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17.01.2018 in Wissen von Béatrice Rybi

Massnahmen gegen die Anti-Aging-Hysterie

Massnahmen gegen die Anti-Aging-Hysterie

Sehr viele Frauen färben ihre Haare, um das Grau abzudecken. Viele ärgern sich über den Aufwand und die Kosten, tun es aber trotzdem, um ihr Älterwerden hinter gefärbten Haaren zu verstecken. Wenn eine Gruppe unsichtbar ist, sind es auch die Probleme, die sie betreffen. Bei diesen Überlegungen wurde mir schlagartig klar, was zu tun ist. Ich stellte folgende Hypothese auf: Angenommen, die Welt würde realisieren, wie viele wir sind und wie schön. Und wir Frauen würden solidarisch zusammenhalten und uns alle unsere Haare grau werden lassen! Es würde die Welt verändern!

Ich habe die Idee auf meiner «This chair rocks» Facebook-Seite gepostet und eine Menge entrüstetes, aber verdientes Feedback erhalten. «Du zuerst!», war ein häufiger Kommentar. Also tat ich genau das und bleichte alle Haare auf meinem Kopf (einen Teil lasse ich weiss, einerseits aus Solidarität zur Haarfärberei im Alter und andererseits, weil sicher niemand annimmt, dass das Braun echt ist.). Ich habe eine wichtige Lektion gelernt: Wie anmassend ist es denn, den Frauen vorzuschreiben, wie sie aussehen oder was sie tun sollten? Jedem sein Ding. Jeder von uns muss auf seine Art altern, egal unter welchen Voraussetzungen.

Über eine Sache sind wir uns doch einig: Älter werden ist für Frauen schwieriger. Es belastet uns, dass Schönheit mit Jugend und Jugend mit Macht gleichgesetzt wird – und wir werden von Altersdiskriminierung und Sexismus doppelt bestraft. Wie gehen wir damit um? Wir geben Unmengen Geld für Anti-Aging Produkte aus und vertuschen unser Alter. Wir machen Diät, gehen ins Gym, lassen uns aufpumpen, liften und straffen. Diese Strategien können sehr wirkungsvoll sein, und ich verstehe völlig, warum so viele von uns sie anwenden. Ich urteile nicht, ganz ehrlich. Aber zu versuchen, als jung durchzugehen, ist ungefähr so, als würde ein Homo versuchen, wie ein Hetero auszusehen, oder ein Farbiger wie ein Weisser. Dieses Verhalten wurzelt in der Scham über etwas, worüber wir uns nicht schämen sollten. Und weil daraus Diskriminierung entsteht, sind wir gezwungen, genauso weiter zu machen. Die Erscheinung ist wichtig. Schönes Aussehen gefällt. Aber diese festgefahrene Vorstellung der Gesellschaft, wie eine Frau aussehen muss, hat weniger mit Schönheit zu tun, sondern mit dem Nachahmen der vorgegebenen Schönheitsideale. Diese stehen für Macht. Wenn Frauen darum wetteifern, «jung zu bleiben», arbeiten sie damit an ihrer eigenen Entmachtung. Wenn wir andere Frauen nach ihrem Alter einordnen, verstärken wir damit Altersdiskriminierung, Sexismus, Patriarchat und die Reduktion auf das Aussehen. Sind wir uns einig, dass das Ganze ein einziges Verlustgeschäft ist? Dass es uns zum Scheitern verurteilt und uns gegeneinander aufhetzt? Deshalb sind die Ärmsten der Armen auf der ganzen Welt alte farbige Frauen.

Was sollen wir tun? Ashton Applewhite drängt die Frauen dazu, sich mit aller Kraft gegen die Altersdiskriminierung einzusetzen, so wie sie in den 1960er und 1970er Jahren gegen Sexismus mobilisiert haben. Damit solche Bewegungen wirksam sind, müssen ihre Anhänger den stigmatisierten Zustand annehmen, egal ob es dabei um schwarze Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder Altern geht. Das heisst, wir müssen das Älterwerden annehmen statt es zu verleugnen, es sogar mit offenen Armen empfangen. Das ist viel verlangt. Vor allem, wenn uns all die Frauenzeitschriften und hundert Werbebroschüren entgegen schreien: «Wie kannst du erwarten, begehrt zu werden, wenn du dich gehen lässt?» Nichts an dieser festgefahrenen und beschämenden Aussage ist natürlich, nichts ist in Stein gemeisselt, und eine Änderung ist im Anmarsch. Im August hat die Zeitschrift «Allure» den Begriff «anti-aging» aus ihrem Repertoire verbannt und stattdessen empfohlen, auf natürliche Art in seinem Körper alt zu werden, mit Falten und allem. Dieser Gegentrend war schon längst fällig und notwendig. «Wenn ein solch wegweisender Meinungsträger der Schönheitsindustrie dies kann, dann schaffen wir das auch: Uns und einander mit anderen Augen anschauen, und gutheissen, was wir sehen.

