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Laut arbeiten

Laut arbeiten

Jochen Adler arbeitet seit den 1990er Jahren dafür, dass Software den Menschen Brücken baut statt Barrieren. Technische Innovationen betrachtet er sowohl aus dem Blickwinkel der Wirtschaftlichkeit als auch der Menschlichkeit. Als Manager Solution Consulting bei OpenText gehört er zur deutschen Führungsmannschaft des kanadischen Software- und Cloud-Anbieters. Mit «Working Out Loud» macht er sich für eine Methode stark, die Menschen die Möglichkeit gibt, digitale Vernetzung Schritt für Schritt zu lernen und damit ihre Arbeitskultur gemeinsam zu modernisieren.

Jochen, «working out loud» – wer hat`s erfunden?

Die Schweizer natürlich! (lacht) Nein-nein. Der Begriff geht auf Bryce Williams zurück, aber mein Ex-Kollege John Stepper hat ihn weltweit populär gemacht durch ein gleichnamiges Buch. Die Bewegung steht aber – ganz im Sinne der Methode – auf den Schultern von Giganten: Da steckt auch viel Gedankengut drin beispielsweise von Seth Godin, von Austin Kleon («Show Your Work») oder auch von Dale Carnegie («Wie man Freunde gewinnt»).

Können Sie uns eine Person beschreiben, die leise arbeitet? Und eine die laut arbeitet?

Ich würde zur Illustration gerne in beiden Fällen dieselbe Person nutzen, einen Mitarbeiter in einem wissenschaftlichen Labor. So jemand arbeitet «leise», wenn er verschlossen vor sich hingrübelt, im stillen Kämmerlein, sich in Gedankengebäuden verrennt, Angst vor Kritik hat, und sich darüber isoliert und einfach gar nichts mehr sagt. Eine vergleichbare Person in gleicher Position könnte jedoch ein wunderbares Beispiel für den Mindset und die Methode abgeben, wenn sie regelmässig publiziert, akademische Journals liest, mit den jeweiligen Autoren korrespondiert, Konferenzen besucht, um sich weiterzuentwickeln, und andere Wissenschaftler durch gründliche «peer reviews» ihrer Publikationen unterstützt. Damit leistet sie Beiträge zur wissenschaftlichen «Community», knüpft Kontakte und erweitert damit kontinuierlich auch den eigenen Horizont: Das ist Working Out Loud!

Gibt es Bereiche, in denen Ihnen persönlich laut arbeiten schwerfällt oder sogar gar nichts bringt?

Ich selbst bin wirklich sehr überzeugt davon, dass mich jeder Austausch voranbringt, mir neue Sichtweisen zeigt und mir hilft, zu lernen und mich weiterzuentwickeln. Aber natürlich sind mir Privatsphäre und geistiges Eigentum heilig. Nicht umsonst ist eine wichtige Regel der Working Out Loud Circles: Was im Circle ist, bleibt im Circle; Vertraulichkeit kommt von Vertrauen. Vernetzung heisst ja nicht, Klatsch und Tratsch und Gerüchten Tür und Tor zu öffnen.

Wen sollte man in sein (lautes) Arbeiten einbeziehen? Das Team? Das gesamte Unternehmen? Kunden? Die ganze Welt?

Nur keine Scheu! #WOL funktioniert auf allen Ebenen als «Blockadelöser». Wenn ich in einer kniffeligen Grübelei festhänge, hilft mir vielleicht eine Kaffeepause mit einem Teamkollegen als Sparringspartner. In Unternehmen ab einer gewissen Grösse treten Bereichsegoismen auf, und es tut gut, sich zu vergewissern, dass man gemeinsam im selben Boot sitzt und an einem Strang zieht. Und tatsächlich bieten soziale Plattformen mir die Möglichkeit, auch mit Experten in der ganzen Welt in den zielgerichteten Austausch zu treten.

Gibt es bestimmte Kanäle, die Sie zur Vernetzung und zum Teilen von Gedanken und Arbeitsergebnissen empfehlen?

Auf LinkedIn ist für mein berufliches Umfeld eine starke Gemeinschaft entstanden, wo ich oft an hochwertigen Diskussionen teilnehme, die fachlich auch sehr tief gehen können. Ich persönlich mag auch Twitter sehr, weil es mich zwingt, prägnant zu sein – und weil es schnell geht. Der Kanal ist jedoch zweitrangig, auf die Einstellung kommt es an! Beiträge und Hilfe anzubieten, sich Rückmeldung zu holen, Beziehungen zu knüpfen: Das geht auch am Telefon, per E-Mail oder ganz altmodisch mit ein paar Vertrauten in der Kantine.

Wäre es nicht am einfachsten, man würde einfach sein Trello-Board, den Kalender und seine Google Drive Dokumente auf «öffentlich» stellen – oder ist das auch nicht Sinn der Sache?

