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«Komm doch wieder mal vorbei!»

«Komm doch wieder mal vorbei!»

Sie strahlten am Retrospektive-Event zum «Praktikum Arbeitswelt 4.0» um die Wette: Carmen, langjährige Mitarbeiterin bei der Zürcher Kantonalbank ZKB, und Nadine Hunkeler, Advisory Board Lead des Start-ups WeSpace, einem Coworking-Space für Frauen. Carmen war im März 2020 für vier Wochen als Praktikantin bei WeSpace. Damit ist sie eine der fünf gestandenen Berufsleute, die an diesem Experiment bisher teilnehmen durften.

Besonders geschätzt hat Carmen in ihrem Praktikum bei WeSpace, sich auf Neues einzulassen und dabei aus der Komfortzone herauszutreten. Erstaunt stellte sie fest, wie chaotisch es in einem Start-up zu und her geht, dass aber trotzdem viel erreicht werden kann. Nadine, agil aus dem (stehenden) Auto in die Zoom-Konferenz zugeschaltet, bestätigt, dass es sehr an Struktur gefehlt habe in der Firma. Die Praktikantin Carmen habe eine Partnerbroschüre neu aufsetzen können – eine Arbeit, die sie vorher noch nie gemacht habe. Das Endprodukt überzeugte dennoch. Und auch das Persönliche: Die beiden mögen sich offensichtlich und grüssen einander über Zoom ganz herzlich: «Komm doch wieder mal vorbei!»

Ein ähnlicher Groove herrscht auch zwischen den anderen Praktikantinnen und Praktikanten und ihren Praktikumsbetrieben. Man ist einander lieb geworden und denkt mit einem guten Gefühl an die intensive Zeit des Praktikums. Eine Zeit, in der langjährige Mitarbeitende eines Traditionsunternehmens für vier Wochen in die wilden Wasser eines Start-ups springen, vermittelt und begleitet durch die Neustarter-Stiftung.

Steffi, langjährige Mitarbeitende des Instituts für Angewandte Psychologie IAP, gastierte für ihr Praktikum ebenfalls bei WeSpace. Ihr Projekt: Content erstellen und bloggen. Grösstes Learning: Einfach machen – es muss nicht immer alles perfekt sein. In einer grossen Organisation mit vielen Abteilungen, Schnittstellen und Vorgaben ist das natürlich nicht immer 1:1 umsetzbar. Aber ein bisschen mehr Spontaneität und weniger Perfektionismus schaden auch dort nicht.

Erfahrene Bank-Menschen treffen auf Start-up Groove

Reto (51) erlebte sein «Praktikum Arbeitswelt 4.0» beim Start-up CARU, das einen digitalen Helfer für Senioren entwickelt und lanciert hat. Dabei musste sich Reto das erste Mal seit Jahrzehnten wieder einmal mit Basics befassen, etwa mit dem Einrichten und Nutzen einer neuen Infrastruktur. Während der vier Wochen hatte er die Gelegenheit, mehr über den Antrieb und die Einstellungen der CARU-Mitarbeitenden zu erfahren, die im Schnitt etwa 20 Jahre jünger sind als er. Reto: «Die Marke CARU zu 100 Prozent leben und gemeinsam zum Erfolg zu bringen – man spürt diesen positiven Spirit jeden Tag. Diesen Elan und diese Begeisterung neu in mein Team zu bringen, diese Herausforderung nehme ich an!» Ganz praktisch half Reto dem Start-up, ein Dossier zur neuen Datenschutzverordnung zu verfassen. Ein solches eigenes, kleines Projekt ist gemäss Bernadette Höller, Geschäftsführerin der Neustarter-Stiftung, ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Praktika.

Kathi von CARU, nicht persönlich anwesend am Event, liess ihre Erkenntnisse und Botschaften über Bernadette übermitteln. Was der erfahrene Blick von aussen gebracht hat? «Wir haben mehr als erwartet profitiert, vor allem durch die Aussensicht zu unserer Teamdynamik und Firmenkultur». So habe Reto zum Beispiel eingebracht, sich mehr Zeit zum Feiern von kleinen und grossen Erfolgen zu gönnen.

