Magazin

23.10.2017 in Wissen von René Kaufmann

Stellen Sie mal alles auf den Kopf …

Stellen Sie mal alles auf den Kopf …

Für viele Menschen ist Kreativität etwas, wovon man vielleicht gern mehr hätte, was man aber nicht unbedingt braucht zum Leben. Und in der Tat: Solange das gewohnte Leben seinen Lauf nimmt und alles beim Alten bleibt, kommen wir mit bewährten Handlungs- und Verhaltensmustern ganz gut zurecht. Doch wenn die Lebenssituation sich plötzlich ändert, sind kreative Lösungen gefragt. – Ist es umgekehrt auch möglich, dass die Kreativität unser Leben verändert?

Kreativität kann Ihr Leben verändern. Sie eröffnet neue Horizonte, lässt uns Dinge anders sehen und hilft, neue Denkweisen zu entwickeln. Entscheidend dafür sind Eigenschaften wie Neugier, Offenheit und eine geschärfte Wahrnehmung der Welt.

Versuchen Sie einmal, Ihre Umgebung ganz bewusst wahrzunehmen: Betrachten Sie genau, was Sie sehen und lernen Sie, wieder über Kleinigkeiten zu staunen wie ein Kind. Hören Sie auf innere Impulse, achten Sie auf Ihre Gefühle und nehmen Sie sie ernst. Durchbrechen Sie die Routinen des Alltags, schaffen Sie sich Freiräume und lassen Sie sich auf Neues, Unbekanntes ein.

Schaffen Sie sich ein kreativitätsförderndes Umfeld

Erfahrung, gewohnte Abläufe und Routine erleichtern uns zweifellos das Leben und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Andererseits können Gewohnheiten aber unsere kreative Energie einschläfern. Wieso sollten wir diese Energie gerade dann abrufen können, wenn uns das Leben überrascht und – mehr oder weniger ruppig – aus gewohnten Bahnen wirft, also neue Lösungen gefragt sind?

Ich glaube nicht daran, dass dann allein die verschiedenen Kreativitätsmethoden und -techniken Hilfe ausreichen, um neue Wege zu finden. Und darüber hinaus bin ich überzeugt, dass es sich lohnt, grundsätzlich ein «kreativeres Leben» zu führen – auch wenn man nicht das Ziel hat, einen Beststeller zu schreiben, ein Meisterwerk zu malen oder eine neue Maschine zu erfinden.

Mihaly Csikszentmihalyi, Glücksforscher und Autor des Buches «Flow und Kreativität», sieht «Kreativität als Schlüssel zu einem zufriedenen, erfüllten Leben.»

Kreativität belohnt sich selber

Was kreative Menschen prägt ist die reine Freude am Tun, aus Interesse an einer Sache oder einfach aus Spass an der Freude. Denn ein Problem zu lösen, den eigenen Weg zu finden, etwas Neues zu entdecken, macht uns allen Freude. Der Drang nach Geld und Ruhm ist keine gute Voraussetzung für Kreativität. Erfolg und Ansehen kann eine schöne Nebenwirkung der Kreativität sein, aber niemals Antrieb genug. Der Antrieb ist «intrinsisch». Was heisst das? – Die intrinsische Motivation ist die innere, aus sich selbst entstehende Motivation eines Menschen: bestimmte Dinge tun wir einfach gern, weil sie uns Freude machen, für uns sinnvoll oder herausfordernd sind oder uns einfach interessieren.

Erinnern Sie sich an das Kind, das Sie einst waren. Jeder Tag war neu, brachte neue Abenteuer und Begegnungen, neue Entdeckungen, Herausforderungen, Hindernisse und auch Niederlagen. Das Kind scheitert und macht, wenn wir es lassen, trotzdem weiter. So lernt es und entwickelt sich. Diese Freude am Problemlösen, diese Neugier, wie und warum etwas funktioniert, der Mut, uns auf Unbekanntes einzulassen, steckt in uns allen.

Machen Sie alles ganz anders als gewohnt

Ein entscheidender Schritt zu einem kreativeren Leben ist also die (Wieder-)Belebung von Neugier und Interesse. Denn viele erwachsenen Menschen haben mit dem Gewinn an Lebenserfahrung die Fähigkeit verloren, zu staunen. Lieber pflegen sie das Altbekannte und Bewährte; das Neue und Fremde macht erst einmal Angst. Kreative Menschen haben sich die kindliche Neugier bewahrt, sind offen für neue Impulse und begeben sich immer wieder bewusst auf Neuland.

