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Neustarter auf Tour – ein Startup aus nächster Nähe

Neustarter auf Tour – ein Startup aus nächster Nähe

Startups haben ausnahmslos immer spannende Geschichten zu erzählen: woher die Idee kommt, wie sie den Start gemeistert haben, an was sie fast verzweifelt sind, welche Lösungen sie gefunden haben,… Interessant sind diese Geschichten für alle, die selbst überlegen, irgendwann eine Geschäftsidee umzusetzen oder für Mitarbeiter in Unternehmen, die neugierig sind, was Agilität in vergleichsweise «mini»-Teams bedeutet und wie man etwas aus dem Nichts entwickelt. Wertvolle Impulse für den eigenen Arbeitsalltag inklusive.

Bei «Neustarter auf Tour» spielt es keine Rolle, welche Dienstleistung oder welches Produkt das Startup anbietet. Gerade Fragestellungen aus bisher unbekannten Branchen interessieren uns – Wo gibt es Überschneidungen zur eigenen Arbeitswelt, was kommt einem total bekannt vor trotz der Unterschiedlichkeit, und was ist vielleicht ganz anders als im gewohnten Umfeld?

Heute sind wir bei SELFNATION, einem Jungunternehmen aus Zürich und Berlin, das massgeschneiderte Hosen in einem innovativen Onlineshop anbietet. Ein Tisch voller Neugierige haben sich zur Tour angemeldet und warten gespannt auf die Story von der perfekten Hose.

«Hey Leute, ich muss nur KURZ eine Jeans kaufen gehen!»

Andreas Guggenbühl, Founder und CEO, führt uns in die Geheimnisse des Geschäftsmodells ein – erstmal, warum überhaupt «massgeschneiderte Hosen»? Frauen probieren (ja, es gibt Untersuchungen dazu!) im Schnitt rund 12 Hosen, bis sie sich für eine entscheiden. Bei Männern sind es zirka 8. Und jetzt das Schlechte: trotzdem passt das gute Stück selten perfekt. Andreas erzählt, dass sie der endlosen erfolglosen Jeanssuche etwas entgegensetzen wollten und so fertigt SELFNATION heute massgeschneiderte und gleichzeitig bezahlbare (!) Jeans, Chinos, Shorts und Business-Hosen. Auf die Idee kamen er und drei Freunde, als sie vor ein paar Jahren in Zürich unterwegs waren und eine Freundin «kurz» eine Jeans kaufen wollte.

«Wir brauchen keine Fachexperten, wir brauchen Leidenschaft»

Nach dem einstigen Jeanskauf-Debakel tat sich Andreas, selbst studierter Maschinenbauer, mit zwei Designerinnen und einem Informatiker zusammen. Sie wollten eine ganz neue Technologie entwickeln, die es der Kundin und dem Kunden ermöglicht, sich bequem von zu Hause aus zu vermessen, verschiedene Styles virtuell anzuprobieren und sich kurze Zeit später über eine exakt passende Hose im Briefkasten zu freuen. Die Jungunternehmer steckten fast ihr gesamtes Erspartes in ihr Baby, alle Kraft und noch mehr Herzblut. Als das Ganze so langsam ins Rollen kam, musste Unterstützung her. Dem Team war es wichtig, so Andreas, Leute zu finden, die gar nicht unbedingt Experten in einem Fachgebiet sind, sondern das Produkt extrem cool finden und mit Leidenschaft zum Erfolg von SELFNATION beitragen wollen.

So zieht das langsam aber stetig wachsende Team seit bald 5 Jahren an einem Strang. Fachidioten unerwünscht.

Selfnation Team

Übrigens: SELFNATION veranstaltet jedes Jahr eine Geburtstagsfete – als Startup sollte man jedes erfolgreich überstandene Jahr ordentlich feiern, gibt Andreas schmunzelnd zu bedenken.

