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Neustart als Coach für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+

Neustart als Coach für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+

Susanne Keller hat als Coach für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+ ihren Neustart gewagt. Sie erzählt uns im Interview, wie und warum sie darauf kam, welche Erfahrungen sie bisher gemacht hat und warum sich die Stellensuche 50+ ihrer Meinung nach als schwierig erweist.

Susanne, du hast vor einem Jahr Deine Coaching-Ausbildung mit dem Diploma of Advanced Studies in Coaching zhaw abgeschlossen und willst sogar noch einen Master rocken. Woher nimmst du die Motivation, mit dem Lernen nie aufzuhören?

Ich wusste schon beim ersten Studienabschluss 1979, dass es life-long learning werden würde und habe einfach nie aufgehört zu lernen. Dieser Entschluss war das Ergebnis meines Studienfachs Erziehungswissenschaften. Das hat zumindest den Lernprozess sehr erleichtert, da er nie unterbrochen wurde. Die Motivation war und ist mein enormer Wissensdrang.

Letztes Jahr hast du deinen Neustart als Coach für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+ gewagt. Was hast du denn vorher beruflich gemacht?

Bis März 2017 war ich an der ETH Zürich als Projektleiterin und Budgetverantwortliche angestellt und seit 2012 systematisch meine Selbständigkeit vorbereitet, mich weitergebildet. Ab März 2017 habe ich sofort mit dem Aufbau meiner Selbständigkeit als Coach angefangen. Zur Gruppe für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+ kam ich eher zufällig, da diese Gruppe im Sommer 2018 gerade eine neue Moderation suchte und mich fand. Neben dieser Gruppe betreue ich auch immer mehr Privat-Kunden, die ich in meinem Büro in der Stadt Zürich empfange.

Und wie kamst du darauf, dich auf stellensuchende Ältere zu spezialisieren? Als Reaktion auf die demografische Entwicklung und die des Arbeitsmarkts oder auch weil du selbst betroffen warst?

Nein, ich selbst war nie betroffen. Aber ich hatte seit 1996 in meinem beruflichen Umfeld und in der Gesellschaft sehr viele Menschen gesehen, die völlig unerwartete Kündigungen erhielten und ihre Arbeit verloren haben. Das war jedes Mal ein Drama. Damals begann ich mich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man sich unentbehrlich macht und wie man auch als ältere Mitarbeiterin noch gefragt, beliebt und fit bleiben kann.

Wie genau unterstützt du denn deine Kundinnen und Kunden auf ihrem Weg voller Hochs und Tiefs?

Bei allen Menschen, die ihre Arbeit verloren haben, geht es zunächst einmal darum, den Schock aufzufangen, das Selbstvertrauen aufzubauen, neue Perspektiven zu entwickeln. Danach suchen wir gemeinsam neue Wege und Strategien zur Stellenfindung und zur Bewerbung. Ich verfolge einen ganzheitlichen Approach. Meine Klienten müssen radikal umdenken, alte Denkmuster über Bord werfen, die Komfortzone verlassen, lernen, wie Bewerbungsprozesse heute ablaufen, sich neu aufstellen und sich was einfallen lassen, um positiv aufzufallen. Es ist ein mentales Make-Over. Einige haben sich zwanzig oder dreissig Jahre lang nicht mehr beworben und nicht weitergebildet. Oft ist neben dem mentalen auch ein physisches Make-Over notwendig: Fitness, Dentalhygienikerin, Zahnarzt, Garderobe, Frisur, Make-up bei Damen.

Susanne keller Coaching
Foto aus einer Coaching-Sequenz

Finden Menschen mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen oder Denkweisen (Mindset) schneller wieder eine gute Stelle und wenn ja, welche sind das?

Menschen mit einem dynamischen Mindset haben es sehr viel leichter, sich beruflich neu zu orientieren. Es ist eine Neu-Orientierung. Wenn man mit 50+ die Arbeit verliert, kann man nicht einfach dort anknüpfen, wo man aufgehört hat. Ein Umdenken und ein Abschied von der Vergangenheit sind unumgänglich. Manchmal muss man sich auch auf einen etwas tieferen Lohn einlassen, der aber in den meisten Fällen schnell wieder ansteigt, wenn man sich bewährt. Eine solche Neu-Ausrichtung ist auch eine Chance, sein Leben nochmals neu anzupacken, nochmals durchzustarten.