Hier eine kleine Starthilfe:

  • Prägt euch ein, was wir schon immer wussten: älter werden ist eine Bereicherung!

Wer von uns denkt denn wirklich, dass wir beim Altern eine minderwertige Ausgabe von unserem früheren Ich werden – weniger interessant sind, weniger Spass im Bett haben, weniger wertvoll sind? Wenn das so ist, woher kommen denn diese Aussagen und welchen Zweck haben sie? Natürlich bringt das Alter schmerzhafte Verluste mit sich, aber es vermittelt auch Authentizität, Selbstvertrauen, Perspektiven und Selbstbewusstsein (meine Mutter sagte, dass ihre Beine im Alter besser wurden). Wir setzen klare Prioritäten. Wir haben die Gefühle besser im Griff. Wir wollen weniger. Es ist uns egal, was andere von uns denken, was wirklich befreiend ist. Für viele Frauen ist das Alter die beste Zeit überhaupt.

  • Wir müssen die anderen und uns grosszügiger betrachten.

Anstatt unserem Gesicht im Spiegel «was zum Teufel ist denn geschehen» zuzumurmeln, erinnern wir uns besser an die vielen tollen Dinge, die in unserem Leben wirklich geschehen sind. Die Falten zwischen Nase und Lippen? Die Schauspielerin Frances McDormand grinst, als sie sagt, ihr Sohn Pedro sei für die eine Falte links in ihrem Gesicht verantwortlich, weil sie während 20 Jahren so oft «wow» oder «oh my god» gerufen hat. Sie nennt ihr Gesicht eine Landkarte und weigert sich, ihre Lebensgeschichte durch Schönheitschirurgie auslöschen zu lassen. Die billionenschwere Hautpflege- und Schlankheitsindustrie wird durch Unzufriedenheit aufrechterhalten. Glauben ist ein Aphrodisiakum. Welche unserer Freundinnen sind sexuell aktiv? Nicht die, die am besten aussehen, nicht die schlanksten oder die jüngsten. Nein, glücklich ist, wer seinen Liebhaber gut kennt.

  • Die Denkweise Alt-gegen-Jung/Jung-gegen-Alt darf man nicht tolerieren

Vorurteile untergraben unser Zusammenleben. Angestellte Mütter streiten sich mit Hausfrauen darüber, wer der bessere Elternteil ist, anstatt sich für Lohngleichheit einsetzen. Ein Grund für die hohe Konkurrenz am Arbeitsplatz ist der Stellenmangel für Frauen. Das Problem liegt nicht darin, dass es zu viele Frauen gibt, sondern in der Geschlechter- und Rassendiskriminierung. Das Nullsummendenken erhält nicht nur Machtstrukturen aufrecht, sondern macht es auch schwieriger, grosszügig und aufgeschlossen zu sein.

  • Alle Altersgruppen sollten dies zusammen ausdiskutieren

Tatsache ist, dass jede Generation selber herausfinden muss, wie zwecklos und schädlich es ist, sich vor dem älter werden zu fürchten. Wir verschwenden so viel von unserer Jugend, indem wir uns Sorgen darüber machen, nicht mehr jung zu sein. Wieso verfallen wir der Illusion, dass unsere Blütezeit spätestens mit dem gebärfähigen Alter verpuffen würde – trotz aller gegenteiligen Beweise? Mit einem altersmässig durchmischten Freundeskreis ist es leichter, sein eigenes Alter nicht verleugnen zu müssen und dementsprechend denken und handeln zu können.

Wir haben die Wahl: Wir können das Loch tiefer graben, oder aber die verdammte Schaufel wegwerfen. Mit genügend Willen und der richtigen Vision können wir vom Wettbewerbsdenken zum Teamwork wechseln. Und das Thema in eine andere Richtung lenken, anstatt von Stress und Verlust von Bestätigung und Gerechtigkeit sprechen. Und wir können diese Veränderung in die Welt hinaustragen. Die Frauenbewegung lehrte uns, unsere Macht zu beanspruchen; eine Pro-Alter-Bewegung wird und lehren, dazu zu stehen.


Übersetzt von Béatrice Rybi aus dem Englischen

Originalartikel aus der New York Times vom 10.10.17

Titel: Working to Disarm Women’s Anti-Aging Demon

Autorin: Ashton Applewhite

Ashton Applewhite ist Autorin von «This Chair Rocks: Manifesto Against Ageism» und führendes Sprachrohr einer Bewegung zur Mobilisierung gegen Diskriminierung aufgrund des Alters.

Foto: Adrian Buckmaster