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Ein Praktikum mit 61? Unbedingt!

Ein Praktikum mit 61? Unbedingt!

«Ich lerne gerne Neues und bin vollkommen überzeugt vom Prinzip Lifelong Learning», so Sabine Kuich, die erste Praktikantin der Neustarter-Stiftung. Im Interview erzählt sie, wieso sie sich nach einer Auszeit dazu entschlossen hat, sich nochmals neu zu orientieren und weshalb ein Praktikum der ideale Wiedereinstieg in die Arbeitswelt war.

Liebe Sabine, du hast bisher hauptsächlich im HR/Personalmanagement gearbeitet. Wieso hast du dich mit 61 entschieden, ein Praktikum bei der Neustarter-Stiftung zu machen?

Ich habe letztes Jahr im März die Management-Weiterbildung «Women Back to Business» an der Universität St. Gallen (HSG) begonnen. Diese umfasst ein drei- bis sechsmonatiges Praktikum sowie die Erstellung eines Businessplans und wird mit einem Certificate of Advanced Studies (CAS) abgeschlossen. Ich habe mir Gedanken gemacht, wo und in welchem Themengebiet ich ein Praktikum machen könnte. Eine Vertiefung im Bereich Human Resources wäre aufgrund meines fachlichen Hintergrundes die naheliegende Wahl gewesen. Ich hatte aber schon seit einiger Zeit begonnen, mich für das Thema «Late Careers» zu interessieren. Im Herbst erhielt ich einen Newsletter der Neustarter-Stiftung, der mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Eine Stiftung, die sich für die Potenziale einer älterwerdenden Schweiz und für ein gutes Miteinander aller Generationen einsetzt? Das fand ich extrem spannend! So rief ich kurzerhand Bernadette Höller an, die ich bereits von einem Neustarter-Stammtisch kannte, und fragte sie nach der Möglichkeit eines Praktikums. Da die Arbeiten zum Aufbau der neuen schweizweiten Plattform «Loopings» bereits in vollem Gange waren, konnte das kleine Team jede zusätzliche Unterstützung gebrauchen und ich freute mich sehr, am 1. Februar dieses Jahres ins Praktikum zu starten.

Was sind deine wichtigsten Learnings aus den vergangenen sechs Monaten Praktikum?

Ich habe mich gefreut, mal etwas ganz Anderes zu machen. Hinzu kam die Neugier darauf, in einem kleinen Team zu arbeiten, weil ich bisher immer in grossen Firmen tätig war. Bei der neuen Plattform loopings.ch, bei der ich beim Aufbau mithelfen durfte, stehen berufliche Chancen in der zweiten Lebenshälfte im Zentrum. So ging es dann auch gleich los mit Rechercheaufgaben in der ganzen Schweiz. Manchmal fühlte ich mich wie eine Journalistin. Eine meiner Aufgaben war es, mit unterschiedlichen Menschen, vom Hochschulprofessor bis zur Stammtisch-Teilnehmerin über das Thema Generationenmanagement zu reden und verschiedene Sichtweisen und Erkenntnisse festzuhalten. Das fand ich sehr spannend. Die Kommunikation mit Leuten lag und liegt mir als gelernte und erfahrene Human Resources Managerin sehr.

Ein wichtiger Unterschied zum Arbeiten in einem grossen Unternehmen ist, dass man einfach mal loslegt und schnell ins Machen kommt, auch wenn es eine völlig neue Aufgabe ist, in der man keine Erfahrung hat. So wurde ich beispielsweise direkt in die Konzeption der neuen Loopings Plattform mit einbezogen. Nachdem ich anfängliche Hemmungen überwunden hatte, habe ich mich gut eingelebt und konnte viel Erfahrungen im Marketing-Bereich sammeln. In einem grossen Unternehmen hätte ich da wahrscheinlich nicht die Möglichkeit dazu bekommen, da für alle Aufgaben Spezialisten beauftragt werden. Ich finde es toll, dass ich bei Neustarter viele verschiedene Aufgaben übernehmen konnte, ganz nach dem Motto «einfach mal wagen und machen».

Würdest du deinen Freundinnen und Bekannten empfehlen, auch in späten Berufsjahren ein Praktikum zu absolvieren?

Ja, auf jeden Fall. Gerade nach einer mehrjährigen Familienpause oder aus anderen Gründen finde ich die Kombination aus Weiterbildung und Praktikum ideal für einen Wiedereinstieg. Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, verstärkt noch durch die Corona Krise. Allein der Digitalisierungsschub ist enorm. Durch ein Praktikum bekommt man einen Einblick in die Arbeitswelt, lernt die Abläufe in einem Unternehmen kennen und kann bisher Gelerntes anwenden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man erkennt, dass die Qualifikationen, die man im Laufe seines Berufslebens erworben hat, noch etwas wert sind. Ich sehe keinen Grund, der gegen ein Praktikum spricht. Im Gegenteil, viele sprechen dafür.

