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Späte Erwerbsjahre im Wandel

 Späte Erwerbsjahre im Wandel

Die Arbeitswelt verändert sich und sie wird sich weiter verändern, auch für langjährige Mitarbeitende, die die Pensionierung ansteuern. Die Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) erlauben es, zumindest einige Wandlungen in der Erwerbssituation von 55-64-jährigen Männer und Frauen festzuhalten.

Ein erster Vergleich der Erwerbssituation (Erwerbsstatus) von 55-64-jährigen Männern und Frauen zeigt über die letzten 26 Jahre einige interessante Entwicklungen auf (vgl. Tabelle 1). Auffallend ist erstens, dass sich der Anteil an Frauen, die sich als «Hausfrauen» einstufen, deutlich gesunken ist. Ebenso ist der Anteil an 55-64-jährigen Frauen, die eine Altersrente beziehen, leicht gesunken; primär weil das AHV-Alter für Frauen erhöht wurde (2001 von 62 auf 63 Jahre und 2005 auf 64 Jahre).

Zweitens stieg der Anteil an älteren Erwerbspersonen an, die selbständig arbeiten. Bei Männern zeigt sich nur ein leichter Anstieg, aber dennoch war 2017 fast ein Fünftel der 55-64-jährigen Männer selbständig aktiv und es ist künftig mit weiter steigenden Trends zu rechnen. Der Männeranteil, der bis Berufsende als Arbeitnehmer tätig bleibt, ist entsprechend gesunken. Bei Frauen hat sich der Anteil der selbständig Arbeitenden sogar verdoppelt. Umgekehrt hat sich der Anteil an mitarbeitenden Familienmitgliedern reduziert.

Drittens zeigt sich deutlich, dass mehr Frauen und Männer aus anderen Gründen als einer Pensionierung nicht mehr erwerbstätig sind (Kategorie: andere nicht Erwerbstätige). Darunter fallen ältere Personen, die aus gesundheitlichen Gründen ihr Arbeitsleben vorzeitig beenden müssen (Invalidität) oder ältere Arbeitslose. Speziell in den letzten Jahren haben Strukturwandel und Umorganisationen zu einer erhöhten Zahl an langfristig arbeitslosen älteren Personen beigetragen; eine Situation, die durch Benachteiligungen älterer Arbeitskräfte bei Stellensuchen verschärft wurde.

Tabelle 1

Ein wichtiger Trend der letzten Jahre – beobachtbar in allen europäischen Ländern – ist eine verstärkte Abkehr von Normalarbeitsverhältnissen (Vollzeitstelle beim immer gleichen Arbeitgeber bis zur Pensionierung). Flexible Arbeitsformen wurden häufiger, mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verknüpft sein können. Von dieser Entwicklung sind nicht nur junge Menschen (Generation «Praktikum») betroffen, sondern vermehrt auch ältere Erwerbstätige am Ende ihrer Berufslaufbahn.

In der zweiten Tabelle ist die Entwicklung spezieller Erwerbs- und Arbeitsformen bei 55-64-Jährigen aufgeführt. Insgesamt zeigt sich auch bei älteren bzw. langjährigen Erwerbstätigen ein verstärkter Trend in Richtung a-typischer Arbeitsverhältnisse. So hat sich etwa der Anteil an Erwerbtätigen, die mehr als eine Arbeitsstelle aufweisen, leicht erhöht, ebenso – namentlich bei Männern – der Anteil derjenigen, die einen wechselnden Arbeitsort aufweisen bzw. unterwegs tätig sind. Sachgemäss betrifft dies vor allem Beschäftigte im Bau- und Transportwesen. Hingegen hat sich – im Gegensatz zur früheren Voraussagen – der Anteil an Personen, die zu Hause arbeiten (Home-Office, Heimarbeit usw.) nicht erhöht, weder bei jüngeren noch älteren Personen.  

Tabelle 2

Leicht höher ist auch der Anteil von älteren Erwerbstätigen, die Abend- oder Sonntagsarbeit leisten (wobei sich diese Arbeitszeiten vor allem in ausgewählten Erwerbszweigen (Pflege, Spital, Polizei, Zugsführer usw.) zeigt. Nachtarbeit – definiert als Arbeit nach 11 Uhr nachts – ist hingegen nicht häufiger geworden.

An Bedeutung gewonnen hat auch die Schichtarbeit (d.h. wechselnde Arbeitszeiten je nach Einsatzplan), was etwa mit längeren Ladenöffnungszeiten oder flexiblen Arbeitszeiten verbunden ist. Arbeit auf Abruf hingegen ist bei älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen eher selten geblieben (und bei Frauen zeigen sich sogar sinkende Tendenzen). Anzuführen ist allerdings, dass Arbeit auf Abruf am häufigsten bei jugendlichen Arbeitskräften (15-24-Jährigen) vorkommt.

Insgesamt zeigt sich auch bei älteren Erwerbstätigen ein verstärkter Trend zu mehr Selbständigkeit und flexibleren bzw. a-typischen Arbeitsformen. Allerdings sind die bisher feststellbaren Veränderungen in der Schweiz – bezogen auf ältere Arbeitskräfte – moderat geblieben (und weniger ausgeprägt als etwa in den USA). Es ist allerdings zu vermuten, dass sich dieser Wandel zu flexibleren Arbeitsformen in den nächsten Jahren auch in der Schweiz verstärken könnte; eine Herausforderung speziell für ältere bzw. langjährige Fachpersonen, die sich an Normalarbeitszeiten gewöhnt haben und für die immer noch lineare Karriereformen im Vordergrund stehen.

Titelfoto: Prof. Dr. phil. François Höpflinger