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31.10.2019 in Wissen von Britta Redmann

…und alle haben die gleiche Sehnsucht

…und alle haben die gleiche Sehnsucht

Kaum ein Thema ist in Betrieben so konfliktträchtig wie das Thema Arbeitszeit. Es beschäftigt Unternehmen schon lange, wie Arbeitszeiten flexibilisiert werden können. Und «Zeit» wird für uns alle immer wertvoller. Die Arbeitszeitgestaltung rückt ins Rampenlicht – für Unternehmen und für Mitarbeitende.

Unternehmen benötigen Mitarbeitende, die möglichst umfänglich zur Verfügung stehen – zum Beispiel, weil so der Kunde im besten Fall sofort und rund um die Uhr bedient werden kann. Und für Mitarbeitende wird die «selbstbestimmte und verfügbare» Zeit immer wichtiger.

Die Sehnsucht ist bei allen die gleiche…

Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung (die beschriebenen Personen sind dabei frei erfunden):

Montagmorgens um 8:30 im Büro und keiner kommt … …denn: Lars (34) bringt seine zwei Kids erst in die Kita und fängt sowieso immer erst danach an. Dafür macht er dann abends länger bis meistens gegen 18:00. Katharina (28) arbeitet heute mobil, da sie ein längeres Wochenende mit Freunden beim Klettern verbracht hat und heute noch auf der Rückreise ist. Heinz (58) hat aufgrund der Pflege seiner Mutter eh eine Drei-Tage-Woche und ist nur Dienstag, Mittwoch und Freitag im Haus. Christoph (42) ist gerade nur 1 Mal die Woche – meistens Mittwoch – remote verfügbar, um sich wieder aus dem Sabbatical zu re-integrieren (Er war gerade 3 Monate mit seiner Familie noch mal auf einer kleinen Europatour, bevor nun alle in die Kita bzw. in die Schule kommen). Max, der duale Student, hat montags immer Uni und ist ebenfalls dienstags wieder da. Meistens schaut er aber nachmittags nach den Vorlesungen schon in seine E-Mails und ist - soweit dann erforderlich - ebenfalls remote ansprechbar. Kaspar (38) ist gerade aktuell in Elternzeit und erst in 5 Monaten für ein halbes Jahr wieder anwesend. Wahrscheinlich wird ab 9 Uhr Gitta (48 Jahre) da sein, denn sie arbeitet gerne die ersten Tage der Woche, um dann für den Rest der Tage flexibel zu sein. Sie ist in Teilzeit angestellt und zum anderen Teil arbeitet sie als selbständige Texterin und verfügt völlig selbst bestimmt über ihre Anwesenheit. Dann gibt es noch Gregor (52), und Lilly (25) sie sind «feste» freie Mitarbeiter und arbeiten meistens von zu Hause aus oder wie es halt gerade passt…

Flexibilität für Mitarbeiter – nur was für hippe Start-ups?

Der starke Wunsch ist bei den meisten Mitarbeitenden ausgeprägt, selbst zu entscheiden, von wo aus und wann sie arbeiten und dafür gleichzeitig ein konstant hohes und damit planbares Gehalt zu bekommen. Das ist auch keine Frage einer bestimmten Generation oder eines bestimmten Alters, sondern eher einer Lebensphase. Das betrifft die «Wissensarbeiter» genauso wie den Kollegen, der in der Produktion am Band steht oder im Verkauf tätig ist. Die Sehnsucht nach selbstbestimmbarer Zeit ist bei allen die gleiche. Nur die Umsetzung ist bei den Wissensarbeitern viel einfacher, weil sie für ihre Tätigkeit keinen bestimmten Arbeitsplatz und auch keine bestimmte «Maschine» benötigen.

Je nach Lebensphase können diese Zeiten jedoch stark variieren. Die Gründe sind unterschiedlich: sei es, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen oder sich auch mehr kümmern zu müssen (Stichwort Kinderbetreuung oder Pflege der Eltern). Sei es, um auch persönliche Auszeiten für sich selbst nutzen zu können, zum Beispiel für Hobbies, Reisen, Weiterbildung oder eben einfach nur mal «Zeit für sich selbst zu haben».

Genauso fällt ins Gewicht, wie weit und zeitlich aufwendig ein Anfahrtsweg zur Arbeit ist und wie viel «Lust» hier besteht, diese Zeit aufzubringen oder ob dies jeden Tag eher als Verlust von «Lebenszeit» empfunden wird, die eigentlich besser genutzt werden könnte (vielleicht ja sogar auch für den Arbeitgeber?). Zeit ist jedenfalls ein hohes Gut bei Mitarbeitenden. Dies bestätigen auch die aktuellen Tendenzen in tariflichen Vereinbarungen, in denen die Themen «Vergütung und Arbeitszeit» immer stärker miteinander verknüpft werden (siehe hier z.B. die Tarifverträge der Metall- und Elektroindustrie, der Chemischen Industrie, der Deutschen Bahn).

