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Die Corona-Pandemie und die Folgen für unsere Wirtschaft

Die Corona-Pandemie und die Folgen für unsere Wirtschaft

In meinem Studiendossier werden beobachtete, aber auch erst erwartete wirtschaftliche, demografische und soziale Folgen der Covid-19-Pandemie – primär auf die Schweiz bezogen – analysiert und diskutiert, soweit dies in der aktuellen Situation möglich ist. In diesem Magazin-Artikel werden die wirtschaftlichen Aspekte erörtert. Ich wünsche gute Lektüre!

Die Covid19-Pandemie und die erfolgten Gegenmassnahmen (lockdown, social distancing usw.) haben im Frühjahr 2020 weltweit zu einem doppelten ökonomischen Schock beigetragen, weil sowohl Angebots- und Nachfrageverhältnisse massiv gestört werden. Faktisch fast alle Länder rechnen für 2020 mit einem markanten Rückgang des Bruttoinlandprodukts und zwischenzeitliche Erholungen werden in vielen Ländern durch die zweite Welle zurückgeworfen. Für die Schweiz wird 2020 im Vergleich zum Vorjahr ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts um gut 4% erwartet. Auch eine schnelle Bewältigung der Epidemie 2021 wird nur partiell zur Rückkehr zur vorherigen wirtschaftlichen Normalität führen, weil einige Wirtschaftsbereiche – wie internationaler Tourismus, Flugbranche, Freizeit- und Kultursektor u.a. – auch längerfristige Strukturveränderungen erleben. Das Wirtschaftsmagazin «The Economist» (2. Mai 2020) geht davon aus, dass auch nach Bewältigung der Covid-Pandemie mittelfristig mit einer 90%-Economy zu rechnen ist, d.h. mit einer Wirtschaft, die bedingt oder sehr langsam den Produktionsstand vor der Pandemie erreichen wird (auch krisenbedingte Einkommens- und Karriereunterbrüche jüngerer Generationen sich längerfristig auf Konsum- und Ausgabenverhalten auswirken).

Die Erhebungen des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO (2020) lassen ab erstem Quartal 2020 einen markanten Einbruch der Konsumentenstimmung erkennen. Im dritten Quartal 2020 ergab sich wieder eine gewisse Erholung, die sich aber im 4. Quartal (Beginn der 2. Welle) nicht fortsetzte.

Index Konsumentenstimmung
Indes Konsumentenstimmung 2

Die wirtschaftliche Krise beeinflusst allerdings Branchen sehr unterschiedlich und teilweise ergeben sich sogar Unterschiede innerhalb der gleichen Branche. Während im Gesundheitssektor Intensivstationen zeitweise extrem stark belastet sind, häufen Spitäler aufgrund aufgeschobener Operationen in anderen Bereichen massive Defizite ein. Generell sind namentlich drei zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen zu erwarten:

  • eine erhöhte Volativität von Angebot und Nachfrage, in Abhängigkeit von staatlichen Gegenmassnahmen, aber verstärkt dadurch, dass wirtschaftliche Unsicherheiten längerfristige Investitionen reduzieren und Betriebskonkurse wirtschaftliche Versorgungsketten zu stören vermögen.

  • ein Trend zu nationalen oder regionalen Wirtschaftsstrukturen und eine reduzierte Globalisierung, etwa bezüglich globalen Versorgungs- und Produktionsketten. Höhere Lagerbestände werden zu höheren Kosten beitragen, ebenso wie verstärkte hygienische Massnahmen am Arbeitsplatz Kosten verursachen.

  • eine verstärkte Unternehmenskonzentration, weil primär finanzkräftige und digital gut organisierte Unternehmen und/oder Unternehmen mit guten politischen Verbindungen überleben. In manchen Regionen der Welt werden Trends zu mehr ‚staatskapitalistischen Unternehmen‘ gestärkt.