Ingenieurskunst und Fashion-Design

Das Aufwändige beim Schneidern einer Jeans ist übrigens nicht das Nähen, sondern die Herstellung des Schnittmusters und das Ausschneiden. Und wie löst man so ein Problem? Mit Technik, die begeistert! Andreas hat eine vorhandene Maschine so modifiziert, dass das Schnittmuster softwaregesteuert und vollautomatisch von einer Maschine gefertigt wird. Ein kleines Messer, «vergleichbar mit einem Pizzaschneiderad», gleitet durch die feinen Stoffe. Clever! Das Nähen übernehmen dann aber doch ausgebildete Schneiderinnen und Schneider im Tessin. Andreas ist es sehr wichtig, in der Schweiz mit fairen Gehältern und unter guten Arbeitsbedingungen zu produzieren. Er hofft, dass dies noch lange möglich ist und die Lohnspirale sich nicht unendlich weiter (nach oben) dreht.

Bisher musste man für die Bestellung seine eigenen Masse nehmen, ganz klassisch mit einem Massband. Seit Kurzem ist es zusätlich möglich, das Smartphone auf den Boden an die Wand gelehnt zu platzieren und sich so ringsum «scannen» zu lassen (Obacht: in Unterwäsche oder enganliegenden Leggins!). Fertig ist das «Massnehmen».

Wir sind gespannt, was SELFNATION als nächstes austüftelt!

Eines lässt sich jetzt schon sagen: Der Erfindergeist, die Leidenschaft und die gute Teamatmosphäre lassen sich in den Räumen des Startups mit der Luft einsaugen. Positives Denken, Neues ausprobieren, mit Elan ans Werk gehen – motivierend für alle Neustarter und Weitermacher.

«Eine Hierarchie gibt es überall.»

Eine interessante Diskussion entstand, als aus unserer Gruppe die Hierarchie-Frage gestellt wurde. Es ist allen bewusst, dass momentan ein Umdenken stattfindet. Viele Unternehmen probieren neue Modelle aus, die Stichworte lauten: Holokratie, agiles Projektmanagement, Jobsharing, kollaboratives Arbeiten und so weiter. Andreas glaubt nicht daran, dass alle Projektschritte in einer Gruppe diskutiert werden müssen, dennoch hat jeder im Team Bereiche, wo er Verantwortung zu tragen hat. Es macht für ihn viel Sinn, wenn eine einzige erfahrene Person alleine alles durchdenkt und sich für den besten Weg entscheidet. Teamwork stösst seiner Meinung nach schnell an Grenzen, beziehungsweise ufert aus.

Wahrscheinlich, so Bernadette von Neustarter, kommt es einfach auch auf die Komplexität der Aufgabe an und darauf, wieviele Parameter schon bekannt sind, z.B. in der Serienproduktion ohne Lead und agil arbeiten? Würde wohl niemand auf die Idee kommen. Wenn es jedoch um eine sehr komplexe Aufgabe geht, wie die Neuentwicklung eines Produkts, mache es sicherlich Sinn, verschiedene Denkweisen zu kombinieren, überlegt Bernadette laut.

Andreas ergänzt zum Thema Hierarchie: «Die gibt es doch überall. In jedem Unternehmen gibt es schliesslich mindestens einen Geschäftsführer, der bestimmte Entscheidung treffen muss und der verantwortlich für die Firma und die Entwicklung des Unternehmens ist.» Yes, that’s right.

Zum Abschluss unserer Tour dürfen wir noch einen Blick ins «Labor» werfen und die Programmierer und Marketingverantwortlichen sowie eine Dame, die offensichtlich neue Stoffmuster am Bügelbrett testet, bei der Arbeit stören – und morgen: Hose bestellen und gut aussehen! Den 20% Rabatt Gutschein bekommen wir mit auf den Weg. Vielen Dank dafür und für den Einblick in die Massschneiderei der Zukunft!

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