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07.02.2018 in Neustarter von Katja Geis

Neustarter Jahresauftakt 2018 «Meer der Möglichkeiten» – ein Erlebnisbericht

Neustarter Jahresauftakt 2018 «Meer der Möglichkeiten» – ein Erlebnisbericht

Bruchschokolade, inspirierende Lebensbrüche und sprachliche Klippen: Wie kommt es, dass eine Berliner Journalistin vom Jahresauftakt der «Neustarter» in Zürich ganz hingerissen ist, obwohl sie nicht allzu viel «Schwizerdütsch» versteht? Ein Erlebnisbericht.

Veränderung ist ein gutes Stichwort für das Programm der Neustarter. Veränderung ist spannend. Veränderung ist Leben. Das vor allem hat mich gereizt, herzukommen. Aber wer weiß, was mich erwartet? Konferenzen, Jubiläen und sonstige Firmenveranstaltungen sind erfahrungsgemäß manchmal nicht so spannend. Aber das hier ist etwas anderes. Man spürt es schon beim Reinkommen. Die Leute sind launig, die Stimmung ist locker, neugierige Blicke allenthalben, es wird geplaudert. Als wären die alle miteinander befreundet. Oder anders gesagt: Als ob es einen imaginären gemeinsamen Nenner gäbe. Welchen? Das wird sich bald in einer erstaunlichen, außerordentlichen Komplexität herausstellen. Denn auf einen Nenner im Sinne der Mathematik lässt sich das hier nicht reduzieren. Eher auf gemeinsame Brüche, Gleichungen mit unbekannten X- und Y-Werten, die in den Bereich der Philosophie ragen. Bruchschokolade, aufgetürmt in exotischen Sorten, habe ich kurz zuvor in einem Schaufenster der Bahnhofstraße bewundert. Bei den Neustartern tummeln sich im übertragenen Sinne Kakaobohnen, Himbeeren, Chilischoten in einem aromatisch erregenden Miteinander. Von allem etwas. Ein vielfältiges Flair, die Atmosphäre riecht geradezu gut.

Es geht pünktlich los. Annähernd vollbesetzt sind die Stuhlreihen, vielleicht so um die 70 Leute? Ich verzichte aufs Durchzählen, dazu komme ich gar nicht, denn es geht gleich zur Sache. Stiftungsratspräsidentin Angela Winkelmann heißt die Gäste willkommen und verkündet, dass die TERTIANUM-Stiftung passend zum Projektnamen «Neustarter» in Kürze in Neustarter-Stiftung umbenannt werden wird und ihre Büros vom beschaulichen Berlingen am Bodensee bereits nach Zürich verlegt hat.

Keine Frage, eine tolle Sache, wenn Menschen etwas Neues wagen. Aber Geschäftsführerin Bernadette Höller verzichtet darauf, die einschlägige Werbetrommel zu rühren. Sie erzählt frank und frei von der bewegten Entwicklung der noch jungen Neustarter-Organisation inklusive Fehlschlägen aus der Vergangenheit. Zum Beispiel die Sache mit den Impuls-Workshops «Wer bin ich und wenn ja, warum?» Trotz begeisterter Teilnehmer und enorm positivem Feedback betrug die Zahl der Anmeldungen zur vertiefenden Folgeveranstaltung bezüglich der Methode «Design Thinking» exakt null. Der Aufruf zum «Ideen-Check» brachte gerade mal drei Einträge in sieben Monaten. Die Vermutung, irgendjemand wolle sich nach langen Berufsjahren online über Ideen für die Zukunft, abseits von «weiter so bis zur Pension», austauschen, hat sich als Trug-Annahme herausgestellt. Was also haben wir falsch gemacht? Eine gute Überleitung dazu, wie man es besser machen kann. Besser machen sollte. Einen Ansatzpunkt lieferten die Teilnehmer der besagten Impuls-Workshops selbst: «Wärt ihr damit mal zehn Jahren früher gekommen». Kurz vor der Pension lernen, wie man agil ein Projekt umsetzt und ratz, fatz einen Prototyp entwickelt? Für viele war das schlichtweg zu spät.