Vorsicht, Missverständnis! Es geht ja nicht um blindwütiges Publizieren. Nichts ärgert mich beispielsweise mehr als bei Facebook geteilte Artikel mit dem schnodderigen Kommentar: «Lesebefehl!» Man sollte sich im Einzelfall die Mühe machen, darzulegen, warum man etwas spannend findet, und als Adressat will ich wissen, warum gerade ich einen Artikel lesen sollte. Je persönlicher die Widmung, desto stärker vertieft sie die Beziehung. Ein, zwei Sätze unterscheiden eine persönliche Empfehlung, die als wertschätzender Beitrag wahrgenommen wird, vom plumpen Selbst-Marketing mit dem Lautsprecher.

Wie schafft man es bei der ganzen Vernetzung, dem täglichen Geräuschteppich und Geklapper, kreative Ruheräume zu erhalten?

Kreative Ideen hat man oft mit etwas Abstand, beim Spaziergang, beim Sport, unter der Dusche. Deshalb ist meine Lieblingsfunktion beim Smartphone der Flugmodus. Und so wie ich mich manchmal aufs Wochenende freue, um meiner Familie von den Erlebnissen auf einer Dienstreise zu erzählen, so kommt bei mir die Inspiration zur beruflichen Vernetzung zu einem Thema, auf dem ich «herumkaue», oft ganz unerwartet. Man muss also loslassen können. Und übrigens den persönlichen Freiraum auch mal verteidigen gegen den Anspruch der ständigen Erreichbarkeit, auch gegenüber Kunden und Vorgesetzen.

Kennen Sie Unternehmen, die «working out loud» als Chance erkannt haben und fördern? Wie geht das?

Die Liste der Unternehmen, in denen sich die Belegschaft mit #WOL fit macht fürs digitale Zeitalter, liest sich langsam wie ein «who is who» der deutschen Wirtschaft von A bis Z: Audi, Bosch, Continental, Daimler, … über Siemens … bis ZF. Die wichtigste Förderung ist meiner Ansicht nach, Freiraum zu gewähren, auszuprobieren, denn die Ergebnisse sprechen dann für sich. Wie sieht die erste Investition denn aus, eine Stunde in der Woche für ein Treffen im Working Out Loud Circle? Wer das nicht gestattet, hat noch ganz andere Probleme.

Welche Tipps können Sie Personalverantwortlichen geben, um auch langjährige Mitarbeiter (welche die letzten 30 Jahre eher leise gearbeitet haben) zu begeistern, die Lautstärkeregler nach oben zu drehen?

Von Führungskräften würde ich zunächst mal erwarten, dass sie eine gewisse Neugier zeigen und Experimente aus der Belegschaft nicht nur zulassen, sondern geradezu ermuntern. Veränderung beginnt in der Mitte, oft also überhaupt nicht auf oberster Ebene! Informieren und involvieren sollte man das obere Management vor allem, damit es nicht zu Irritationen kommt, die das zarte Pflänzchen einer Graswurzelbewegung zertreten. Gerade langjährige Mitarbeiter geben ihre Erfahrungen oft gerne weiter – man muss ihnen dafür nur den Rahmen geben. Working Out Loud Circles sind immer interdisziplinär, oft generationenübergreifend; sie eignen sich dafür ganz hervorragend.

Und wie arbeitet jemand effektiv laut, der selbständig ist z.B. im Rahmen einer Einzelfirma?

Selbständige arbeiten ohnehin vielfach in Netzwerken zusammen, sie öffnen sich häufig leichter als denjenigen, die das Gefühl haben, in der Hierarchietiefe eines Konzerns zu ersticken. Dem Freiberufler dürfte besonders daran gelegen sein, sich persönlich wie beruflich weiterzuentwickeln, Trends aufzuspüren oder die Resonanz neuer Ideen zu testen. Nicht zuletzt baut man sich durch nützliche, zielgerichtete Beiträge natürlich auch eine professionelle Reputation auf, das kann nie schaden.

Was sind Ihre Zukunftspläne für die Plattform workingoutloud.de?

Da treffen Sie leider einen wunden Punkt. Wir erhalten momentan täglich neue Anmeldungen für unseren Newsletter, und die deutschsprachige Community, die wir als Yammer-Netzwerk betreiben, wimmelt vor Aktivität. Ständig bilden sich neue Circles, es ist eine Freude, das zu sehen. Auf der Homepage sieht man jedoch nichts von diesem überwältigenden Engagement. Das ist sehr schade, denn die Mitglieder der Community erzählen inzwischen nahezu täglich von ihren Erfolgen und Herausforderungen. Diesen alltäglichen Geschichten sollten wir eine Bühne bieten. So wird unsere Webseite die erste Anlaufstelle für alle, die sich für Working Out Loud in Deutschland interessieren.

Im Web:

Porträt von: Thomas Dreier, http://t3-foto.de