Warum ist die Stellensuche für 50+ häufig so schwierig – liegt es deiner Ansicht nach wirklich daran, dass 50+ für die Unternehmen zu teuer sind? Oder an was sonst?

Einerseits geistern in der Arbeitswelt enorm viele Vorurteile gegenüber 50+ herum. Andererseits gibt es Arbeitnehmer in dieser Altersgruppe, die wirklich etwas eingerostet sind, wenn sie jahrzehntelang mühelos vorangekommen sind und dann ohne Vorwarnung auf der Strasse stehen, vielleicht weil sie die Digitalisierung verpasst haben, oder weil man sich mit Vorgesetzten auseinandergelebt hat, oder weil jetzt einfach jemand mit einem andern Mindset gefragt ist, der flexibel und offen für Veränderungen ist. Die Lohnkosten sind gerade für Kleinunternehmen schon ein Thema, denn ab 50 steigen die Pensionskassenbeiträge auch für den Arbeitgeber stark an, und ein 50+ verdient einfach wesentlich mehr als jemand in den späten 20igern oder 30igern. Manchmal dauert es sehr lange, bis jemand die neuen Bewerbungsformen und die neue Art, sich an einen Job «ranzunetworken» aufgenommen und verinnerlicht hat. Wenn jemand den Computer nicht bedienen kann, dann ist das ein zweifaches Handicap: Die Stellensuche im Internet ist unmöglich und das Erstellen der Bewerbungsunterlagen funktioniert auch nicht.

Der Brain-Drain und die verlorenen Erfahrungsreserven, die durch diese Entlassungen den Unternehmen verloren gehen, werden erst nach einiger Zeit spürbar. Auch wird zu wenig über die Vorteile der 50+ gesprochen: Ihre Erfahrung, die sich zeit- und kostensparend auswirkt, ihre emotionale Stabilität, ihre Flexibilität, weil ihre Kinder schon ausgeflogen sind, kein Risiko für ungeplante Schwangerschaften mehr. Wenn 50+ einen Mehrwert für den Arbeitgeber schaffen, dann haben sie sehr gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Es gibt so viele äusserst erfolgreiche 50+, beispielsweise Christine Lagarde, die Direktorin des Internationalen Währungsfonds IWF, Doris Russi Schurter (Helvetia), Nayla Hayek (Swatch), Urs Schaeppi (Swisscom), Maura Baumann (Lern-Coach und Mediatorin), um nur einige Beispiele zu nennen.

Haben viele Stellensuchenden die Befürchtung, den schnelllebigen und hohen Erwartungen der heutigen Zeit nicht gerecht werden zu können? Oder glauben die meisten, ganz gut damit klar zu kommen?

Es sind weniger diese Befürchtungen als viel mehr die Enttäuschung und die Wut darüber, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden und erwünscht zu sein und oftmals auf hässliche Weise abgehalftert worden zu sein, die vorherrschen. Manchmal folgt dann auch eine neue Ernüchterung, dem Tempo und den Anforderungen nicht mehr gewachsen zu sein, vor allem, wenn jemand plötzlich eine neue Aufgabe findet, nachdem er oder sie einige Zeit nicht arbeiten konnte. Diese Probleme könnten vermieden werden, wenn die Mitarbeitenden von Anfang an konsequent weiterentwickelt, weitergebildet und gefördert würden und gar nie Zeit zum «Einrosten» oder «Einschlafen» erhielten und auch selber die Initiative zur beruflichen Weiterentwicklung packen würden. Mit individueller Talentförderung könnte man sehr viel bewirken und sehr gute MitarbeiterInnen lange motiviert und aktiv halten.

Gibt es eine Geschichte einer Kundin oder eines Kunden von dir, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Alle meine Klientinnen und Klienten sind einzigartig. Einige haben grausam Mühe in die Gänge zu kommen und sich zu bewegen, treten an Ort und Stelle und beklagen die Vergangenheit – diese Phase kann Jahre dauern. Je besser jemand ausgebildet ist, desto schneller wird wieder eine gute neue Aufgabe gefunden. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sich ein geknicktes Häufchen Elend innerhalb weniger Wochen oder Monate in einen strahlenden Helden oder in eine Erfolgsfrau verwandeln kann, die kaum mehr wiederzuerkennen ist.

Danke, liebe Susanne!

Susanne Keller
Susanne Keller, Coach für stellensuchende Fach- und Führungskräfte 50+


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