Bei Fabian, der seit fast 20 Jahren bei der Zürcher Kantonalbank ZKB arbeitet und sein Praktikum beim Fintech-Start-up Yapeal absolvierte, befasste sich das eigene kleine Projekt mit «Person to Person»-Payment-Anbietern. Fabian evaluierte mögliche Kooperationspartner und führte Gespräche mit ihnen. Für ihn lag ein grosser Mehrwert darin, echtes agiles Arbeiten – organisationsübergreifend und ohne Hierarchien – am eigenen Leib zu erleben und sich mit der Start-up-Welt zu vernetzen. Fabian ist einer der Kandidaten, die es zumindest nicht ausschliessen, sich irgendwann beruflich in diese Richtung zu verändern. Gleichzeitig hat er die Berechenbarkeit und das Arbeitsumfeld in einem etablierten Unternehmen neu schätzen gelernt. Daniel, sein Buddy von Yapeal während des Praktikums, betonte, dass Fabian aufgrund seines breiten Wissens aus der Bankwelt, aber vor allem wegen seiner offenen Art das perfekte Match für das Praktikum bei Yapeal war. Ein Aha-Erlebnis für Fabian war, bei seinen Gesprächen mit Dritten am eigenen Leib zu erfahren, wie unterschiedlich man behandelt wird, je nachdem ob man von einem unbekannten Start-up aus anruft oder als Vertreter der Zürcher Kantonalbank.

Arbeiten ist das neue Lernen

Aus der Sicht von Bernadette Höller ist der Hauptzweck der Praktika, dass «alle Generationen die Fähigkeit, die Lust und die Gelegenheit haben, die digitale Zukunft zu gestalten». Für die Praktikantinnen und Praktikanten ist das Praktikum eine exzellente Gelegenheit, Neues auszuprobieren, ohne die Sicherheit zu verlieren, und die Arbeitgeber unterstützen langjährige Mitarbeitende, sich auf verschiedenen Ebenen, etwa in agilen Denkweisen und digitaler Fitness, weiterzuentwickeln. Nicht durch Trockenübungen in einem Tagungszentrum, sondern durch das Eintauchen in ein wildes Start-up. Marco Beutler, Leiter Personal bei der ZKB und Mitglied des Stiftungsrats von Neustarter: «Ich bin überzeugt: Dieses Format bringt den Leuten mehr als ein CAS. Und auch wir als Bank profitieren, weil wir damit Veränderung in die Bank bringen.»

Das geschieht aber nicht linear, indem irgendwelche Tools in die Firma transferiert werden, wie Christoph Negri vom IAP weiss. Er hat das Projekt wissenschaftlich begleitet und mit allen Beteiligten Interviews geführt. Die Praktikantinnen und Praktikanten schätzten den persönlichen Gewinn im Durchschnitt fast doppelt so hoch ein wie den Gewinn für das eigene Team (8,66 resp. 4,5 auf einer Skala von 1 bis 10). Ein Transfer von agilen oder innovativen Methoden in die Arbeitgeber-Unternehmung werde nur im kleinen Rahmen stattfinden, vermutet Christoph Negri. Es gebe aber auch eher selten einen Mangel an Methodenkenntnis in Grossunternehmen, sondern die Krux liege in Zeiten des Wandels eher in den Köpfen, Prägungen und Haltungen.

In einem völlig anderen Umfeld einen Beitrag leisten

Der Nutzen des Neustarter-Praktikums liegt gemäss den Interviews vor allem im persönlichen Bereich: Die Praktikantinnen und Praktikanten erfahren, dass sie in einem völlig anderen Umfeld einen Beitrag leisten können. Sie lernen flache Hierarchien und neue Führungsansätze kennen. Sie erweitern ihren Horizont, indem sie erleben, wie anders in Start-ups gearbeitet wird und können unterschiedliche Denkweisen vergleichen. Daneben knüpft sich das Netzwerk in so einem Programm wie von selbst. Gut und divers vernetzt zu sein, ist einer der wichtigsten Faktoren für lebenslange berufliche Fitness und Flexibilität.

Der Return of Investment für die Firmen – sie bezahlen während des Praktikums den normalen Lohn plus eine Pauschale an die Neustarter-Stiftung – liegt aber auch noch auf einer ganz anderen Ebene: Alle Praktikantinnen und Praktikanten betonen nach dem Praktikum, was für einen tollen Arbeitgeber sie haben: einen Arbeitgeber, der eine sichere Stelle, hilfreiche Strukturen und Prozesse, klare und nicht übermässig viele Aufgaben bereithält. Und einen Arbeitgeber, der ihnen dieses Praktikum ermöglicht hat.


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