Magazin

Erlebte Arbeitswelt – im Altersgruppenvergleich

Erlebte Arbeitswelt – im Altersgruppenvergleich

Im Rahmen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 wurden die erwerbstätigen Personen auch über diverse Aspekte ihrer Erwerbsarbeit befragt. Damit sind Aussagen über erlebte psycho-soziale Arbeitsbelastungen – die sich negativ auf die allgemeine Gesundheit auswirken können – möglich. In diesem Beitrag werden erste Ergebnisse aus dieser Erhebung im Vergleich jüngerer und älterer Erwerbstätiger (25-64 Jahre) vorgestellt.

Wie bei anderen Erhebungen wird auch in der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 sichtbar, dass eine beträchtliche Mehrheit der Erwerbstätigen eine hohe bis sehr hohe Arbeitszufriedenheit anführt. Die Arbeitszufriedenheit ist bei älteren Erwerbstätigen leicht höher als bei jüngeren Erwerbspersonen (wobei bei der Gruppe der 55-64-Jährigen die Arbeitszufriedenheit höher erscheinen kann, weil unzufriedene Personen sich häufiger vorzeitig pensionieren lassen als arbeitszufriedene Personen).

Erlebte Arbeitswelt_Tabelle 1
Quelle: Schweiz. Gesundheitsbefragung 2017

Multitasking und Zeitdruck

Eine hohe Arbeitszufriedenheit sagt nur bedingt etwas zur Arbeitsqualität aus. Menschen können sich mit ihrer jetzigen Arbeit auch zufriedengeben, weil es keine Alternativen gibt («resignative Arbeitszufriedenheit»). Wird nach den psychischen Belastungen der aktuellen Erwerbsarbeit nachgefragt, stehen in der heutigen Arbeitswelt vor allem zwei Belastungen im Vordergrund:

  • Erstens ist heutige Arbeit oft komplex und erfordert viel Multitasking. Nahezu die Hälfte (48%) der Erwerbstätigen beklagt häufig «an zu viele Dinge gleichzeitig denken zu müssen». Jüngere Erwerbtätige betonen diesen Punkt leicht häufiger als ältere Erwerbstätige (die zum Beispiel gelernt haben, mit entsprechenden Arbeitsbelastungen umzugehen).

  • Zweitens wird auch Zeitdruck (Eile, Zeitnot) oft angeführt. 38% aller Erwerbstätigen erwähnen diesen Punkt, wobei sich auch hier eine leichte Reduktion erlebter Zeitnot bei älteren Erwerbstätigen zeigt.

Komplexität und Zeitdruck werden von Frauen und Männern ähnlich erlebt. Hingegen zeigt sich, dass ausländische Erwerbstätige beide Belastungsaspekte häufiger anführen als einheimische Erwerbstätige.

Wird allgemein gefragt «Wie oft erleben Sie Stress bei der Arbeit?» gibt ein Fünftel (20%) an, meistens oder immer gestresst zu sein. Weitere 46% sagen, dass sie manchmal gestresst seien. Nur ein Drittel der Erwerbstätigen fühlt sich selten oder nie gestresst. Die jüngeren Erwerbstätigen erwähnen Stress leicht häufiger als die älteren Erwerbstätigen. Dies kann Gewöhnungseffekte oder auch eine gezielte Entlastung älterer Arbeitskräfte einschliessen und bei der ältesten Gruppe (55-64-jährig) kann Stress auch zu einem vorzeitigen Austritt aus dem Erwerbsleben beitragen.

Auch eine emotionale Arbeitsbelastung wird in der heutigen Arbeitswelt nicht selten erlebt. Die Aussage «Bei meiner Arbeit habe ich immer öfter das Gefühl, emotional verbraucht zu sein» wird von 20% bejaht (17% trifft eher zu, 3% trifft voll und ganz zu). Die Unterschiede nach Alter sind gering, ebenso die Unterschiede nach Geschlecht.

Keine Weiterbildung, keine Wertschätzung?

In Tabelle 2 sind weitere gesundheitlich bedeutsame psycho-soziale Arbeitsrisiken angeführt. Der Anteil an Erwerbstätigen, die selten oder nie gewürdigt werden, keine Gelegenheit sehen, etwas Neues zu lernen oder ihre Fähigkeiten einzusetzen, liegt insgesamt bei 6% bis 10%.

Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen sind gering, wobei die jüngsten Erwerbstätigen ihre Situation leicht kritischer einschätzen. Die grössten Unterschiede ergeben sich nach dem schulisch-beruflichen Ausbildungsniveau. So erwähnen 31% der Erwerbstätigen ohne berufliche Weiterbildung (ohne Lehre, nur obligatorische Schule), dass ihre Arbeit kaum gewürdigt werde.

Fast ein Zehntel (9%) klagt über fehlende Unterstützung durch Vorgesetzte und bei Erwerbstätigen ohne berufliche Weiterbildung sind es gut 29%. Etwas geringer ist der Anteil an Erwerbstätigen, die über fehlende Unterstützung durch Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen klagen. Unterschiede zwischen Altersgruppen oder zwischen Frauen und Männer zeigen sich diesbezüglich nicht.

Erlebte Arbeitswelt_Tabelle 2
Quelle: Schweiz. Gesundheitsbefragung 2017

Angst, die Stelle zu verlieren

Insgesamt haben 15% der Erwerbstätigen Angst, ihren heutigen Arbeitsplatz zu verlieren (4% sehr starke Angst, 11% ziemlich Angst).

Unterschiede nach Geschlecht zeigen sich nicht und auch die Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Erwerbstätigen sind gering. Es zeigt sich somit nicht, dass Angst vor Arbeitsplatzverlust heute primär über 50-jährigen Personen betrifft.

Erlebte Arbeitswelt_Tabelle 3
Quelle: Schweiz. Gesundheitsbefragung 2017

Die Antworten zu erlebten Benachteiligungen aufgrund des Alters widerspiegeln die in vielen Studien festgestellte U-Beziehung: Relativ am häufigsten erleben junge Erwerbstätige und ältere Erwerbstätige altersbezogene Diskriminierungen; die Jungen, weil man sie zu jung und zu unerfahren für Verantwortungsaufgaben beurteilt und die über 55-jährigen Frauen und Männer, weil man sie als zu alt einschätzt.

Der Anteil der Personen, die eine Altersdiskriminierung anführen, ist allerdings relativ gering (unter 10%), wahrscheinlich weil altersdiskriminierende Entscheide verdeckt bleiben. Zudem zeigt sich gegenwärtig kein klarer Trend, dass ältere Mitarbeitende schlechter behandelt werden als jüngere Mitarbeitende, sondern altersbezogene Diskriminierungen betreffen vor allem ältere Stellensuchende bzw. ältere Arbeitslose.