Wie war es für dich, dass zwischen deinen Teamkolleginnen und dir ein recht grosser Altersunterschied besteht?

Ich habe schon immer viel Zeit mit jüngeren Menschen verbracht – das hat bei mir mit circa 30 Jahren angefangen. In meinem Freundeskreis sind alle mindestens fünf Jahre jünger als ich. Wieso das so ist, weiss ich nicht. Das hat sich einfach so ergeben. Ich bin selbst von Natur aus ein neugieriger Mensch, lerne gerne Neues und bin deshalb vollkommen überzeugt vom Prinzip «Lifelong Learning». Das hält mich jung. Ich bin selbst erstaunt, dass ich schon die Zahl 6 in meinem Geburtstag habe. Von dem her war es für mich kein Thema, mit jüngeren Kolleginnen zu arbeiten. Aber ich gebe zu, dass ich bei gewissen Sachen den Digital Natives nicht das Wasser reichen kann. Ich finde aber auch, dass ich das nicht muss, weil ich andere Qualitäten mitbringe.

Wie bist du auf das «Women Back to Business» Programm der HSG gestossen und was hat es dir persönlich gebracht?

In den letzten Jahren habe ich immer ein bis zwei Veranstaltungen pro Jahr besucht, um das Networking zu pflegen. Im Herbst 2019 habe ich den Event «Career Relaunch» der Universität St. Gallen besucht, bei dem es um einen beruflichen Wiedereinstieg oder eine Neupositionierung ging. Unter anderem wurde die Management-Weiterbildung «Women Back to Business» der HSG vorgestellt. Der Vortrag von Prof. Gudrun Sander zum Thema Wiedereinstieg hat mich begeistert. Ich habe sie daraufhin auf LinkedIn kontaktiert. Damals dachte ich aber weniger daran, die Weiterbildung zu absolvieren, sondern eher, in irgendeiner Form daran mitzuarbeiten. Im Dezember 2019 konnte ich dann die Programmverantwortliche, Dr. Patricia Widmer, kennenlernen. Sie bot mir die Möglichkeit an, in diesem Programm als Coach zu arbeiten. Als das erste Modul im März startete und ich teilnehmen durfte, war ich so begeistert, dass ich mich entschloss, die Weiterbildung selbst zu absolvieren. Ich bin sehr froh, dass ich mich dazu entschieden habe. Es hat mein Selbstvertrauen gestärkt, was mein berufliches Können anbelangt. Ich finde das Gesamtpaket dieser Weiterbildung toll, vor allem die einzelnen Module zu den neuesten Konzepten und Ansätzen im Management, die durch Top-Referenten der HSG vermittelt werden. Die fachlichen Module werden von einem Coaching-Programm und einem Praktikum begleitet. Am Ende wird in Kleingruppen ein Businessplan für ein ausgewähltes Projekt erstellt und präsentiert. Aber auch das Networking mit Unternehmen und das Kennenlernen der Kolleginnen zum Aufbau eines Netzwerkes gehören dazu. Mir hat es auf jeden Fall sehr viel gebracht. Ich kann es nur empfehlen.

Dein Praktikum ist nun zu Ende. Wie geht es bei dir beruflich weiter?

Ich bin relativ offen. Aber eines ist mir sehr wichtig: Das Arbeiten mit Menschen stand schon immer im Mittelpunkt meiner beruflichen Laufbahn, ob in der Erwachsenenbildung, als Human Resources Manager oder als Coach – das möchte ich auch weiterhin. Mit meinem Einfühlungsvermögen und meiner diplomatischen Art kann ich mich sehr gut auf Menschen unterschiedlicher Hierarchien in Unternehmen einstellen und auf sie eingehen. Immer wieder konnte ich mein Talent nutzen, um in schwierigen Phasen bei Konfliktberatungen zu vermitteln, Wege aufzuzeigen und Brücken zu schlagen. Ich arbeite zudem sehr gerne im Team. Ein weiterer Traum wäre es, meine Sprachkenntnisse in Französisch und Englisch einsetzen zu können.

Könntest du dir vorstellen, über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus zu arbeiten?

Ja, das ist ein Ziel von mir. Denn ich arbeite sehr gerne und bin, wie schon gesagt, wissbegierig und neugierig. Gerne möchte ich mein Know-how, meine Berufs- und Lebenserfahrung einsetzen und weitergeben. Allerdings muss ich nicht mehr einen 100%-Job haben, damit Spielraum für Musse, Freundschaften und Sport bleibt.

Vielen Dank, Sabine, für deinen Einsatz in unserem Team!


Sabine Kuich im Web