Digitalisierungsschub

Online-Dienste (Kommunikation, Unterhaltung, Produkteversand) haben durch die Pandemie einen zusätzlichen Aufschwung erlebt. Dies wird die Digitalisierung der Ökonomie wie auch der sozialen Netzwerke beschleunigen. Ebenso werden kontaktlose Zahlungsformen weiter an Verbreitung gewinnen. Die sozialen Nachteile eines digitalen Ausschlusses – etwa bei älteren Menschen – wurden alltagsrelevant sichtbar. Covid-19-Tracking-Apps werden zudem generell digitale Biofeedback-Systeme fördern und Forderungen nach «Social Distancing» werden Mensch-Maschinen-Interaktionen (inkl. vermehrter Einsatz von Robotik in Dienstleistungs- und Pflegebereichen) beschleunigen. In einigen Branchen (Landwirtschaft, Pflege) wird der zu erwartende Mangel an ausländischem Hilfspersonal Automatisierungs- und Robotik-Bestrebungen fördern (etwa Pflück-Robotik in Obstplantagen und bei Gemüseanbau).

Ebenso können neue Hygiene-Regeln zur vermehrtem Einsatz von Robotik beitragen (Kochroboter, Putzrobotik in Restaurants, Hotels usw.). Gleichzeitig werden aber auch die Nachteile einer rein digitalen Versorgung und Kommunikation konkreter sichtbar. So haben sich bei Schülern und Schülerinnen die rein digitalen Lernformen weniger bewährt als vermutet und zudem die sozialen Unterschiede der Bildungschancen verstärkt. Auch rein digitales Studieren wird auf die Dauer negativ empfunden, ebenso wie reines digitales Home Office. Die Zukunft wird deshalb in weiten Bereichen in einer Kombination digitaler und persönlicher Lern-, Studien- und Kommunikationsformen liegen (‚blended learning‘: Digitales Lernen kombiniert mit persönlichen Kontakten, blended office work: zeitweise Home Office, digitale Kommunikation, kombiniert mit regelmässigen persönlichen Teamarbeiten usw.).

Die Veränderung der Produktionsketten – hin zu diversifizierten und weniger einseitig globalisierten Versorgungsketten – kann in einigen Bereichen auch zum verstärkten Einsatz von dezentralisierten Produktionseinheiten beitragen, etwa via Nutzung von 3-D-Drucker für Ersatzteile oder verstärkte Bestrebungen zu ‚reverse engineering‘ (gezieltes Weglassen von unnötigen Komponenten und Produktionsschritten). Ideal wäre, wenn solche technologisch-digitale Veränderungen gleichzeitig auch mit besserer Energieeffizienz, längerer Lebensdauer und ökologisch nachhaltiger Entwicklung gekoppelt ist.

Home Office

Die Pandemie und die eingeführten Einschränkungen direkter Kontakte haben zu einer raschen Expansion der Arbeit von zu Hause (Home Office) geführt. Während bei einer ersten Erhebung im Juni 2019 24% mindestens teilweise im Home Office arbeiteten, waren es im April 2020 schon 45% (Medienmitteilung der Universität Zürich vom 6. Mai 2020 «Erwerbstätige fühlen sich trotz Unsicherheit zufrieden in der Krise»). Gemäss Social-Montoring-Erhebung vom 28. Sept. bis 8. Oktober 2020 leisteten 33% der befragten Erwerbstätigen in den letzten 7 Tagen Home Office.

Die Zufriedenheit mit Arbeits- und Privatleben war zumindest im April 2020 insgesamt leicht höher als vor einem Jahr. Dies betraf vor allem jene Erwerbstätigen, die dank Home Office mehr Autonomie bei der Arbeitseinteilung genossen und dank Home Office auch weniger Pendlerzeiten in Kauf nehmen müssen. Ein Zuwachs an Flexibilität und Autonomie scheint sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden von Erwerbstätigen auszuwirken. Beklagt wird allerdings eine geringere Unterstützung durch Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen. Längerfristig dürfte sich das Fehlen direkter sozialer Kontakte zunehmend negativer auswirken, etwa auch auf informelle Strukturen oder auf Innovationsfähigkeit von Arbeitsteams. Zudem profitieren nicht alle Gruppen gleichermassen von Home Office. So hat Home Office bei Erwerbstätigen, die gleichzeitig noch Kinder zu betreuen hatten, zu mehr Belastungen und geringeren Erholungseffekten geführt als bei Erwerbstätigen ohne Betreuungsaufgaben.

