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...und dann Kunst

...und dann Kunst

Die Modedesignerin Paulina Tsvetanova führt einen Concept Store in Berlin und bringt als Galeristin diverse Künstler zusammen. Die Künstlerbiografien ähneln sich in einem Punkt: Für viele bedeutete der Weg zur Kunst einen Neuanfang, der eine gehörige Portion Mut brauchte.

Paulina wählt ihre Künstler gezielt aus. Als ehemalige Kulturvermittlerin ist ihr Netzwerk gross, dennoch akquiriert sie nicht bewusst. Meistens suchten die Künstler von sich aus den Kontakt zu ihr. «Das Niveau der gezeigten Arbeiten soll stimmen und doch ist auch die Chemie ein wichtiger Faktor für mich», sagt die Kuratorin.

«Ich kam mir wie ein Jongleur vor, der alle Kugeln gleichzeitig in der Luft halten musste.»

Herbert Stecher ist einer der Künstler, der bei Paulina Tsvetanova in der Galerie seine Lichtskulpturen ausstellt. Früher arbeitete Herbert als Inhaber einer Werbeagentur, die in erster Linie kundenorientiert funktionierte. So rückten seine künstlerischen Ambitionen als ehemaliger Fotodesigner in den Hintergrund und die verwaltungstechnischen Aufgaben beanspruchten ihn immer mehr. Er, der ursprünglich einen kreativen Job gewählt hatte, kam immer weniger dazu, sich künstlerisch zu betätigen.

Bis seine Gesundheit ernsthaft gefährdet war und er auf ärztlichen Rat den Ausstieg aus dem Agenturgeschäft suchte. Für Herbert Stecher bedeutete der Weg zur Kunst eine Veränderung hin zur handwerklichen Arbeit mit Lichtkörpern.

Herbert lernte schweissen und machte sein Hobby zum Beruf. «Bei den sehr körperlichen Arbeiten mit Stahl und Beton wurde mein inneres Gleichgewicht wieder hergestellt und mit meiner Gesundheit ging es wieder bergauf.»

«Der Mut, über die eigenen Grenzen hinaus zu wachsen, sich zu hinterfragen und sich neu zu definieren. Künstlerisch, wie persönlich.»

Paulina Tsvetanova stellt nicht nur ihre eigenen bunten Modekreationen aus, sondern nutzt den Raum auch als Plattform für andere Künstler: Paulina’s Friends.

Was ist der gemeinsame Nenner? «Es ist der Mut zum Neustart und zur Veränderung» sagt sie. «Der Mut, über die eigenen Grenzen hinaus zu wachsen, sich zu hinterfragen und sich neu zu definieren, künstlerisch, wie persönlich.»

«Es ist der Tragweite nicht angemessen»

Paulina kuratiert wechselnde Ausstellungen. Wie zuletzt eine Gruppenausstellung zum Thema «Healing» – wobei sich die Fotojournalistin Dagmar Gerster mit der Flüchtlingsthematik auseinander setzt. Eigentlich hätte sie nach Afghanistan reisen sollen, doch die schlichte Abbildung anderer Schicksale schreckte sie plötzlich ab.

«Das äusserliche Ablichten und Berichten über Schicksale von anderen ist mir zu wenig. Es ist der Tragweite nicht angemessen». Dagmar Gerster begann sich zu hinterfragen und beschloss, einen anderen Weg zu gehen. «Ich möchte das grosse Thema von Heimatverlust nicht der kurzatmigen, medialen Aufgeregtheit überlassen. Denn die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und damit Heimat im weitesten Sinne ist die vermutlich wichtigste Ressource unseres Lebens.» So entstand die Fotoarbeit zum Thema «Fluchtgepäck»: fotografierte Gegenstände von Flüchtlingen wie eine verwaschene Agenda oder ein Schulzeugnis eines Kindes. Aber auch eine Landebahn ganz in schwarz-weiss gehalten, ein grauer Pfeil, der in eine ungewisse Zukunft weist.

Vergleichsweise bunt und leicht wirken die Seidenmalereien von Eva Lippert und die Collagen von Doreen Trittel: «Veränderungen beginnen bei uns selbst» schreibt sie zu ihren Arbeiten. Eines ihrer Collagen aus Papier, Pailletten und Stoffblüten heisst einfach nur «JA».

Transformation - «Mit leichtem Gepäck unterwegs»

Die ausgestellten Künstler teilen das Thema des Wandels, des Neuanfangs. Das kann unterschiedlich ausgelöst worden sein, durch ein abgebranntes Atelier zum Beispiel oder schlicht eine neue Lebensphase. Die Kinder sind ausgezogen und man fragt sich plötzlich, was man jetzt mit der restlichen Zeit anfangen soll. Elisabeth Schneller hat diese Übergangsphasen Gepäckstücken zugeordnet.

«Sie repräsentieren verschiedene Stationen meines Lebens – die Hutschachtel meiner Mutter symbolisiert meine Kleinkinderjahre, ein Schulranzen meine Schulzeit, eine Sporttasche steht für meine «Lehr- und Wanderjahre», ein Koffer samt Köfferchen stellt meine Zeit als Mutter dar, Computertasche und Aktenmappe repräsentieren die Ära als Geschäftsfrau. Nun nach der Pensionierung bin ich mit leichtem Gepäck unterwegs – mit nur einer Reisetasche. Ein grosser Koffer, eine Handtasche und ein Geldbeutel, welche auf einem Floss gestrandet sind, versinnbildlichen für mich die letzte Station im Leben – das Ende der Reise.»

Neu anfangen bedeutet für die Galeristin Paulina Tsvetanova vor allem radikal sein. «Dafür braucht es Mut, auch einfach Schwäche zu zeigen, seine emotionale Seite auszuleben und zu sich selbst zu stehen.»

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