Die Neustarter sind sichtlich ein lernender Organismus. An Feedback mangelt es nicht, sei es auf den regelmäßigen Stammtischen, bei den Workshops oder im Rahmen der regen Social-Media-Aktivitäten. Kritik ist hier ausdrücklich erwünscht. Gerade dieser interaktive Bereich zeichnet das Wachsen und Werden aus. Dahinter stehen: Menschen. Das zieht. Nicht umsonst sind die «Stories», also Geschichten über persönliche Werdegänge von beruflichen Neustartern, die meistgelesene Rubrik auf neustarter.com.

Dann kommt der, wie ich finde, literarische Teil der Veranstaltung: Vier Neustarter werden nacheinander auf die Bühne gebeten, um ihre persönlichen Werdegänge zu erzählen. Das machen sie gut. Allein das Zeitmanagement droht aus den Fugen zu geraten. Man könnte mit offenem Mund staunend bis Mitternacht hier sitzen. Frau Höller hat die Uhr im Blick, bremst die Redner (leider) zu Recht.

Jetzt habe ich ein ganz anderes Problem. Allen ist das «Schwizerdütsch» geläufig, mir nicht so ganz, ich verstehe nur Bruchteile. Am Ende wird sich das als Vorteil herausstellen. Weil ich dann halt gezielt bei den einzelnen Leuten nachfragen muss und wunderbare Antworten bekommen werde. Zunächst aber spitze ich mächtig die Ohren, so gut es geht, und staune über die folgenden Kandidaten:

Christine Schnetzler, einst Hoteldirektorin, wollte nicht die Pensionierung abwarten. Sie entschloss sich, «in Zukunft andere Sorgen zu haben». Hängte ihren gut dotierten Job an den Nagel und gründete einen Rundum-Service für private Haushalte, der Menschen in den eigenen vier Wänden entlastet – Kinder- und Seniorenbetreuung inbegriffen. «Irgendwann hab’ ich gemerkt, jetzt muss ich’s machen, sonst mach ich’s nimmer». Jetzt kann sie ihren Erfahrungsschatz aus der einstigen Führungsposition sowie als Familienmutter im beruflichen Alltag setzen. Dass das von Herzen kommt, versteht sich.

Peter Bächtiger von den Helvetia Versicherungen hatte ähnlich wie Frau Schnetzler mit 50 «das Gefühl, da muss noch was gehen». Heute unterstützt ihn der ehemalige Arbeitgeber nach Kräften bei seiner nunmehr eigenverantwortlichen Tätigkeit als Unternehmensberater, etwa mit hausinternen Mandaten oder der Nutzung von Netzwerken. Ungewohnt war das schon, sich selbständig zu machen, wo man dann plötzlich für die Pensionskasse oder Bürokosten allein aufkommen muss. Aber bereut hat er es nicht.

Christian Meier definiert seinen Neustart mit den Worten «Von viel Verantwortung zu ein bisschen weniger Verantwortung». Der 54-jährige Top-Manager hat der Zürcher Kantonalbank zwar die Treue gehalten, aber seinen bisherigen Aufgabenbereich kurzerhand neu definiert und selbst gestaltet. Statt wie bisher als Führungskraft rund 20 Mitarbeiter zu leiten, hat er sich selbst in der Hierarchie heruntergestuft, dafür jetzt ganz neue tägliche Abläufe, die viel «dynamischer» sind. Die Zürcher Kantonalbank hat ihn bei seinem Weg unterstützt. Später frage ich ihn, warum er diesen Schritt getan hat, der ja auch mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Letzteres war ihm unwichtig. Die wesentliche Motivation: Neugier auf neue Erfahrungen. «Ist halt so mein Charakter.»

