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Von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit mit AWA – wir haben nachgefragt

Von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit mit AWA – wir haben nachgefragt

Donato Ponzio, 57, Leiter der Fachstelle Selbständigkeit im Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Zürich.

Herr Ponzio, haben Sie sich selbst schon mal überlegt, sich selbständig zu machen?

Ich war längere Zeit selbständig – daher kommt mir der Gedanke schon ab und zu wieder in den Sinn. Ich empfinde meinen Alltag im Amt für Wirtschaft und Arbeit als Leiter der Fachstelle jedoch als erfüllend, da ich viele spannende Menschen kennenlerne und tolle Projekte im Rahmen der Arbeitslosenversicherung durchführen kann. Sehr klare Zeitstrukturen, sicheres Gehalt, bezahlte Ferien und die Unterstützung durch Kollegen/Kolleginnen und Vorgesetzte tragen zu meiner beruflichen Zufriedenheit massgebend bei. Viele meiner Bedürfnisse und Wünsche ans Leben sind somit abgedeckt. Darum ist der Drang nach Selbstständigkeit eher gering.

Als Selbstständiger hätte dann ja die hilfreichen Unterstützungsmassnahmen wie das fixe Gehalt etc. nicht mehr zur Verfügung – darum würde ich mich wohl eher auf die Beratung und Begleitung von Interessierten in den ganz fundamentalen Fragen konzentrieren. Modern ausgedrückt: «Resilienz stärken», oder anders formuliert: Welche Bedingungen muss eine Person erfüllen, um genügend freie Ressourcen für eine Selbstständigkeit zu erlangen? Wie wäre eine kohärente Umgebung zu gestalten, sodass die Person erfolgreich wird und währenddessen gesund bleibt? Und wie kann eine Person mit Stresssituationen so gut und so entspannt wie möglich umgehen?

Wenn ich vorzeitig oder regulär in Pension gehe (oder geschickt werde) und mich selbstständig machen möchte, kann ich mich dann an Sie wenden?

Ja, wir sind allerdings genau in der Schnittstelle zwischen Arbeitslosenversicherung und der Selbständigkeit zuhause. Wir sind somit nicht eine jener Beratungsstellen, die generell Beratung zur Selbständigkeit anbieten. Sondern wir beraten gezielt Personen, die sich im Übergang von der Arbeitslosigkeit in die Selbstständigkeit befinden. Selbstverständlich sind aber auch nicht arbeitslose Interessenten willkommen.

Ich und meine beiden Kolleginnen sind nach Sparten organisiert. So schaffen wir es, in vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen aktuelle Informationen in petto zu haben – von IT bis zu Engel-Channeling, von Kochrezepten bis zu Unschooling Projekten, vom Urban Gardening bis zum MedTech-Bereich. Darüber hinaus sind wir in den eher praktischen, rechtlichen und administrativen Bereichen gut informiert – immerhin mehr als 20‘000 Projekte haben wir bis jetzt betreut und viele Erfahrungen in diesen Bereichen sammeln können.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: freiwillige oder unfreiwillige Pensionierung hat in Bezug auf diverse Sozialversicherungen einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Planung und Vorgehensweise. Es kommen nur selten Personen zu uns, die bereits die reguläre Alterspensionierung vollzogen haben. In diesem Fall sind ja die Arbeitslosenversicherung und somit auch unsere konkreten Instrumente der Hilfestellung nicht mehr relevant. Die Versicherung endet mit dem regulären Altersrücktritt.

Welche konkrete Unterstützung erhalte ich dann bei Ihnen?

Je nach Situation ist es – besonders bei vorzeitigem Altersrücktritt – gut, vor einem Entscheid eine gute Übersicht zu gewinnen, was in welcher Weise sinnvoll sein könnte. Besonders dann, wenn es auch drum gehen würde, Pensionskassengelder in der eigenen Firma einzusetzen. Sich mit uns eine gute, sinnvolle und nachhaltige Planung zu überlegen, kann also sehr nützlich sein. Unser erstes Anliegen und Angebot ist ja genau das: Orientierung – womit sich die Unterstützung an sich definiert: Was ist der bestmögliche Weg, das zu tun, was den einzelnen Personen am Herzen liegt und wofür sie sich einsetzen möchten – ohne sich dabei selbst ins Abseits zu begeben oder in die Prekarisierung? Welche Ressourcen können diese Personen für ihr Engagement einsetzen, ohne sich selbst Druck zu machen? Die Beantwortung solcher Fragen unterscheidet uns auch von vielen anderen Angeboten: Meistens geht es dort um das Projekt, die Geschäftsidee. Bei uns geht es um den Menschen: Welche Bedürfnisse hat er, wo steht er, was sieht er – und was nicht?

Gibt es ein Angebot ausserhalb Ihrer Fachstelle, welches Sie angehenden Selbständigen empfehlen würden? Beispielsweise eine informative Website, Plattformen zum Austausch oder Seminare?

