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14.11.2017 in Wissen von Stephanie Péus

Generationenprojekte für den sozialen Zusammenhalt

Generationenprojekte für den sozialen Zusammenhalt

Die Plattform Intergeneration verbindet Generationen in der Schweiz, macht Generationenprojekte sichtbar und vernetzt Akteure und Interessierte. Neustarter hat die Programmleiterin Monika Blau gefragt, was das genau bedeutet.

Was ist das Ziel von «Intergeneration»?

Intergeneration ist ein Programm der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und möchte mit der Förderung guter Generationenbeziehungen einen wichtigen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt in der Schweiz leisten. Im Mittelpunkt der Arbeit meines Mitarbeiters Ruedi Schneider und mir stehen dabei die sogenannten «Generationenprojekte». Das sind Aktivitäten und Projekte unterschiedlichster Art, die persönliche Begegnungs- und Austauschmöglichkeiten zu anderen Altersgruppen bieten.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass es durch Kontaktinterventionen möglich ist, den Stereotypen und Vorurteilen zwischen den Generationen zu begegnen und mehr Verständnis für die anderen Bedürfnisse und Lebenswelten der Altersgruppen zu entwickeln. Aufgrund des demografischen Wandels und veränderten gesellschaftlichen Entwicklungen (ein Stichwort wäre hier die Mobilität) kann dies nicht mehr ausschliesslich familiär geleistet werden.

Wie unterstützen Sie die verschiedenen intergenerativen Projekte in der Schweiz konkret?

Wir verstehen uns als Mittlerin und als Impulsgeberin für die Akteure – seien dies Einzelpersonen, Organisationen oder staatliche Stellen. Mit unserer Online-Plattform www.intergeneration.ch, auf der sich die generationenverbindenden Projekte und Veranstaltungen kostenlos selbst präsentieren können, gibt es heute für die Schweiz ein ressourcensparendes Vermarktungs- und Vernetzungsangebot für das Thema Generationenbeziehungen. Über alle unsere miteinander kombinierten Kommunikationskanäle erhalten die Generationenprojekte eine massiv höhere Reichweite und damit Bekanntheit für ihre Projekte und Anliegen. Also schon aus Marketinggründen ein gewichtiges Argument, bei Intergeneration mitzumachen.

Für uns ist es damit aber nicht allein getan, obwohl sich inzwischen rund 300 Generationenprojekte auf der Plattform präsentieren: Wir möchten die Landschaft der Generationenprojekte auch qualitativ und gesellschaftspolitisch voranbringen. Deshalb vernetzen wir die Projektverantwortlichen, die teilweise recht isoliert agieren, auf Tagungen und Workshops untereinander und auch mit staatlichen Stellen. Wir hoffen mit dieser Vernetzungs- und Sensibilisierungsarbeit, die Rahmenbedingungen für Generationenprojekte ein Stück weit zu verbessern.

Aktuell konzentrieren wir uns auf das Thema der intergenerativen Betreuung, und demnächst treffen sich Betreuungseinrichtungen für Kinder und für ältere Menschen auf einer gemeinsamen Impuls-Tagung. Diese früh schon ausgebuchte Veranstaltung ist eine Premiere für die Schweiz, da diese altersspezifisch agierenden Betreuungsbranchen bislang nur wenige Schnittstellen miteinander hatten. Mit diesem Thema haben wir wohl einen Nerv getroffen.

Wann und wie kam «Intergeneration» zustande? Wie wird es finanziert?

Intergeneration wurde anlässlich des 200-jährigen Bestehens unserer Trägerin, der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) 2010 aus der Taufe gehoben. Taufpatin war dabei die damalige Nationalratspräsidentin und heutige Aargauer Ständerätin Pascale Bruderer-Wyss. Die SGG wollte mit dem Thema des Zusammenhalts zwischen den Generationen – ein immer wichtigeres Zukunftsthema – aufgrund der demografischen Herausforderungen angehen und dabei gleichzeitig der Tradition der SGG, sich in Kohäsionsfragen zu engagieren, weiterhin treu bleiben. Die Grundfinanzierung erfolgt über die SGG, wobei wir zunehmend über diverse Partnerschaften mit gleichgesinnten anderen Organisationen unsere finanziellen Spielräume und damit Gestaltungsmöglichkeiten weiter ausbauen.

Intergeneration Monika Blau
Monika Blau von Intergeneration

Monika Blau, Programmleiterin bei Intergeneration

Wie kamen Sie dazu, Programmleiterin von Intergeneration zu werden?

Vom Start weg als Programmmitarbeiterin beim Aufbau dabei, hat mich das Programmthema sofort fasziniert. Auch reizte mich die Entwicklung einer gemeinnützigen interaktiven Online-Plattform, da mich auch die digitalen Medien sehr interessieren. Zudem bin ich aufgrund meiner familiären Erfahrungen davon überzeugt, dass es für unsere Gesellschaft notwendig ist, sich – wie beispielsweise mit dem Klimawandel – auch mit dem demografischen Wandel präventiv und produktiv auseinanderzusetzen. Das gilt für das Individuum wie für die Gesellschaft als Ganzes.

Seitdem ich über viele Jahre in der Situation war, mich gleichzeitig um meine Kinder und um meine betagten Eltern zu kümmern, habe ich auch erfahren, wie wichtig gute Generationenbeziehungen sind, aber auch welchen Belastungen diese ausgesetzt sein können. Ich denke, wir haben als mittlere und ältere Generation heute die neue Aufgabe, die jüngeren Generationen auf ihr zukünftiges Zusammenleben mit sehr viel mehr älteren Menschen als jetzt, gut vorzubereiten. Negative gegenseitige Altersstereotypen und die Erfahrung sich aufgrund von Altersegoismen marginalisiert zu fühlen, tragen dazu sicher nicht positiv bei. Generationenprojekte können hier einwirken.

Was ist derzeit Ihr Lieblingsprojekt?

Ich lerne ständig kreative oder gut umgesetzte Generationenprojekte neu kennen. Da ist es unmöglich, nur ein Lieblingsprojekt zu haben! Dazu kommt noch, dass alle Projekte, deren Projektverantwortliche über ihren «Tellerrand» des eigenen begrenzten Projekts hinausschauen und durch eine gute Präsentation auf unserer Online-Plattform einen gemeinnützigen Mehrwert erzeugen, meine Lieblingsprojekte sind. Sie verdienen es, dass wir sie mit unserem ausgebauten Netzwerk, unserer grossen Reichweite und auch mit individuellen Förderleistungen besonders unterstützen.

Wo liegen die Schwierigkeiten bei intergenerativen Projekten?

Generationenprojekte sind in erster Linie (wie andere Projekte auch) abhängig von professionellen und engagierten Leistungen der Projektverantwortlichen. Als zusätzliche Herausforderung ist sicher zu sehen, dass man sich in einem Generationenprojekt gleichzeitig auf zwei (oder mehrere) Generationen als Zielgruppe ausrichten muss. Auch können die traditionellen Muster und Bilder aus den familiären Strukturen für die Generationenbeziehungen einschränkend wirken. Nicht jede Frau, die sich bei einem Generationenprojekt engagieren möchte, will gleich Oma, Tante oder Schwester sein. Das gleiche gilt natürlich auch für Männer.

Von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen her gesehen werden die Generationenprojekte heute schon beim wacheren Teil der Gesellschaft besser wahrgenommen als noch vor 10 Jahren. Hier spielen uns sicher auch die langsam manifestere Demografie und ihre sozialen und politischen Auswirkungen in die Hände. Bei solchen Themen braucht es aber immer einen langen Atem.

Ein Beispiel aus unserem Förderschwerpunkt: Vor nicht allzu langer Zeit war die ausserfamiliäre Kindertagesbetreuung in der Schweiz noch gesellschaftlich stark umstritten, heute sind wir bei der ausserfamiliären Seniorentagesbetreuung im gleichen Stadium. Generationenprojekte, die diese Tagesbetreuung nun auch gemeinsam für ältere Menschen und Kinder anbieten möchten, werden in naher Zukunft dann auch nicht mehr aus dem Angebotsspektrum wegzudenken sein.

Verschiedene Generationen bewegen sich an unterschiedlichen Orten und verwenden teils nicht dieselben Medien – wie erreichen Sie dennoch alle?

Neben unserer Online-Plattform www.intergeneration.ch haben wir auch noch die Social Media-Kommunikationskanäle Facebook, Instagram, Google+, LinkedIn und Twitter für das Programm aufgebaut. Wir erreichen auch einen Teil der Jungen über die mittlere Generation sekundär nach dem Motto: «Ich habe da etwas Interessantes für Dich entdeckt…» Sowieso ist die mittlere Generation als Zielgruppe für unsere Programmarbeit zentral, da diese als Erwerbstätige – sei es als Projektverantwortliche oder als Funktionsträger in einer staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Stelle – die relevanten Fäden in der Hand halten. Natürlich investieren wir auch in die Medienarbeit und versuchen, die Menschen zu erreichen, die sich weniger oder gar nicht online bewegen.

Wie kann man bei Projekten von Intergeneration mitwirken oder neue Projekte vorschlagen?

Wir haben schon seit der Aufbauarbeit für das Programm Intergeneration immer mit Projektpartnern zusammengearbeitet. Inzwischen sind daraus auch schon teilweise langjährige Kooperationen entstanden. Auch bei unserem derzeitigen Schwerpunkt Intergenerative Betreuungsinstitutionen haben wir engagierte Partner gefunden, mit denen wir gemeinsam das Thema nun weiterentwickeln und gemeinsame Angebote wie Tagungen und Workshops schaffen. Kommen Sie einfach auf uns zu und wir schauen gemeinsam, was möglich werden kann!

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