Vero Kern ist mit ihren 78 Jahren die Älteste in der Runde. Anno 1994 kehrte sie durchaus überdrüssig ihrem damaligen Arbeitgeber Swissair den Rücken, besann sich auf die Wohlfühlfaktoren des Lebens. Massage und Aromatherapie waren angesagt, diesbezüglich eine gründliche Aus- und Weiterbildung, bevor sie sich ganz auf die Parfümerie konzentrierte, mit einer weiteren Ausbildung in Paris. Ihr Duft-Label vero.profumo ist heute international gefragt, «nur nicht in der Schweiz», grinst die Dame in sportlichen Adidas-Hosen und mit einer übergroßen getönten Brille. Einen ihrer beiden Team-Partner hat sie mitgebracht: Ramon, 25, auf «Instagram entdeckt», bildet als jüngster Anwesender das andere Ende der Altersskala der hier Anwesenden.

Ja, das ist literarisch. Über jeden von ihnen könnte man ein Buch schreiben. Intensive Charaktere, allesamt bühnenreif. Sie alle erzählen voller Leidenschaft. Und dann kommen die Fragen aus dem Publikum. Man darf den Veranstaltern eine rege Beteiligung bescheinigen. Der vielleicht interessanteste Einwurf ist provokativ: Wie sieht es mit den Gescheiterten aus? Diejenigen, die beim Neustart eine Bruchlandung hinlegen? Die Kandidaten auf dem Podium haben es ja doch allesamt offenbar ganz gut hingekriegt.

Oder doch nicht? Nein, keiner der hier vorgestellten Lebensläufe ist geradlinig. Christine Schnetzler hatte vor ihrem Durchbruch «einige schlaflose Nächte hinter sich», Vero Kern ist wie ein Phönix aus der Asche auferstanden, sie kennt das Scheitern wie keine Zweite. Zum Mut der Verzweiflung kommentiert Peter Bächtiger: «Erst sagten alle, das geht nicht. Bis einer kam, der das noch nicht wusste. Der hat’s dann umgesetzt.»

Ich halte ein Give-away der Neustarter in den Händen. Eingangs stand eine Schüssel voller kleiner Kuverts, da greift man zu. Erst später lese ich das aufgedruckte Zitat von Max Frisch: «Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen». Na bitte, da haben wir doch schon mal einen Ansatzpunkt! Im Briefchen befinden sich Sonnenblumensamen. Eine wunderbare Antwort. Wer sät, der erntet. Das menschelt jetzt freilich so geschmeidig wie ein Kalenderspruch.

Harte Fakten von der ZHAW

Neben dem erfrischend ungeschminkten Neustarter-Selbstporträt, den zweibeinigen und äußerst lebhaften Best-Practice-Beispielen sowie der Publikumsdiskussion kamen auch harte Fakten auf den Tisch. Dr. Claudia Sidler-Brand von der ZHAW präsentierte Studienergebnisse, die alarmieren: Circa 77 Prozent der älteren Arbeitnehmer rechnen für den Fall einer Neubewerbung mit Diskriminierung aufgrund ihres Jahrgangs. Und gut ein Viertel der Erwerbstätigen über 55 Jahre fürchtet, ihren Beruf nicht mehr bis zur Pension ausüben zu können.

Aus der Zeit gefallen? Zum alten Eisen gehörend, reif für die Ausmusterung, obwohl die Leute doch noch Lust aufs Arbeiten haben? Das kann nicht angehen, mahnt Frau Sidler-Brand. Es sei höchste Zeit, diese weit verbreitete Sorge öffentlich zu thematisieren. Kompetenzen müssten gefördert werden, der gesellschaftliche Vertrag zwischen den Generationen habe sich grundlegend geändert. Ich höre das gern, selbst über 50 und lange nicht der gesellschaftlichen Mitwirkung müde. Gut, dass die Neustarter an so vielen Ecken und Enden den Hebel ansetzen. Die Leute vernetzen. Anreize setzen. Unterstützung bieten. Aufzeigen, wie sich das Machbare machbar machen lässt. Dreimal «machen» in einem Satz ist eigentlich nicht erlaubt. Trotzdem kann es gar nicht genug davon geben. Und noch mehr. Alles, was geht.

