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Wenn Führungskräfte freigestellt werden

Wenn Führungskräfte freigestellt werden

Gerade für Führungskräfte haben Beruf und Karriere häufig einen sehr hohen Stellenwert. Dasselbe gilt für das Beziehungsumfeld, in welchem sie sich bewegen. Ein Stellenverlust bedeutet daher besonders für Führungskräfte oft ein Gesichts- und Statusverlust, mit dem sie umzugehen lernen müssen. Ein kleiner Ausflug in die Geschichte von Herrn A.

Der gepflegte Mann im braunen Mantel ist noch nicht ganz 50 Jahre alt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder im schulpflichtigen Alter. Er besitzt ein Haus, zwei Autos und ein Segelboot. Und bis vor kurzem arbeitete er in leitender Position in einem Grossbetrieb.

Herr A. hatte seine Karriere sorgfältig geplant, er verfügt über eine solide Ausbildung und hat sich regelmässig weitergebildet. Er kann von sich behaupten, dass er sein Fachwissen laufend auf dem neusten Stand gehalten hat. Seiner Laufbahn hat er viel Zeit und Kraft geopfert, im Vertrauen auf seinen Arbeitgeber und die eigene Leistungsfähigkeit. Trotzdem hat sich die Konzernleitung anders entschieden: Herr A. muss gehen, seine Stelle wird wegrationalisiert. Er kann weder in eine andere Abteilung noch in eine Zweigniederlassung wechseln. Es bleiben ihm vier Monate Zeit, um eine neue Stelle zu finden.

Für Herrn A. bricht eine Welt zusammen. Er sieht seine Existenz bedroht und sein bis anhin durch Leistung und Loyalität gefestigter Lebensentwurf droht zu zerfallen. Er versucht, seine Situation in den Griff zu bekommen, ist aber nicht fähig, etwas für seine berufliche Zukunft zu unternehmen. Er gerät in ein psychisches Tief und wird krank. Sein Arzt empfiehlt ihm, sich an seinen Vorgesetzten zu wenden. Dieser ist bereit, Herrn A. eine Outplacement-Beratung zu finanzieren.

Unterstützung gegen die Angst

Herr A. braucht zuerst einmal Unterstützung gegen die existentielle Angst, seinen finanziellen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können. Seinem Einkommen entsprechend hat sich sein Lebensstandard entwickelt. Er fürchtet, das Segelboot aufgeben zu müssen. Als aktives Mitglied im Segelclub würde das für ihn einen schmerzhaften Gesichts- und Netzwerkverlust bedeuten. Auch seine Kinder sollen nicht plötzlich auf Musikstunden und Sportklub verzichten müssen. Mit Hilfe einer Auflistung seiner Verpflichtungen und der vorhandenen finanziellen Mittel beginnt Herr A., sich ein realistisches Bild seiner Situation zu machen. Das Entwerfen verschiedener finanzieller Szenarien hilft ihm, sich aus der Angstspirale zu befreien und offen zu werden für Auswege.

Gründliche Standortbestimmung

Als Resultat einer gründlichen Standortbestimmung sowie ausführlichen Eignungs- und Neigungsabklärungen formuliert Herr A. seine zukünftigen beruflichen und persönlichen Zielsetzungen. In der intensiven Auseinandersetzung mit seinem bisherigen Werdegang ist ihm klar geworden, dass er seinen Beruf zwar gewissenhaft ausgeübt hat, sich ihm aber auch ganz andere – und unter Umständen sogar attraktivere Wege eröffnen. Bisher hat er alternative Möglichkeiten nicht in Betracht gezogen. Da sich die Ausgangslage jetzt markant geändert hat, will er sich nun offen für Neues auf dem Arbeitsmarkt umsehen und ist motiviert, gegebenenfalls auch eine umfassende Weiterbildung zu absolvieren. Herr A. diskutiert auch mit seiner Frau mögliche Alternativen und Übergangslösungen. Die Betroffenheit, welche bisher die ganze Familie gefangen gehalten hat, wandelt sich allmählich in verhaltenen Optimismus.

Kontaktnetz nutzen

In einem nächsten Schritt wird Herr A. seine Bewerbungsunterlagen überarbeiten und beginnen, eine neue Stelle zu suchen. Dazu wird er sein persönliches und berufliches Kontaktnetz reanimieren und nutzen, ohne sich für seinen Karriereknick und Neustart zu schämen.

Herr A. ist darauf vorbereitet, dass er mit Absagen rechnen muss. Er wird sich dadurch nicht entmutigen lassen und versuchen, den Grund für die Kündigung nicht mehr nur bei sich selbst zu suchen. Schliesslich haben die verschiedenen Tests und Abklärungen in der Outplacement-Beratung bewiesen, dass Herr A. dem Arbeitsmarkt noch einiges zu bieten hat.

Das Ende der Welt ist die Kündigung also allemal nicht – sondern viel mehr eine Chance, endlich aus der Komfortzone zu treten und Neues zu wagen.