Es gibt, insbesondere auch im Grossraum Zürich, ganz viele Angebote für Menschen, die eine eigene Firma starten möchten. Wir beschränken uns beim Empfehlen auf die Angebote, in welchem der Kanton Zürich aktiv ist, z.B. die Website: www.gruenden.ch. Private Angebote bewerben wir nicht. Für (in Kürze) Selbstständige ist es aber oft hilfreich, Tipps und Hinweise zu erhalten, wie sie an die notwendigen Informationen für ihr Projekt gelangen können – also besprechen wir mit ihnen bspw. nützliche Suchbegriffe für die gezielte Informationsbeschaffung in Suchmaschinen. Grundlegend sind wir jedoch dafür zuständig, konkrete Hinweise auf rechtliche Fragen wie Regulatorien, Sozialversicherungen, Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen, administrative Vorgaben im Bereich Buchführung etc. zu geben.

Welche zusätzlichen Angebote sind durch Sie förderfähig?

Förderfähig sind arbeitslose und bei der Arbeitslosenversicherung anspruchsberechtigte Personen, die Projekte einreichen, welche die gesetzlichen Vorgaben der Arbeitslosenversicherung erfüllen. Die Förderung ist einerseits eine mögliche Erleichterung im Bereich der Arbeitslosenversicherungs-Pflichten (Stellensuche, Kontrollpflichten). Andererseits bestehen Möglichkeiten, im unternehmerischen Bereich zusätzlich Coachings oder Kurse zu besuchen (Bsp. Administration, Marketing). Diese «Förderungen» sind allerdings an eine Vorbereitungsphase gekoppelt und nicht als Starthilfe zu verstehen. Sie setzen einen Anspruch bei der Arbeitslosenversicherung voraus.

Hatte einer Ihrer Klienten schon mal eine total verrückte Businessidee, bei der Sie sich sicher waren, dass sie nicht klappen wird, die später dann aber doch ein Erfolg wurde?

Ob eine Idee «ver-rückt» ist, scheint mir eher abhängig vom Standpunkt und Blickwinkel. Wir prüfen eher, ob die Idee legal ist. Wir achten darauf, dass sich die Personen über alle Aspekte (auch die Risiken!) im Klaren sind und sich darum bemüht haben, die Bedürfnisse und Wünsche ihrer potentiellen Kunden abzuklären. Wir gehen da ganz gelassen auf allerlei «ver-rückte» Sachen ein, wir beurteilen nicht die Idee. Sondern wir versuchen, den zukünftig Selbständigen zu vermitteln, dass eine Idee alleine nicht reicht. Er oder sie braucht u.a. Orientierungspunkte und Know-how in verschiedensten Bereichen und muss sich dem Unterschied zwischen Selbstständigkeit und Selbstverwirklichung bewusst sein. Wie gesagt: Orientierung, nicht Beurteilung.

Gibt es einen «richtigen» und einen «falschen» Weg?

Richtig und falsch sind Bewertungen, die es in sich haben. Wir massen es uns nicht an, darüber zu entscheiden. Bewertungen sind zwar beliebt und auch ständig präsent, uns interessieren aber mehr die «Glaubenssätze» dahinter. Sprich: Wie eine Person dazu kommt, einen Sachverhalt so zu betrachten und einzuschätzen, wie sie es tut.

Gibt es eine Geschäftsidee für Zürich, bei der Sie sagen: Das fehlt, das gibt‘s noch nicht, warum macht das niemand?

Wir gehen davon aus, dass Personen sich selbständig machen, weil sie ein Bedürfnis oder Wünsche von möglichen Kunden entdeckt haben, die sie besser, schneller oder anders als andere abdecken könnten. Es gibt sogar Personen, die sich auch ganz neue Dinge ausdenken, neue Wege überlegen, innovativ sind. Im Endeffekt bleibt es aber immer im Bereich der Wünsche und Bedürfnisse ihrer möglichen Kunden. Und das Feld ist glücklicherweise nicht so wahnsinnig breit, die effektiven Bedürfnisse sind überschaubar. Und ja; es gibt eben Ideen, die gab es vorher noch nicht. Und manchmal ist die Realisierung nicht erfolgreich, weil sie nicht an Bedürfnisse von möglichen Kunden gekoppelt ist.

Worin liegt der Unterschied ob man 20 oder 55 Jahre alt ist, wenn man sich selbständig macht?

Wir kennen die üblichen Glaubenssätze, die immer wieder ins Feld geführt werden. Für uns spielt das Alter allerdings keine Rolle. Die Selbständigkeit ist eine Art, einen eigenen Lebensentwurf in die Realität zu bringen. Der spürbare Unterschied ist wahrscheinlich die zeitliche Perspektive, die mit dem Alter natürlicherweise kürzer wird.

Was raten Sie Personen, die lange Jahre in einem Unternehmen gearbeitet haben und sich nun selbständig machen möchten?

Sich ein Feuer zu machen, alle Freunde einzuladen, das Vergangene wertzuschätzen und die wertvollen Erfahrungen und hilfreichen Situationen zu vergegenwärtigen und dann eine neue Geschichte zu schreiben, wo all die Schätze, die in der Vergangenheit gefunden wurden, eingebaut werden.

Ja, das Wichtigste scheint mir in solchen Situationen, dass der Rucksack gut gepackt wird, dass die Freunde mitgenommen werden, dass eine Orientierung stattfindet und die „Sippe“ mitzieht: «Gut, bin ich nicht allein.»