Im Anschluss an die Statistiken und Schlussfolgerungen gab es noch ein spielerisches Ende. Die eigenen Motive und Treiber für das Jahr 2018 herauszufinden, lautete das vollmundige Versprechen an alle Teilnehmer. «Jeder bitte mal unter seinen Stuhl greifen!» Da klebten Kuverts gewichtigen Inhalts mit Listen, Filzschreibern und Postkarten. Frau Höller verlas Begriffspaare, deren individuelle Wertigkeiten im Entweder-/Oder-Modus einzutragen waren. Spontan, ohne lange nachzudenken. Motive wie Verantwortung, Herausforderung, Status, Zeitsouveränität, Sicherheit, Geld («traut sich eh keiner hinzuschreiben»), Wertschätzung und solche Sachen. Anschließend alles durchstreichen, was dann doch nicht so wichtig ist. Bis nur noch drei Aussagen übrigbleiben. Die konnte man dann auf Neustarter-gelbe Postkarten schreiben. Wohin damit? Sich an die Wand hängen oder an Mitmenschen schicken, die wissen sollten, was einen wirklich bewegt.

Alle haben mitgemacht. Und ich konnte im Nachgang tatsächlich einige Teilnehmer beobachten, die sogar spontan das Adressfeld ihrer beschrifteten Postkarten ausfüllten. So was macht man besser gleich. Ehrlich und grundgut. Herrlich war das. Bloß die Briefmarken fehlten. So etwas gehört eigentlich direkt in den Kasten.

Freilich ließe sich das hier Erlebte vertiefen. Nicht anderthalb Stunden, sondern Tage und Wochen hätte diese Zusammenkunft vertragen. Kurzweilig ist’s gewesen. Trotz meiner (anfangs) sprachlich bedingten Verständnisprobleme. Ich habe das Beste daraus gemacht und im geselligen Anschluss beim Apéro die Leute einfach direkt angesprochen. Herr Meier hat mir in reinstem Hochdeutsch bereitwillig seine Geschichte noch einmal von vorn erzählt. Mit leuchtenden Augen. Vero Kern ließ mich an ihren mitgebrachten parfümierten Rosenblüten schnuppern. «Es braucht neue Strukturen, neue Konzepte. Da bin ich jetzt dran.»

Die Zeit fliegt nur so dahin. Mitschuldig daran sind wohl auch zwei weitere großartige Neustarter, die bislang nicht im Rampenlicht standen. Sondern geduldig an einer Tischgruppe im Hintergrund gewartet haben. Da gibt es ab 17.30 Uhr leckere Tropfen. Außerdem werden Tabletts voller belegter Crostini aller Art gereicht, mit essbaren Blüten garniert. Bei Speis und Trank blühen dazu passend noch mehr, noch intensivere Gespräche auf.

Der Zürcher Koch-Konditor-Metzger (in Personalunion!) Röné Diethelm hat ein exklusives Champagnersortiment mitgebracht, er erscheint mir in seiner Begeisterung für Kulinarisches geradezu alterslos. Der Mann will mit einer eigenen Vinothek durchstarten und insbesondere der Jugend die Qualität seiner Produkte näherbringen. Solche Menschen braucht die Welt!

Und Monika Müller aus der Hotellerie-Branche («Ich hab’ mein Hobby zum Beruf gemacht») erteilt mir einen exklusiven, lustvoll vorgetragenen Fachvortrag über den kredenzten Champagner. Zum Beispiel, dass der aus Weißweingläsern besser schmeckt als aus Kelchen oder Flöten. Und ein Gläschen Schampus am Morgen sei mitunter ratsam, «das regt an, da sieht der Tag gleich ganz anders aus». Kriegt man da nicht gleich Lust auf ein Zweites? Nicht nötig, meint sie. Aber am Abend dann wieder.

Auf dieser Veranstaltung wäre ich gern bis zuletzt geblieben. Es sind selbst zu später Stunde noch eine Menge Leute da, in angeregte Diskussionen verwickelt. Das ist gewiss nicht nur den Getränken (einige Gäste bleiben beim Wasser) und den leckeren Crostini geschuldet. Ich aber muss schon um 19 Uhr zum Flieger. Zurück nach Berlin. Wo wir auch ein paar mehr Neustarter gut gebrauchen könnten.


Fotos: Thilo Mössner