Gleichzeitig ist Home Office nur für einen Teil der Erwerbstätigen möglich (wogegen in Dienstleistungsberufen Arbeitsausfälle durch die Pandemie kaum durch Home Office kompensiert werden können).

Home Office (voll oder teilweise) war in der ersten Lockdown-Phase am häufigsten bei Erwerbstätigen mit tertiärer Ausbildung, hingegen bei Erwerbstätigen mit geringerem Bildungsstatus weniger verbreitet. Dies kann die Einkommensungleichheiten verstärken, da Arbeitskräfte mit Home Office Möglichkeiten insgesamt oft höhere Erwerbseinkommen aufweisen als viele Arbeitskräfte in Dienstleistungsbereichen (Restauration, persönliche Dienstleistungen usw.).

Erwerbstätige HO nach Bildungsstand

Die Erfahrungen der letzten Monate haben in jedem Fall die Vorteile, aber auch die Nachteile von Home-Office verdeutlicht. Generell dürften Home Office und digitale Meetings auch längerfristig an Bedeutung gewinnen, wobei der Trend primär in Richtung ‚Blended Work’ (Kombination von zeitweiser Büro- und Home-Arbeit liegen wird. Eine mögliche Folge dürfte sein, dass der Bedarf an Büroplätzen bzw. Geschäftsimmobilien sinkt (mit entsprechenden Folgen für Immobilienfirmen und büroorientierte Innenstädte). Im Tages-Anzeiger vom 12. Mai 2020 (Bye-bye Büro?) wird ein Rückgang der Büroplätze um 20% als durchaus denkbar angesehen. Umgekehrt stellen sich bei vermehrter Home Office Arbeit neue Fragen der Kostenaufteilung (z.B. wer zahlt die notwendigen Kosten von Home Office) sowie der Abgrenzung von Arbeit und Privatleben. Eine grössere Erhebung zur Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit von Berufstätigen in Deutschland zeigt klar, dass das Risiko emotionaler Erschöpfung bei digitaler Arbeit ansteigt, wenn Arbeit und Privatleben entgrenzt sind (und keine zeitliche Arbeitsbegrenzungen vorliegen).

Arbeitsmarkt

Der Arbeitsmarkt wurde durch die Pandemie stark betroffen. Dank sozialstaatlichem Ausbau der Kurzarbeit und Unterstützung der Wirtschaft stieg bisher die Zahl der kurzarbeitenden Personen in der Schweiz und anderen europäischen Ländern stärker an als die Zahl an registrierten Arbeitslosen. Im Oktober 2020 lag die Quote der registrierten Arbeitslosen in der Schweiz bei 3.2% (im Vergleich zu 2.2% im Oktober 2019). Die via Kurzarbeit abgerechneten ausgefallenen Arbeitsstunden erreichten hingegen 2020 einen historischen Höhepunkt:

Kurzarbeit: abgerechnete ausgefallene Arbeitsstunden (2000 bis Okt. 2020)

Kurzarbeit

Kurzarbeit ist allerdings primär eine kurzfristige Lösung und je länger die 2. Pandemie-Welle dauert, umso mehr Betriebe dürften in Konkurs gehen und entsprechend mehr Arbeitsplätze verloren gehen. Dabei lässt sich vermuten, dass die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie speziell auch junge Menschen stark betreffen, weil die Krise ihren Berufseinstieg erschwert. Im Vergleich zur Finanzkrise dürften zudem von der heutigen Wirtschaftskrise Frauen insgesamt stärker betroffen sein als Männer, weil der Frauenanteil in von der Pandemie stark betroffenen Dienstleistungsbereichen überdurchschnittlich ist.

Was ältere Erwerbstätige (55-64 J.) betrifft, dürfte sich die Polarisierung bzw. Zweitteilung des Arbeitsmarktes mittelfristig noch verstärken: Auf der einen Seite nimmt in einigen Branchen der Bedarf nach älteren Erwerbstätigen zu (um Lücken bei den nachkommenden Generationen zu füllen oder um fehlende Zuwanderung zu kompensieren). Der Anteil an Erwerbstätigen 65+ dürfte deshalb weiter (leicht) ansteigen, teilweise auch weil von der Krise stark betroffene Kleinbetriebe auf günstige Arbeitskräfte im Rentenalter angewiesen sind).

