch die jüngere Generation.

Würden Sie den Neustart mit Ihrer Einzelfirma nochmals machen?

Auf jeden Fall! Vor allem weil es mir gelingt, andere Menschen (auch jüngere) für meine Themen zu sensibilisieren. So leiste ich meinen Beitrag zu einem Kitt zwischen den Generationen, der besonders wichtig ist angesichts der demografischen Entwicklung in unserer Zeit. Das folgende Wort von Kurt Tucholsky (1890-1935) beeindruckt mich immer wieder: «Die verschiedenen Altersstufen der Menschen halten einander für verschiedene Rassen. Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.» Es ist eines meiner Ziele, das Verständnis zwischen Alt und Jung zu fördern.

Ein gesunder Mensch, der heute ins Pensionsalter eintritt, hat noch sehr viel Potential, das auf die eine oder andere Weise genutzt werden kann. Dies vorzuleben und andern zu vermitteln ist spannend und schön für eine Frau in der dritten Lebensphase. Ich tue dies unter anderem über meine nachberufliche Tätigkeit.

Im Web:

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