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Wie wollen wir morgen wohnen?

Wie wollen wir morgen wohnen?

Nachhaltiges, generationengerechtes und gemeinschaftliches Wohnen – das ist die Vision der Interessensgemeinschaft «Wohnwerkstatt», die sich aktuell auf den Weg macht, um Wohnen neu zu denken. Im Interview mit Beate Harmel wird deutlich: Es lohnt sich heute schon darüber nachzudenken, wie wir morgen wohnen wollen.

Liebe Beate, wie ist die Idee zur «Wohnwerkstatt» entstanden und was steckt dahinter?

Die Wohnwerkstatt soll Menschen dazu inspirieren, über das Thema «Wie wollen wir morgen wohnen?» oder «Wohnen in einer anderen Form» nachzudenken. Im vergangenen Sommer haben wir uns ungefähr zu zehnt zusammengesetzt, um genau diese Fragen zu untersuchen und rauszufinden, was denn wichtige Ziele sein können.

Unsere Gruppe besteht zurzeit aus einem sechsköpfigen Kernteam. Alle wohnen im Moment noch zu zweit in Einfamilienhäusern. Wir sehen aber den Mehrwert von anderen Wohnformen, die vernetzt, nachhaltig, gemeinschaftlich, generationengerecht, regional, auf den demografischen Wandel antwortend ein Wohnen und Leben ermöglichen, in dem das Voneinander-Lernen ein wichtiger Aspekt ist. Es geht uns nicht nur um das Wohnen im Alter, sondern um Wohnen mit mehr Gemeinschaft, weil Diversität inspiriert.

Welche Herausforderungen auch in Bezug auf «Wohnen im Alter» möchtet ihr mit eurem Projekt adressieren?

Hier sind uns die folgenden Aspekte ganz wichtig: Sicherheit, nicht alleine sein, Gemeinschaft, gute Nachbarschaft. Das ist uns wichtig für das Wohnen im Alter.

Dazu kommt: Viele von uns haben zu viel Platz. Wir sind von zu vielen Dingen umgeben und leben auf zu vielen Quadratmetern – was im Alter wegen der vielen Arbeit im und ums Haus immer mühsamer wird. Und noch wichtiger: Wir alle verbrauchen mehr Ressourcen und Platz, als vorhanden sind. Der Weg zum «Wohnen in einer anderen Form» ist sicher eine Herausforderung, sich von dem gewohnten Platz und den vielen Sachen zu lösen, die gewohnheitsmässig einfach so zur Verfügung stehen. Aber das sind Herausforderungen, die unserer Meinung nach gut überwindbar sind.

Beate Harmel
Beate Harmel

Wo steht das Projekt aktuell?

Wir haben mehrere Workshops durchgeführt, um Menschen in der Region auf das Thema aufmerksam zu machen und sind aktuell damit beschäftigt, noch mehr Menschen zu erreichen. Wir haben aber auch schon mit Kreisräten und dem Bürgermeister Kontakt aufgenommen, um zu sagen: Es gibt uns, hier läuft was. Die Politiker reagieren überwiegend sehr interessiert und positiv. Wir bewerben uns konkret in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Lauchringen um Beratung als zivilgesellschaftliche Gruppe beim Förderbaukasten des Landes Baden-Württemberg, bei dem es um Quartiersentwicklung geht.

Lasst ihr euch dabei auch von ähnlichen Konzepten in anderen Städten oder Ländern inspirieren?

Ja. Wir haben guten Kontakt zu der WOGE in Waldshut, einer kleinen Genossenschaft, die ihr Vorhaben bereits realisiert hat, wir haben Besuche in Zürich im Kraftwerk wie auch in der Kalkbreite und in Basel im Areal StadtErle der Wohngenossenschaft Zimmerfrei gemacht, um dortige Genossenschaften und Formen von verdichtetem Wohnen mit mehr Gemeinschaft zu besichtigen.

Die Generationen vor uns haben die bisher üblichen Wohnmodelle im Alter – selbstständiges oder betreutes Wohnen zuhause oder in einem Pflegeheim – vorgelebt. Woher kommt nun das Bedürfnis nach neuen Wohn- und Lebensmodellen im Alter? Was hat sich verändert?

