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Tun Sie im Arbeitsumfeld so, als wüssten Sie immer, wovon Sie sprechen

Tun Sie im Arbeitsumfeld so, als wüssten Sie immer, wovon Sie sprechen

Autorin des englischen Originalartikels aus The Cut: Lisa Miller

Als ich 30 Jahre alt war, wurde ich als Redakteurin beim Wall Street Journal (der Tageszeitung Nr. 2 im Land!) eingestellt. Warum ist mir bis heute ziemlich unklar. Ich vermute, dass es viele (vor allem erfahrenere, ältere) Leute gegeben hätte, die eigentlich besser qualifiziert gewesen wären als ich.

Aber die Frau, die mich eingestellt hat – zehn Jahre älter, gewieft, witzig – hat etwas in mir gesehen. Zum Glück. Diese Frau wurde zu meiner direkten Vorgesetzten. Und ich habe sie schnell schätzen gelernt. Sie ist eine stets kritische und schlagfertige Frau. Aber auch gutmütig, verantwortungsbewusst und direkt. Normalerweise bricht sie die Spielregeln nie – nur, wenn es wirklich sein muss. Im von Männern dominierten Wall Street Journal bleibt sie eisern. Verliert nie die Beherrschung. Entdeckt sie einen Fehler, spricht sie diesen direkt an – sachlich und fair.

Die Menschen schätzen sich gegenseitig nicht nur im Hinblick auf ihre beruflichen Erfolge ab – sondern auch auf die Art und Weise, wie sie ihr privates Leben gestalten. Und da meine Chefin jeden Tag, egal wie viel gerade los war, um Punkt 18 Uhr das Büro verliess, und durch ihre Unnachgiebigkeit, ihre Fähigkeit zu loben und zu trösten, durch ihren Humor und ihre gute Laune, nehme ich an, dass sie neben der Karrierefrau auch eine gute Mutter ist.

Dieses Glück haben nicht so viele – einen guten Arbeitsplatz zu finden, ist für Frauen, die auf die 50 oder 60 zusteuern, immer schwieriger.

Familie und Karriere?

Für die meisten Frauen ist eine konventionelle, geradlinige Laufbahn nicht das Richtige. Besonders, wenn sie nicht nur Karrierefrauen, sondern auch Mütter sein wollen. «Karriere und Familie miteinander zu vereinbaren, ist wirklich hart», sagt Anne Weisberg, Vizepräsidentin und Expertin für Frauenführung im Families and Work Institute. «Es ist für viele einfacher zu behaupten, der Aufwand, Kinder zu haben und dazu noch eine Karriere, das lohne sich einfach nicht – und bleiben dann bei dem einen oder anderen.»

Sheryl Sandberg, Marissa Mayer, Anne-Marie Slaughter: «Die Arbeitskultur stellt für diese Leute noch immer ein klassisches Rollenmodell dar. Karrierefrauen mit Familie sind auch heute noch Unikate, einzigartige Ausnahmen des Erfolgs in einer Arbeitskultur, in der Frauen grundsätzlich nicht willkommen sind – oder allgemein Menschen, die neben der Arbeit noch andere wichtige Dinge in ihrem Leben zu tun haben.»

Warum sind ältere Frauen so wertvoll für Teams?

Frauen über 40, 50 oder 60 sollten in Teams und Kaderpositionen unbedingt einen festen Platz haben. Warum das so ist, erkläre ich Ihnen gerne (obwohl mich die Tatsache, dass das nicht selbstverständlich ist, rasend macht.)

Zuallererst der offensichtlichste Grund: Die Vielfältigkeit am Arbeitsplatz und der Generationenmix in Teams. Zudem haben Studien ergeben, dass Frauen über 40 (zumindest in den USA) in den Kaderstufen dramatisch unterrepräsentiert sind. Laut einem Bericht von Dow Jones aus dem Jahr 2012 sind Unternehmen mit mindestens einer weiblichen Führungskraft erfolgreicher als Unternehmen, die nur Männer an der Spitze haben. Auch Venture-basierte Startups mit fünf oder mehr Frauen an Bord sind wesentlich erfolgreicher als diejenigen ohne Frauen. Anne Weisberg führt an, dass erfolgreiche Frauen im mittleren Alter höchst wahrscheinlich mehr Erfahrungen mit der sogenannten «Gig-Economy» gemacht haben als Männer im gleichen Alter, die lange in derselben Branche geblieben sind (Gig-Economy = kurzfristige Aufträge, selbstständige, unabhängige Arbeit).

Frauen haben (meist aufgrund der Familiengründung) eine On-Off-Karriere, müssen flexibel sein, effizient arbeiten – nicht nur während der effektiven «Arbeitszeit», sondern auch Zuhause. Durch diesen Lebensstil haben Frauen sich automatisch an die neue Art, agil zu arbeiten und Geschäfte zu machen, gewöhnt. Es sind die Männer, die ein sicheres Gehalt und einen stetigen Aufstieg erwarten, die sich anpassen müssen.

Dieselbe Arbeit für weniger Geld

Leider ist das alles bisher nur Wunschdenken. Die Daten über den Erfolg von Frauen und den Erfolg im Alter sind erschreckend. Ehrgeizige Frauen können in der Theorie genauso gut verdienen wie Männer und mit dem gleichen Potenzial die Karriereleiter hochklettern. Aber in der Mitte ihrer Karriere ist der Unterschied doch erstaunlich: Frauen verdienen in den USA für jeden Dollar, den ein Mann verdient, nur 77 Cent – und das ist ein lebenslanger Durchschnitt. Die Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern ist dahin, sobald sich eine Frau dazu entscheidet, Kinder zu bekommen. Und diese Ungleichheit erholt sich ihr ganzes Leben nicht mehr. (Eine Anmerkung der Neustarter-Redaktion: In der Schweiz beträgt der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern im Schnitt 18 Prozent [Quelle: bfs.admin]).

Nachdem eine Frau mittleren Alters den Arbeitgeber verlässt, muss sie damit rechnen, dass die Suche nach einer neuen Anstellung sehr lange dauern wird. Dazu kommt, dass Frauen durch die Arbeitsunterbrüche weniger Altersvorsorgeeinsparungen als die Männer haben. «Ich bin so unsichtbar geworden», sagte mir einst eine Freundin – eine der ehrgeizigsten Personen, die ich kenne. Und doch findet sie keine neue Anstellung.

Frauen über 40 sind der am schnellsten wachsende Teil der Belegschaft, nur leider nicht auf Kaderstufe. Sie arbeiten als Krankenschwestern, Bürofachkräfte, Verkäuferinnen, Teilzeitangestellte, … Sie sind oft unterfordert. Wenn wir wollen, dass die nächste Generation stark, durchsetzungsfähig und anspruchsvoll ist, müssen wir ihnen neue Wege aufzeigen, wie sie das angehen sollen.

Die ideale Lösung

Zum Schluss noch zwei wertvolle Tipps, die ich von meiner Chefin beim Wall Street Journal gelernt habe: Tun Sie im Arbeitsumfeld so, als wüssten Sie immer, wovon Sie sprechen – auch wenn Sie es nicht tun. Und bevor Sie etwas tun, von dem Sie wissen, dass es jemanden ärgern könnte, bewaffnen Sie sich im Vorfeld mit zwei guten Gründen für Ihr Vorhaben, um jederzeit gut argumentieren zu können.


Dieser Artikel von «The Cut» mit dem Originaltitel «Why We Need Older Women in the Workplace» wurde durch die Neustarter-Stiftung ins Deutsche übersetzt und gekürzt. Autorin des Originalartikels ist Lisa Miller.