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«Der Sprung führt häufig in eine berufliche Perspektive mit mehr Sinn als bisher»

«Der Sprung führt häufig in eine berufliche Perspektive mit mehr Sinn als bisher»

Du berätst Menschen nach langen Berufsjahren bei dem Sprung – wohin?

Bei dem Sprung in eine Arbeit und/oder in ein gesellschaftliches Engagement, das heute zu ihnen passt. Wir verändern uns über die Zeit, Interessen verlagern sich. Der Sprung führt häufig in eine berufliche Perspektive mit mehr Sinn als bisher. Ich «schubse» in die passende Richtung und gebe frische Impulse: zum Beispiel für die Freiwilligenszene, für die Teilselbstständigkeit, für eine Auszeit, für eine Weiterbildung, für einen internen Wechsel, für den Sprung in den Arbeitsmarkt.

Was sind häufige Knackpunkte in diesen Gesprächen?

Jeder Lebens- bzw. Berufsweg braucht regelmässig neue Wendungen. Triebfeder für freiwillige oder unfreiwillige Veränderung ist häufig der persönliche Leidensdruck. Ich möchte mit meiner Art auch Lust am Forschen vermitteln. Zurück zur Frage – ich nenne einmal drei potenzielle Knackpunkte:

1) Veränderungsängste generell, damit verbunden die Bilder im Kopf über den eigenen Wert
2) Sich selber zu vermarkten
3) Die eigene Ungeduld während der Phase des «Noch-nicht-Wissens», was genau sein wird.

Und das liebe Geld gehört selbstverständlich mit in die Überlegungen rein.

Hast du einen Tipp für Menschen über 49, die in ihrem derzeitigen Arbeitsumfeld gelangweilt sind oder sich falsch (zu wenig oder zu viel) gefordert fühlen und die deutlich das Gefühl haben: «das will ich nicht noch bis zur Pensionierung machen»?

Neugierig auf Fährtensuche gehen. Zum Beispiel informelle Gespräche führen mit Menschen, die Aufgaben nachgehen, die einem selbst reizen. Sie geben gerne Auskunft über ihre Tätigkeiten – konkrete Tipps inklusive. Wir sollten ein Selbstverständnis dafür entwickeln, unseren Lebens- bzw. Berufsweg alle paar Jahre anzupassen, damit Kompetenzen und Schwung bis ins höhere Alter tragen. Die Gestaltung der zweiten Karriere gewinnt an Bedeutung.

Glaubst du, dass es die starre Pensionierungsgrenze und alles, was wir davor und danach damit verbinden, in 10 Jahren noch geben wird?

In der Schweiz? Ich vermute ja. Wenngleich schon heute einige Länder Europas das Rentenalter an die Entwicklung der Lebenserwartung gekoppelt haben. Es wird jedoch in 10 Jahren mehr Firmen geben, die flexible Arbeitsmodelle anbieten. Arbeitnehmende wollen ja grundsätzlich weiter beschäftigt bleiben, einfach häufig anders als bisher. Gerade Frauen, die häufig Teilzeit gearbeitet haben, sind darauf angewiesen, nach der ordentlichen Pensionierung Geld hinzuzuverdienen. Manchmal bleibt die Selbständigkeit, weil es anspruchsvoll ist, eine Stelle zu finden.

Was verbindest du persönlich mit dem Begriff «Neustart»?

Austausch mit spannenden Menschen; aktive Auseinandersetzung mit mir selbst; Netzwerken und den Blick erweitern; Zweifel und sich schwer tun mit Entscheidungen; positive Gefühle; Türen, die sich öffnen; Bedürfnis nach Sinn; eine Extrameile gehen. Sonnen- und Schattenseiten, die sich duellieren – und die ich beeinflussen kann.

Ich meinte lange, es müssten grosse Schritte und zwar «subito» sein, dabei haben die kleinen Schritte denselben Wert. Heute würde ich dem Vertrauen in neue Wege mehr vertrauen. Hierin habe ich in den letzten Jahren investiert.

Auf deiner Website zum Thema «Karriere nach der Karriere» beschreibst du dich als «Gesellschaftsingenieurin»?

Gesellschaftliche Fragen unserer Zeit interessieren mich seit eh und je, damit verbunden ist der Blick hinter die Kulissen: Wie gestalte ich das Morgen mit? Was treibt den Menschen um? Was gibt unserem Leben Sinn? Arbeit und Gesellschaft sind eng miteinander verknüpft. Ich habe heute das Privileg, an Projekten zu arbeiten, welche sich mit dem demografischen Wandel befassen. Diese Perspektive und die Erfahrungen aus meinen bisherigen Tätigkeiten befruchten meine Arbeit als Sparringpartnerin für «zweite Karrieren».

Kurz, eine Gesellschaftsingenieurin befasst sich mit der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit. Ich habe dadurch zum Beispiel auch den Überblick über die Freiwilligenszene. Viele Menschen wollen sich nach ihrer aktiven Erwerbsphase gesellschaftlich engagieren. Die Babyboomer-Generation ist fit, neugierig und gebildet. Da werden wir nach einer Verschnaufpause hoffentlich spannende Engagements für sie finden (lacht).

Beim Blick auf die Schweizer Arbeitswelt, welche Entwicklung wünschst du dir für die nächsten Jahre?

Eine Ausgestaltung des Vorsorgesystems, welche mich ohne Hürden bis siebzig und mehr tätig sein lässt. Eine offene und vertrauensvolle Kultur unter allen an der Wertschöpfung beteiligten Menschen. Um es in den Worten von Elisabeth Michel-Alder (Anm. Red. Initiantin Netzwerk Silberfuchs) zu sagen: ein flüssiger Arbeitsmarkt, welcher unseren heterogenen Lebensstilen Rechnung trägt und diskriminierungsfrei ist.

Und Hand aufs Herz: wir Älteren neigen zur Sesshaftigkeit. Ich freue mich deshalb über das Neustarter-Angebot «Praktikum 4.0». Ausserdem wünsch’ ich mir angemessene Bildungsangebote für Umstiegswillige.

Und dürfen wir noch auf ein paar Neustarts von dir gespannt sein?

Ja, ich denke schon. Kleine, nicht sichtbare, und grössere. Zwei, drei Ideen hätte ich schon. Vor gut einem Jahr wurde in unserem Dorfkino «Kassettenliebe» von Rolf Lyssy gezeigt (Anm. Red.: der Heiratsvermittler Felix, gespielt von Emil Steinberger, sucht mithilfe von Video-Kundenporträts die perfekten Partner).

Eine coole (Freizeit-)Partnervermittlung 4.0, welche analog und digital schlau verbindet, fände ich reizvoll. Und Schwung verleihen würde ich gerne dem «Interior Design» von Wohnmodellen im Bereich Service-Wohnen. Da wollen ich selbst und die künftigen Babyboomer flotter wohnen, davon bin ich überzeugt.

Sicherlich wird es immer im «Beziehungsgeschäft» sein. Da sollen ja Reifere auch künftig gute Karten haben (lacht).


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