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13.05.2019 in Wissen von Stephanie Péus

Mehr Unterstützung für ältere Erwerbstätige

Mehr Unterstützung für ältere Erwerbstätige

Bild: Zweite Nationale Konferenz, 2016, fachkraefte-schweiz.ch

«Die Situation für ältere Arbeitnehmende oder Stellensuchende muss sich verbessern. Die Älteren müssen stärker unterstützt und Ausgesteuerte besser abgesichert werden.» Darüber waren sich alle Vertreter von Bund, Kantonen und Sozialpartnern an der 5. Konferenz zum Thema «Ältere Arbeitnehmende» einig.

Es gibt in der Schweiz immer mehr ältere Menschen und in vielen Branchen herrscht Fachkräftemangel. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist also auf die älteren Arbeitnehmenden angewiesen. Arbeitslose über 55 Jahre haben es jedoch besonders schwer, eine Arbeitsstelle zu finden und werden in der Arbeitslosenversicherung überdurchschnittlich häufig ausgesteuert. Vertreter vom Bund, von Kantonen und Sozialpartnern haben deshalb an der fünften Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende in Bern eine Roadmap verabschiedet und eine Arbeitsgruppe bestimmt, welche die folgenden Massnahmen erarbeiten soll:

  • Ältere Arbeitslose sollen sozial besser abgesichert werden. Eine Option hierfür könnte eine Überbrückungsrente vom Bund sein. Gewerkschaften forderten zudem einen Kündigungsschutz für Erwerbstätige 50+, welcher an der Konferenz keinen Anklang fand. Leif Agnéus (56), Vorstandsmitglied des Arbeitgeberverbandes, äusserte sich dazu: regulatorische Eingriffe seien weder sinnvoll noch nötig.

  • Ältere Arbeitssuchende brauchen bessere Aussichten auf eine neue Stelle. Darum sollen die Arbeitssuchenden von den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) dabei stärker unterstützt werden. Die kantonalen Arbeitsmarktbehörden bekamen den Auftrag, einen Aktionsplan auszuarbeiten.

  • Das bestehende Angebot für ältere Stellensuchende der Kantone soll künftig kantonsübergreifend einfacher zugänglich gemacht werden und konsequenter und breiter angewendet werden.

  • Hat man als erwerbstätige Person ab einem bestimmten Alter das Recht auf eine berufliche Standortbestimmung? Diese Frage soll die Arbeitsgruppe ebenfalls klären.

Wieso haben Ältere schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt?

In Gesprächen der Egger, Dreher & Partner AG mit Amtsleitenden verschiedener Schweizer Kantone, wurden folgende Gründe genannt, warum ältere Personen grössere Schwierigkeiten haben, sich wieder im Berufsleben zu integrieren:

  • Gewisse Arbeitgeber in gewissen Branchen ziehen jüngere Stellenbewerber aus verschiedenen Gründen vor.

  • Bei automatisierten Rekrutierungsverfahren werden ältere BewerberInnen oft automatisch rausgefiltert.

  • Viele Ältere können sich selbst nicht so gut verkaufen wie Jüngere, da sie seit vielen Jahren nicht mehr in einem Bewerbungsprozess waren und die Anforderungen an die Bewerber früher nicht so hoch waren.

  • Selbststigmatisierung durch Aussagen wie «Ich bin ü50, ich habe sowieso keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt». Das kann negative Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und die Motivation haben.

  • Viele Stellensuchende haben 20 Jahre lang bei einem Arbeitgeber eine sehr spezifische Funktion ausgeübt, die es in dieser Form sonst nirgends gibt.

  • Das Prinzip des «Lebenslangen Lernens» haben viele Ältere vernachlässigt, haben keine Weiterbildungen besucht und trotzdem über die Jahre immer mehr und mehr verdient. Für den Arbeitsmarkt heisst das im Klartext: kein aktuelles Berufswissen vorhanden und zu hohe Lohnforderungen.

  • Es kommt oft vor, dass ungenügende Kenntnisse über gängige Technologien und Werkzeuge vorhanden sind.

Wichtige Fakten querfeldein

  • Die Schweiz gehört in der OECD zu den Ländern mit einer der höchsten Erwerbstätigenquoten bei den 55-64-Jährigen.

  • Die Zahl der Arbeitslosen im Alter 50+ sinkt weiterhin. Im April 2019 sank die Zahl um 1’222 Personen (-3.8%) auf 30’650.

  • Von den Nichterwerbspersonen im Alter von 55-64 Jahren gaben im Jahr 2018 31% an, aufgrund einer Invalidität oder einer vorübergehenden Arbeitsunfähigkeit nicht zu arbeiten. 24% nannten persönliche Gründe. 27% waren vorzeitig und 16% ordentlich pensioniert worden. 3% sagten, dass sie für sich keine Chance auf dem Arbeitsmarkt sehen.

  • Es lassen sich immer weniger frühpensionieren. Immer mehr Erwerbstätige arbeiten länger. Der Anstieg wird unter anderem mit dem grösseren Erwerbsanteil der Frauen begründet.

  • 2018 waren 20% der 65-74-Jährigen arbeitstätig, meistens Teilzeit.

  • Ältere Personen sind im Vergleich zu jüngeren weniger häufig arbeitslos. Auch das Risiko, arbeitslos zu werden, ist vergleichsweise gering.

  • Der Anteil der über 55-jährigen Langzeitarbeitslosen liegt bei über 34 Prozent. Daher ist auch die Sozialhilfequote bei den 50+ viel stärker gestiegen als in anderen Altersgruppen. Mit 2.9% lag die Sozialhilfequote bei den 56-64-jährigen Personen im Jahr 2017 jedoch spürbar unter jener der 46-55-jährigen, mit 3.5%.

  • Dauer Taggeldbezug im Schnitt 2018: 45-54-Jährige: 6.6 Monate, 55-62-Jährige: 7.9 Monate, 63-64-Jährige: 12 Monate. Die Dauer des Leistungsbezug nimmt bei den Stellensuchenden also mit dem Alter zu.

  • Das Risiko, ausgesteuert zu werden, ist für Personen im Alter von 55-64 Jahren um 31% höher als für unter 35-Jährige.

  • Nach der Aussteuerung verabschieden sich nicht alle von der Erwerbstätigkeit: 44% der 55-64-Jährigen finden im ersten Jahr nach der Aussteuerung wieder eine Stelle. 47% nach 4-5 Jahren.

Wir sind gespannt, wie sich die Situation weiterentwickelt, halten Euch auf dem Laufenden und werden natürlich in dem Themenfeld weiterhin einen positiven Beitrag leisten.


→ Zur offiziellen Medienmitteilung «5. Nationale Konferenz «Ältere Arbeitnehmende» zu Wiedereingliederung und soziale Absicherung»

Quellen: admin.ch