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Mikrokredite für Neustarter

Mikrokredite für Neustarter

Nadine Caprez studierte Betriebswirtschaftslehre, hat von 2003 bis 2006 mal eben den eigenen Familienbetrieb saniert, nebenher ein Start-up im Bereich Smarthome (spline.ch) gegründet und engagiert sich als Geschäftsführerin des Verein GO! für die Realisierung von guten Ideen – Der Verein berät Menschen, die sich selbständig machen möchten oder es schon sind und unterstützt mit Mikrokrediten bis zu CHF 40 000.-

Nadine, wenn man deine beruflichen Stationen der letzten Jahre durchgeht, dann denkt man: «Wow!» – Daher die Fragen: Was sind deine Kernkompetenzen und wie hast du das alles hinbekommen?

Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und habe früh gelernt, dass viel möglich ist, wenn man die Dinge selber in die Hand nimmt. Zudem bin ich ein optimistischer und wohl eher mutiger Mensch. Da ich schon viel erlebt habe, bringt mich nichts mehr so schnell aus der Ruhe. Fachlich gesehen bin ich betriebswirtschaftlich stark und eher eine Schnelldenkerin. Also knackige kurze Lösungen liegen bei mir manchmal einfach auf der Hand. Das klappt aber nicht immer!

Gibt es auch Learnings aus der Zeit der Sanierung des Familienbetriebs und bei der Gründung des Start-ups, wo du sagst, das würdest du heute anders machen?

Wir hatten in der heissten Phase der Sanierung einen sehr guten Treuhänder, der uns auch mental grosse Unterstützung gegeben hat, indem er einfach daran glaubte, dass wir die Sanierung hinkriegen. Er gab mir immer das Gefühl, dass ich alles richtig mache.

Es ist sehr wichtig, ein Umfeld zu haben, das an einem glaubt und unterstützt, wenn es notwendig ist. Sei es nur mit einem offenen Ohr.

In der Aufbauphase einer Firma ist das genau so wichtig. Ich würde auf jeden Fall versuchen, so viel wie möglich alleine zu machen und für spezifische Fragen (z.B. die Finanzierung) Spezialisten zu Rate ziehen.

Sicher ist diese Erfahrung von unschätzbarem Wert, wenn du im Rahmen deiner Arbeit beim Verein Go! Menschen mit Gründungsplänen gegenübersitzt – in welcher Phase und mit welchen Fragen kann man sich an euch wenden?

Wir beraten Selbständige, wenn sie einen Finanzierungsbedarf haben. Dies kann vor oder nach der Gründung sein. Es braucht im einfachsten Fall eine konkrete Geschäftsidee und den Wunsch, sich selbständig zu machen. Dies kann auch eine Teilzeitselbständigkeit sein. Auch komplexere Fälle sind möglich, z.B. dass man schon selbstständig ist, aber Investitionen anstehen, die aus dem laufenden Geschäft nicht finanziert werden können. Wir machen vieles möglich. Wir bieten ganz individuelle Lösungen und nehmen uns gerne Zeit dafür. Zudem muss niemand, der zu uns kommt, einen Businessplan oder ein Finanzplan vorlegen.

Was sind typische Punkte in Geschäftsplänen, die oft nicht gut durchdacht sind?

Wir haben analysiert, welche Personen aus welchen Gründen ihr Vorhaben aufgeben.

Erfreulicherweise sind es viel weniger als im «normalen» Business. Die wenigen, die aufgegeben, tun dies meist aus persönlichen Gründen: Sie werden krank, der Partner wird krank, ein Kind hat Probleme und so weiter.

Das sind die grossen Stolpersteine. Insofern ist das persönliche Umfeld zum einen einer der wichtigsten Aspekte bei einer Selbstständigkeit. Zum anderen ist es aber auch das, was nicht abschätzbar ist.

Man muss als Selbständiger mit Unsicherheiten gut leben können. Businesspläne mag ich nicht, denn die beleuchten nur die anderen Aspekte und lassen das Persönliche aussen vor. Natürlich sind Businesspläne auch wichtig, aber nie eine Garantie für das Gelingen. Da spielen noch viel wichtigere Faktoren mit. Für mich ist die Person an sich match-entscheidend. Ihr inneres Feuer für ihre Idee.