Wie sieht nun aber der betriebliche Alltag wirklich aus?

Das Bemühen, Lösungen für eine so anpassungsfähige Arbeitszeit – die wirklich für alle Beteiligten stimmig ist – zu finden und zu gestalten, stellt für die meisten Unternehmen eine grosse Herausforderung dar. Dabei sollten Lösungen nicht nur die «unternehmerische» Perspektive, sondern auch die Wünsche der Mitarbeitenden einbeziehen. Grösstmögliche eigene zeitliche Gestaltungsfreiheit hat für viele Menschen eine steigende Bedeutung – und führt wiederum dazu, dass Firmen mit solchen Arbeitszeitmodellen eher als attraktive Arbeitgeber wahrgenommen werden – gänzlich altersunabhängig und generationenübergreifend.

Neben dem Wunsch nach sehr flexibler Gestaltung besteht auch das Anliegen, sich für bestimmte Zeiträume ausschliesslich der Familienphase zu widmen. Gleichzeitig bedarf es aber auch eines gedeckten Lebensstandards, sodass oftmals ein Interesse an bezahlten Blockfreizeiten besteht. Mit zunehmendem Alter wünschen sich Arbeitnehmende dagegen vermehrt, ihr Pensum zu reduzieren. Das Konzept der Altersteilzeit trägt diesem Bedürfnis Rechnung.

Diese unterschiedlichen Wünsche erfordern also unterschiedliche Modelle, was den Umfang als auch die Gestaltung der Arbeitszeit anbelangt. Die Bereitschaft zu individuellen Lösungen ist auf Seiten der Unternehmen als auch der Mitarbeitenden gefragt. Für eine sinnvolle Gestaltung, die für die jeweiligen wechselseitigen Bedürfnisse passt, gibt es wenig «Blaupausen», auf die einfach eins-zu-eins zurückgegriffen werden kann. Es bedarf hier schon eher spezifischer Möglichkeiten und Gestaltungen. Das erfordert einen kommunikativen, kreativen und planerischen Aufwand, der erst einmal getätigt werden muss – und zwar von der Führungskraft, der Personalabteilung, vom Team und auch von den Mitarbeitenden.

Beziehungen fördern & Wettbewerbskraft sichern heisst Konflikte lösen

Mitarbeiter wollen selbst bestimmen, wann sie arbeiten und von wo aus sie arbeiten. Unternehmen wollen Mitarbeitende, die immer verfügbar sind. Auf beiden Seiten besteht also ein hohes Bedürfnis nach Flexibilität und Entscheidungshoheit.

Konflikte sind hier damit vorprogrammiert. Und gleichzeitig wird es zukünftig verstärkt darum gehen (müssen), die verschiedenen Anliegen möglichst «beziehungsfördernd» in Einklang zu bringen: Auf der einen Seite eine profitable Auslastung und eine verstärkte, fokussierte Kundenorientierung. Auf der anderen Seite Vereinbarkeit von beruflichen und privaten Gegebenheiten sowie Entscheidungshoheit in Sachen Arbeitszeit und Arbeitsort.

Kurz gesagt: Unternehmen wollen die besten Mitarbeitenden – und die besten Mitarbeitenden wollen flexible Zeiten.

Dabei ist es entscheidend, alle Interessen in Einklang zu bringen. In der Konsequenz bedeutet dies, dass viel Arbeitszeitflexibilität und gegebenenfalls viel Arbeitszeithoheit für Arbeitnehmer Firmen gleichzeitig wettbewerbsfähiger und stärker machen muss (denn sonst klappt das auf lange Sicht nicht mit dem «sicheren, festen Arbeitsplatz»). Beide Ziele müssen gleichzeitig verfolgt werden, sonst gehen Firmen langfristig zu Grunde und das entspricht ja nicht den Sicherheitsbedürfnissen der Arbeitnehmer - und auch nicht dem der Gesellschaft.

Das kann meines Erachtens in der Praxis nur gelingen, wenn alle gestaltenden Partner (Mitarbeiter, Betriebsräte, Arbeitgeberparteien, …) auch über Kompetenzen verfügen, die dieses Vorhaben unterstützen. Und dies sind vor allem Kreativität für Lösungen, Mut für die Umsetzung dieser Lösungen und auch eine Mediationskompetenz, um hier wirklich im beiderseitigen Interesse mit einem gemeinsamen Ziel zu agieren. Nicht zu vergessen sind auch gegenseitiges Vertrauen und ein Verständnis, dass Mitarbeiter in der Lage sind, ihre Arbeitszeiten weitgehend selbständig zu organisieren.

Flexible Arbeitszeit ist eine Haltung – und dann klappt´s auch mit der Lösung.