Auf der anderen Seite dürften in manchen Branchen vorzeitige Pensionierungen (wieder) an Bedeutung gewinnen, um die Erwerbssituation jüngerer Personen zu garantieren. Krisenbedingte betriebliche Umstrukturierungen werden – wie in früheren Umbruchzeiten – teilweise durch Frühpensionierungen älterer Arbeitskräfte – gelöst. Teilweise können sich Benachteiligungen älterer Erwerbspersonen zusätzlich verstärken, speziell in Bereichen wo die aktuelle Entwicklung zu einer beschleunigten Automatisierung- und Digitalisierungs-welle führt (und Fachwissen älterer Erwerbstätiger als obsolet gilt).

Interessanterweise hat sich die subjektive Einschätzung der Arbeitsplatzsicherheit in der ersten Welle der Pandemie noch nicht massiv negativ verändert. Ausnahme sind ausländische Erwerbstätige, die sich häufiger als Schweizer bedroht fühlten. Zu erwarten ist allerdings eine klare Verschlechterung der Arbeitsplatzperspektiven in den nächsten Monaten als Folge der zweiten Covid-19-Welle (die für viele Betriebe eine zusätzliche und teilweise nicht mehr zu bewältigende Belastung darstellt). Gemäss Social-Montoring-Erhebung vom 28. Sept. bis 8. Oktober 2020 hatten 9% der befragten Erwerbstätigen Angst ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Arbeitsplatzsicherheit

Mobilität

Lockdown-Massnahmen und ‚Social Distancing‘ haben Verkehrs- und Reiseverhalten beeinträchtigt. Teilweise waren internationale Reisen und Flüge eingeschränkt bzw. nicht mehr möglich. Gleichzeitig hat die Ausweitung von Home Office den Pendelverkehr eingeschränkt, ebenso wie ein zeitweises Verbot von Grossveranstaltungen den Freizeitverkehr negativ beeinflusst haben. Vor allem im Frühjahr 2020 sanken die Reiseaktivitäten markant ab, um sich im Sommer und Frühherbst wieder zu erholen Gemäss Swisscom ist seit Juli 2020 die Entwicklung der täglich zurückgelegten Kilometer mehrheitlich stabil und die allgemeine Reiseaktivität der Bevölkerung in der Schweiz lag Mitte Oktober 2020 wieder beim typischen Monatsdurchschnitt. Dies erklärt sich primär auch aufgrund einer erhöhten Reiseaktivität im Zusammenhang mit den Herbstferien.

Hingegen verblieben (internationale) Flugreisen – auch aufgrund internationaler Reise-beschränkungen – deutlich unter den Werten des Vorjahres; mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen für Flugbranche und (internationalen) Kongresstourismus.

Anzahl Flugbewegungen 2020 an den beiden Landesflughäfen Genf und Zürich im Vergleich zum Vorjahr 2019

Flughäfen

Nach Abschluss der ersten Lockdown-Massnahmen wurden seit Anfang Juni 2020 wurden wieder vermehrt Flüge durchgeführt. Die durchschnittliche Anzahl Flugbewegungen lag aber auch im Sommer und Herbst 2020 j weiterhin deutlich tiefer als in 2019 und liegt aktuell etwa bei 40% des Vorjahreswertes. Die aktuellen Vorhersagen gehen davon aus, dass die zu erwartenden Flugbewegungen auch bis Ende 2020 nicht wesentlich über 40% des Referenzwertes steigen werden.

Mittelwert des Passagieraufkommens der SBB über alle Bahnhöfe im Vergleich zum Vorjahr

Bahnhöfe

Auch das Passagieraufkommen der SBB sank mit der ersten Covid-19-Welle und dem partiellen Lockdown massiv, um sich danach wieder zu erholen (speziell auch in den Sommer- bzw. Ferienmonaten. Das Passagieraufkommen im schweizerischen Schienenverkehr befindet sich weiterhin auf ca. 80% des Vorjahreswertes, es lässt sich seit Anfang Oktober 2020 erneut eine leichte Abnahme im Vergleich zum Vorjahr beobachten.


Das ganze Studiendossier lässt sich per Mail an kontakt@neustarter.com bestellen.