Aber zu deinem Punkt: Alles dauert länger, als man denkt: die Kunden zahlen später, die Ware wird zu spät geliefert und, und, und. Die Liquidität ist da schnell mal ein Problem. Es kann sich darum lohnen, einen Mikrokredit zu beantragen und damit Investitionen zu tätigen, um dann nicht in Liquiditätsengpässe zu geraten.

Wie sieht so ein Prozess aus, vom ersten Gespräch beim Verein Go! bis zu… ja, bis zu was? Begleitet ihr die Leute auch noch längere Zeit nach der Gründung?

Das erste Gespräch ist kostenlos und dauert eine Stunde. Es geht mir dabei darum, die Person kennenzulernen. Im zweiten und dritten Gespräch geht es um das Geschäftsmodell. Hier hinterfragen wir alles, geben Tipps und machen auf Schwachstellen aufmerksam. Und ganz wichtig: Wir erarbeiten gemeinsam ein Budget für die ersten 12 Monate. Jetzt können wir beurteilen, wie hoch der Kredit sein soll. Nach der Kreditauszahlung haben wir ein kostenloses Mentoring. Wir suchen, wenn gewünscht, einen Sparringpartner für die Zeit, bis der Kredit zurückbezahlt wird. Das sind ausgewiesene Fachpersonen, Manager und Selbständige und meistens ergeben sich sehr gute Freundschaften. Auf GO! kann man auch immer wieder bei Fragen zukommen.

Wenn du das Jahr nochmal Revue passieren lässt – Was waren besonders coole Ideen oder auch Persönlichkeiten hinter den Ideen?

Letzte Woche hatte ich ein besonders spannendes Gespräch. Eine Frau 65 Jahre alt. Mit wunderbaren Ideen, tollem innerem Feuer. So viel inneres Feuer muss funktionieren. Im Moment lebt sie von ganz wenig Geld und ich hoffe, es geht auf und sie kann sich bald wieder mehr leisten. Sie war im Beruf Integrationsdelegierte eines Schweizer Kantons und hat Integrationsangebote evaluiert und kontrolliert. Zudem ist sie Deutschlehrerin für Migranten.

Für die Schüler ist es jedoch sehr schwierig, Deutsch zu lernen, wenn sie Traumata erlebt haben. Sie hat darum ein Programm gesucht und gefunden, dass Traumata löst und dann den Weg ebnet, um Deutsch zu lernen. Es handelt sich um eine Hörtherapie und ich fand das sehr spannend. Sie geht nun mit einem Professor in wissenschaftliche Tests, um den Nutzen der Therapie zu beweisen.

Sind die Frauen und Männer, die ihr fördert, auch häufig älter?

Fast jeder zweite Mikrokredit wurde im 2018 an über 45-Jährige vergeben. Gerade für Leute mit mehr Lebenserfahrung, die nicht über die finanziellen Möglichkeiten verfügen, um die Selbständigkeit oder den weiteren Ausbau der Firma aus eigener Kraft zu finanzieren, ist die Beratung und die finanzielle Unterstützung von GO! enorm wichtig.

Gibt es Eigenschaften dieser Älteren, wo du sagst, da sind die in der Regel besonders gut darin oder aber haben bestimmte Skills nicht?

Sie haben mehr Lebenserfahrung. Sie können die eigenen Fähigkeiten und Schwächen besser einschätzen und oft haben sie ein sehr gutes berufliches Netzwerk. Das ist Gold wert, wenn sie sich im angestammten beruflichen Bereich selbständig machen.

Digital Natives sind sie halt nicht, aber das müssen sie auch nicht sein. Ich rate immer, sich auf das zu konzentrieren was man kann und gerne macht. Das andere kann beim Geschäftsaufbau hoffentlich günstig im privaten Umfeld «organisiert» werden. Hier muss man einfach mal den jungen Nachbarn mutig um Hilfe fragen. Den Mutigen gehört die Welt! Oder noch besser, wenn das Budget dank einem Mikrokredit von GO! reicht, gleich professionelles Fachwissen einkaufen.

Was rätst du generell Menschen jeden Alters, die fit für die Arbeitswelt der Zukunft bleiben möchten – sei es angestellt oder selbständig?

Neugierig sein auf Neues und sich immer mal wieder aus der Komfortzone bewegen. Wenn nicht im Beruf, dann wenigstens privat etwas Salz ins Leben bringen.


Nadine und der Verein Go! im Web: