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24.12.2020 in Wissen von Guido Wolf

«Fuckup Night» – Produktiv mit Scheitern umgehen

«Fuckup Night» – Produktiv mit Scheitern umgehen

In unserer Erfolgsgesellschaft sind Fehler oder gar Scheitern nicht vorgesehen. Erzählt und belohnt werden glanzvolle Geschichten von erreichten oder übertroffenen Zielen, von Erfolg und Gewinn. Kommt es dennoch zum Scheitern, dann reagieren wir mit Abwendung, vielleicht mit Ausgrenzung, manchmal reicht es für Mitleid. Dabei ist Scheitern eine sehr ergiebige und produktive Quelle für Lernen und Weiterentwicklung.

Bekanntermassen leben wir in einer Erfolgsgesellschaft. Reichtum, Prominenz, beruflicher Erfolg, privates Glück in ganz besonderer Ausprägung: Das ist es, was wir immer wieder hören. Zahllose Heldengeschichten belegen immer aufs Neue, dass es jeder schaffen kann. Fehler? Finden nicht statt und wenn doch, dann waren es immer die anderen – jene, die keinen Erfolg haben.

Und dann hören Sie plötzlich so etwas: «Da habe ich wirklich einen riesengrossen Mist gebaut!» Oder: «Das war einzig und allein mein Fehler, für den ich niemanden sonst verantwortlich machen kann.»

Ein traditionsreiches Unternehmen vor die Wand gefahren, den Markt vollkommen falsch eingeschätzt oder der eigenen Eitelkeit zum Opfer gefallen: Wer bekennt sich wirklich dazu und übernimmt Verantwortung? Wer überwindet die eigene Scham und spricht freimütig darüber – vor einem grossen Publikum, fast ausschliesslich bestehend aus unbekannten Menschen? Wer macht sich derart verletzlich? Und wozu?

Antwort: ziemlich viele Menschen, weltweit, seit fast 10 Jahren. Sie tun das, um ihre persönliche Geschichte als Lehrstück zu präsentieren und um aufzuzeigen, was sie aus ihrem persönlichen Scheitern gelernt haben. Zuweilen ist es fast eine Selbsttherapie, indem sie vor einem interessierten und freundlich gesonnenen Publikum über ihr Scheitern sprechen. Und sie wollen anhand ihres eigenen Beispiels andere auf mögliche Flops und Fehler hinweisen, denn das, was sie falsch gemacht haben, müssen andere nicht unbedingt wiederholen. Aus solchen Motiven treten sie auf: und zwar auf einer «Fuckup Night».

Was ist eine «Fuckup Night»?

Im Jahr 2012 erfanden fünf junge Mexikanerinnen und Mexikaner aus der Startup-Szene die «Fuckup Night». Aus Überdruss über endlos gehörte Erfolgsgeschichten begann man im Rahmen eines Partybesuchs in Mexico-City und, wie die Berichterstatterinnen hervorheben, unter Alkoholeinfluss stehend eine Art Event zu konzipieren, das Berichte über persönliches Scheitern, letzteres kurz, bündig und in ironischer Tonalität als «Fuckup» etikettiert, in den Mittelpunkt stellt. Angesichts zahlloser Geschichten über Erfolge schien es ihnen an der Zeit, sich offen, ehrlich und wahrhaftig mit Fehlern, Misslingen und Scheitern auseinander zu setzen.

Diese Initiative war kein Fuckup. Mittlerweile werden rund um den Globus in mehr als 320 Städten aus 90 Ländern Fuckup Nights veranstaltet. Typischerweise treten 3-4 Sprecherinnen auf, die jeweils ca. 10-20 Minuten lang über ihr persönliches Scheitern berichten, nicht selten in Form einer PowerPoint-gestützten Präsentation. Anschliessend besteht für das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder die Geschichte zu kommentieren.

Ich selbst war Teilnehmer mehrerer Fuckup Nights und kann durchgängig bestätigen, was allerorten zu lesen ist: Es entsteht eine besondere Atmosphäre, denn es geht spürbar um «echtes» Scheitern. Weitgehend ungeschützt und authentisch geben Rednerinnen und Redner oftmals sehr persönliche, fast intime Erfahrungen und Erlebnisse preis. Niemand kommt umhin, einen solchen Auftritt als mutig zu empfinden, erst recht dann, wenn es sich um erkennbar nicht-professionelle Redner handelt, die womöglich zum ersten Mal gegenüber einer grösseren Gruppe von Menschen offen und öffentlich sprechen – und dann noch über ein gravierendes, einschneidendes, massgeblich selbst herbeigeführtes Scheitern.

Ein Beispiel

Das wagen nicht nur junge Menschen. In einem Bericht über seinen eigenen Auftritt auf einer Fuckup Night in Stuttgart im Jahr 2015 und damit immerhin rund vier Jahre nach der Insolvenz seines Unternehmens hebt Bert Overlack «die offene und entspannte Atmosphäre» hervor (alle Zitate aus Bert Overlack 2019: FuckUp. Das Scheitern von heute sind die Erfolge von morgen, Weinheim: Wiley-VCH, Seite 200). Nach durchlittener Insolvenz seines mittelständischen Unternehmens sei der direkte und persönliche Kontakt mit den Teilnehmern für ihn eine neue und wohltuende Erfahrung gewesen. Bereits hier deutet sich eine wichtige Dimension der Fuckup Night an: Der Mut, eigenes Scheitern öffentlich zu machen und dadurch verletzlich zu werden, wird durch das Erlebnis von zuletzt verloren geglaubter Selbstwirksamkeit sowie die Effekte einer emotional willkommen heissenden Vergemeinschaftung belohnt. Overlack sprach als Achtundvierzigjähriger vor halb so alten Studenten sowie Startup-Interessierten und beschreibt seinen Auftritt auf der Fuckup Night dennoch als Wendepunkt: «Es war ein Erlebnis, das zeigte, dass meine Reflexionen und die Erkenntnisse über mein Scheitern für diese jungen Menschen interessant und wertvoll waren» (ebd.: 18f.). Hinzu kommen die vor dem Auftritt zu treffenden Vorbereitungen. Overlack attestiert dem Geschehen rund um seinen Auftritt auf der Fuckup Night beinahe therapeutische Wirkung, galt es doch, die eigene Geschichte für den Auftritt zu strukturieren, «(…) die Gründe für die Insolvenz zu reflektieren und meine Erkenntnisse zu klären und zusammenzufassen […]» (ebd.: 200). All dies betrachtet er als wichtigen Schritt im Zuge der eigenen Aufarbeitung seiner Insolvenz.

Auch wenn überwiegend jüngere Menschen auf Fuckup Nights auftreten, so ist Overlack keineswegs der einzige Vertreter älterer Generationen. Hingewiesen sei auf Thomas Middelhoff, für dessen Auftritt auf der Frankfurter Fuckup Night sogar das Format geändert wurde. Er wurde interviewt und hatte rund 60 Minuten Zeit, um über seinen Werdegang und sein Scheitern zu sprechen. Mögen auch Zweifel aufkommen über die Authentizität dieses Auftritts, in dem trotz aller Verletzlichkeit die Professionalität eines Mannes zu erkennen ist, der immer schon vor grossem Publikum aufgetreten ist: Sein Auftritt wie auch die Resonanz des Publikums bestätigen die Idee der Fuckup Night, das Scheitern aus der Tabu-Zone zu holen.

Offene Fehlerkultur fördert Initiative, Agilität und Gründergeist

Jedes Scheitern, jeder Fehler bietet Potentiale. Es sind Potentiale, aus denen sich für die Zukunft lernen lässt. Ich habe in meinem Blog bereits vor einigen Jahren über meinen Besuch im Silicon Valley und die dort herrschende Startup-Kultur berichtet. Ein wesentliches Merkmal dieser Kultur ist der Umgang mit Scheitern: Wer in Kalifornien mit einem Startup-Projekt gescheitert ist und mit einem neuen Versuch bei einer Bank zwecks Kredit vorspricht, erhält einen solchen – und zwar zu besseren Konditionen als bei seinem ersten Abenteuer. Denn die Bank weiss, dass dieser Gründer einige Fehler nicht mehr machen wird, die er beim ersten Versuch beging. Wie würde wohl eine deutsche Bank bei identischer Gemengelage reagieren?

Neue Zeiten, neue Einstellungen: Seit einigen Jahren wird allerorten eine schnelle und flexible, vielerorts als «agil» kategorisierte Organisation eingefordert. Angesichts der sich immer schneller ändernden Rahmenbedingungen kann es nicht mehr durchgängig gelingen, jede Entscheidung durch umfangreiche Bewertungs- und Genehmigungsschleifen zu schieben. Damit steigt jedoch das Fehlerrisiko. Nicht von ungefähr wird postuliert, dass es einer Veränderung im «Mindset» bedarf, indem Fehler, wenn sie denn passieren, offen besprochen werden können, um daraus zu lernen. «Schnell scheitern» lautet daher ein Imperativ, der mir seit einiger Zeit zunehmend häufig begegnet.

«Sometimes you win. Sometimes you learn»

Nun ist es keineswegs so, als wären Fehler jederzeit und allerorten begrüssenswert. Bremsbeläge aus Serienfertigung, Medikamente, Nahrungsmittel, ärztliche Eingriffe, Trinkwasserentnahme, Flugzeugstarts und unzählige andere alltäglich genutzte oder an uns praktizierte Vorgänge bzw. Objekte müssen fehlerfrei funktionieren. Anderenfalls bricht so etwas wie das Grundvertrauen zusammen, das uns handlungsfähig macht und eine moderne Gesellschaft wie die unsere stabil erhält. Also sind die Fuckup Nights eben doch eine falsche Idee?

Sind sie nicht: Niemand verfolgt Scheitern als primäres Ziel. Wenn aber Fehler passieren, dann müssen diese möglichst schnell identifiziert, offen kommuniziert und sofort behoben werden, um (noch grösseren) Schaden zu vermeiden. Ist die Kuh vom Eis, kommt die Zeit der Reflexion. Spätestens jetzt bietet sich die Chance zu lernen: Woran lag es? Was hatte man übersehen, wo stand was bzw. wer im Weg? Fuckup Nights und daraus abgeleitete, auf die Unternehmenswirklichkeit zugeschnittene Formate sind grossartige Möglichkeiten, um offen und vertrauensvoll über Fehler, Misslingen und Scheitern zu sprechen. Nur so entsteht eine Fehlerkultur, die Grundlage für exzellente Qualität sein kann. Ganz im Sinne von Michael Jordan, einem der grössten Basketballspieler aller Zeiten:

«I’ve missed more than 9.000 shots in my career. I’ve lost almost 300 games. 26 times I’ve been trusted to take the game winning shot and missed. I’ve failed over and over and over again in my life. And that is why I succeed.»



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