Vielleicht sollten wir alle uns immer wieder mal auf Neuland vorwagen und gegen unsere Gewohnheit handeln, um das Denken und Fühlen anzuregen. Hier ein paar Übungsvorschläge für den Alltag:

  • Verrichten Sie als Rechtshänder tägliche Arbeiten mal mit der linken Hand bzw. umgekehrt
  • Gehen Sie einen anderen Weg als den gewohnten – zur Arbeit, zum Bäcker oder ins Training
  • Essen Sie mal mit geschlossenen Augen
  • Gehen Sie immer mal wieder in ein neues Lokal, versuchen Sie ein neues Gericht von der Speisekarte
  • Hören Sie Ihren Kollegen im Geschäft tatsächlich einmal aufmerksam zu
  • Wenn Sie an irgendetwas oder für irgendwen Interesse verspüren, gehen Sie der Sache nach, sprechen Sie die Person an

Vor allem aber: vergleichen Sie diese «bewussten» Erfahrungen mit den anderen, vielleicht eher flüchtigen. Was unterscheidet das Gericht, das neue Lokal, das aufmerksame Gespräch von den anderen? Schreiben Sie über Ihre Beobachtungen und Empfindungen.

Schreiben Sie Notizen

Die meisten kreativen Menschen führen ein Tagebuch. Gedanken, Empfindungen sind flüchtig. Wenn Sie Ihre Erfahrungen aufschreiben, so bleiben sie fassbarer. Allein schon durch das Aufschreiben vertiefen Sie Ihre Gedanken und Gefühle. Ein weiterer Vorteil: Sie können später in Ihren Notizen lesen und nochmals darüber «nach-denken». Und weil uns Ideen im kreativen Prozess oft spontan überraschen, ist es ohnehin ratsam, immer etwas zum Schreiben bereit zu halten. Das Notizbuch wird so zu Ihrem persönlichen Archiv und kann – gerade wenn Sie länger an einem Projekt arbeiten – ein hilfreiches Arbeitsjournal auf dem Weg zur Lösung sein. Zudem werden Ihre eigenen Notizen zur Inspirationsquelle, wenn die Gedanken einmal stocken.

Ich schreibe seit Jahren Notizen und verrate Ihnen gerne meine Notiztechnik: Oft lese ich meine Notizen sofort nach dem Aufschreiben nochmals durch. Dabei unterstreiche ich Sätze, Worte, einzelne Formulierungen, die mir wichtig erscheinen. Dann versuche ich, das Geschriebene in einem Satz pro Seite zusammenzufassen. Darum lasse ich am unteren Rand jeder Seite Platz frei für diese «Essenzen».

Ich sehe darin zwei grosse Vorteile:

  • Ich kann meine meist spontanen Gedanken sofort vertiefen und das Wichtigste in einem Satz zu komprimieren, «auf den Punkt» bringen.

  • Diese Kernsätze am Schluss der Seite helfen mir, nebst der Datierung jedes Eintrags, frühere Notizen wieder zu finden – auch wenn ich nicht mehr genau weiss, wann ich sie geschrieben habe.

Rene Kaufmann Notizen

So kann eine Seite im Notizheft aussehen. Unten bleibt Platz frei für den Kernsatz.

Auf geht’s.

Probieren Sie es selber aus: Üben Sie sich in Achtsamkeit, lassen Sie die Welt auf sich wirken, lassen Sie sich von ihr erstaunen und erstaunen Sie andere, indem Sie sich von ungewohnten Seiten zeigen. – Schreiben Sie über Ihre Erfahrungen und lesen Sie regelmässig in Ihren Notizen. Mit der Zeit werden Sie vielleicht spüren, dass etwas in Bewegung gerät, dass Gedanken, Fragen, Einsichten in Ihren Aufzeichnungen sich wiederholen und neue Möglichkeiten auftauchen. Mihaly Csikszentmihaly beschreibt es so: «Was Sie spüren ist die Ansammlung der kreativen Energie, die Wiedergeburt der verkümmerten kindlichen Neugier.»

Das wäre doch ein erster Schritt der Muse entgegen. Spitzen Sie ruhig schon mal den Mund zum Kuss…