Das selbständige Wohnen zu Hause ist bei vielen Menschen nur mit Unterstützung der Familie oder durch ein gut organisiertes Netzwerk möglich. Die Familien sind aber nicht mehr so dicht zusammen wie früher. Die Organisation von Netzwerken ist aufwändig und unvollkommen. Auch die von vielen gewählte Lösung, eine 24-Stunden-Kraft aus Osteuropa einzustellen, braucht die Unterstützung der Familie. Wir wollen selbst vorsorgen für die Zeit, wenn Veränderungen unser Leben bestimmen, wir wollen rechtzeitig an einen Ort ziehen, an dem wir bleiben können. Das geht nicht in jedem Fall, aber wir wollen so weit wie möglich die Verantwortung für unser eigenes Wohnen und Leben auch in der Zukunft übernehmen. Dazu gehört es eben auch, die eigene Wohnumgebung rechtzeitig zu verkleinern. Verkleinern heisst aber nicht automatisch, auf ganz viel verzichten zu müssen: Durch das Teilen von Maschinen, Geräten, Büchern, Fahrzeugen habe ich schlussendlich vielleicht sogar noch mehr Dinge zur Verfügung, als ich vorher hatte.

Wann ist denn der passende Zeitpunkt, um sich mit den eigenen Bedürfnissen und Wünschen für das Wohnen im Alter auseinanderzusetzen?

Für mich genau jetzt, wo ich Zeit und Energie reinstecken kann und will. Grundsätzlich glaube ich, dass ich das auch schon früher gut hätte tun können – aber da war ich noch zu sehr mit anderen Lebensaufgaben beschäftigt. Im Nachhinein höre ich beispielsweise von den Mitgliedern der WOGE, dass es sicher früher unbedingt sinnvoll gewesen wäre, weil sie so zufrieden mit der jetzigen Wohnsituation sind – aber die haben es eben auch nicht früher gemacht. Bestimmt ist es bereichernd, wenn Menschen sich schon so früh wie möglich mit diesem Thema auseinandersetzen. In unseren Workshops waren/sind zum Glück auch junge Familien und überhaupt jüngere Menschen dabei. Die jüngeren Menschen denken also über nachhaltigere und vernetztere Wohnformen in ihrer jetzigen Lebenssituation nach, sie streben geringere Kosten, mehr gegenseitige Unterstützung und mehr Gemeinschaft an. So lange Menschen oder ältere Paare gesund, somit mobil und kontaktfähig sind, sehen sie oft noch nicht die Notwendigkeit, an der gewohnten Lebenssituation etwas zu ändern.

In unserer heutigen Gesellschaft wohnen und leben die verschiedenen Generationen meist getrennt voneinander. Welche Möglichkeiten seht ihr, dass sich Menschen jeden Alters wieder vermehrt in ihrem Alltag begegnen?

Ich wünsche mir einen Bewusstseinswandel, dass man Wohnen und Leben neu denkt – losgelöst vom Alter, bei jedem Einzelnen, in der Gemeinschaft, Wirtschaft und Politik. Es soll möglich sein, in Gemeinschaft selbstbestimmt wohnen und leben zu können.

Die Trennung der Generationen in Familien entsteht ja im Normalfall, wenn die Kinder ausziehen. Diese räumliche Trennung braucht es in einer Familie ab einem gewissen Zeitpunkt. Vielleicht macht genau darum eine Generationengemeinschaft Sinn, wenn die Parteien nicht miteinander verwandt sind. Eine Generationengemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützen könnte, zum Beispiel indem die Älteren auf die kleinen Kinder aufpassen und die Jüngeren für die ältere Generation einkaufen geht und so weiter.

Was wünschst du dir persönlich für dein Wohnen im Alter?

Ich wünsche mir, zu zweit in einer schönen Wohnung zu leben, deren Grösse mir reicht, um bei Bedarf genügend Privatsphäre zu haben. Ich träume davon, in einem grossen Gebäude mit Menschen zusammen zu wohnen, unter denen ich Freunde habe und die mir bekannt sind. Ich stelle mir das Leben leichter vor, wenn es Gemeinschaftsaufgaben gibt, die sich auf viele Schultern verteilen und lustiger, wenn man zu mehreren eine Katze oder einen Hund hat, sich die Fahrzeuge teilen kann, es nicht weit hat, wenn man Lust auf Gesellschaft hat und vor allem stelle ich mir vor, dass es inspirierend ist, nicht nur zu zweit oder allein zu sein.

Vielen Dank, liebe Beate!



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