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29.03.2018 in Wissen von Béatrice Rybi

Der neue Ruhestand: KEIN Ruhestand

Der neue Ruhestand: KEIN Ruhestand

Die Bevölkerung wird älter, und der Sozialstaat kann nicht mehr mithalten. Nach einer 2-monatigen Umfrage in England über den Ruhestand ist klar, dass immer mehr Menschen Angst vor dem Alter haben.

Das Zeitalter ohne Ruhestand hat bereits begonnen. Die erste Generation, die diese erschreckende Realität erleben wird, ist jetzt in ihren 40ern und 50ern. Sie ist mit dem Glauben aufgewachsen, den gleichen Ruhestand wie ihre Eltern erleben zu dürfen: mit der Arbeit Mitte 60 aufhören, mit einem grosszügigen Einkommen, mit genügend Zeit und guter Gesundheit, um lang gehegte Träume zu erfüllen. Für sie ist es vielleicht schon zu spät, die nötigen Veränderungen vorzunehmen, um überhaupt in Rente gehen zu können. 2010 erhielten britische Frauen ihre Rente mit 60 und Männer mit 65. Bis Oktober 2020 werden beide bis 66 warten müssen, bis im Jahr 2028 schon bis 67. Das Rentenalter wird laufend weiter steigen, und um 2060 werden die Menschen immer noch in ihren 70ern arbeiten. Laut Forschung sogar bis in ihre 80er, um den gleichen Ruhestandsstandard wie die jetzigen Rentner geniessen zu können.

Das realistische Horrorszenario einer Welt ohne Ruhestand: Alte Arbeiter werden mit ihren von Arthritis verkrümmten Händen weiter Arbeiten verrichten müssen. Die Erhöhung des staatlichen Rentenalters wird eine neue soziale Ungleichheit schaffen. In Gebieten wie z.B. Schottland, in denen die Lebenserwartung niedriger ist als das staatliche Ruhestandsalter, werden die Leute sterben, bevor sie ihre Rente beanspruchen können, zu der sie ein Leben lang beigetragen haben. In Gebieten mit höherer Lebenserwartung wie z.B. Südostengland werden diese besser bemittelten Menschen davon profitieren, was vom Sozialstaat übrigbleibt. Laut Prognosen wird dieses Sicherheitsnetz irgendwann wieder ganz verschwinden.

Rentner, die sich ein Leben im Ruhestand nicht leisten können – aus gesundheitlichen Gründen, weil sie ihre Eltern pflegen müssen und potentielle Arbeitgeber lieber Junge einstellen – werden wahrscheinlich eine Armut erleiden, wie es sie in England seit 30 oder 40 Jahren nicht mehr gegeben hat. Der Fortschritt in der Altersvorsorge der letzten 20 Jahre wird ihnen nicht mehr nützen.

Viele heutige Junge in der 20ern werden wegen Arbeitslosigkeit, Studienschulden und steigender Immobilienpreise nicht mehr in der Lage sein, in ihrer Jugend und im mittleren Alter zu sparen. Wenn sie einmal alt sind, wird es Ihnen meistens viel schlechter gehen als armen Pensionären von heute. Viele Faktoren sind an dieser Situation schuld: steigende Lebenserwartung, miserable Rentenplanung einiger Regierungen in Folge, das Auflösen der sogenannten Endgehaltsrente (bei der die Leute 2/3 ihres letzten Lohns als Rente erhielten) sowie unsere eigene Unfähigkeit, zu sparen.

Eine 2 Monate dauernde Studie des «Guardian» über die Aussicht auf eine Rente für unsere Kinder und Enkel zeigt, dass das Rentensystem – eine unserer am meisten geschätzten Institutionen – für die nächsten Generationen zusammenzubrechen droht.

Viele, die jetzt in Rente gehen, sind völlig aufgewühlt. Wie eine 62-jährige Frau, die zum ersten Mal in ihrem Leben nicht weiss, wie sie ihre Hypothek bezahlen soll. «Ich bin jetzt gestresster als in meinen 30ern. Damals war mein Budget zwar sehr knapp, aber ich konnte dies emotional wegstecken. Aber nie hätte ich gedacht, in meinem Alter solche Angst vor der Zukunft zu haben. Ich bin ganz und gar nicht materialistisch eingestellt und wollte nie einen schicken Lebensstil. Aber es ist beängstigend, nicht zu wissen, ob ich in einigen Monaten noch ein Zuhause haben werde.»

Nicht nur die ältere Generation fürchtet das Alter. Adam Palfre ist 30, mit drei Kindern und einer behinderten Frau, die nicht arbeiten kann. «Ich muss gestehen, dass mir der Ruhestand furchtbar Angst macht. Ich habe nichts gespart, weil dies in meiner Situation nicht möglich ist. Obschon ich jede freie Minute arbeite, verdiene ich gerade genug, um uns mit Wohngeld, Invalidenrente und Steuergutschriften über Wasser zu halten. Mit über 70 Jahren wird es mir kaum mehr gelingen, meiner Partnerin und mir das Existenzminimum zu sichern. Was meine drei Kinder betrifft, weiss nur Gott. Ich wage gar nicht, darüber nachzudenken.»

Es ist nichts Neues, dass die Bevölkerung altert. Aber es ist unglaublich, dass es uns nicht gelungen ist, uns auf diese unvermeidliche Veränderung besser vorzubereiten. Die Lebenserwartung in Grossbritannien steigt dramatisch um fünf Stunden pro Tag. Dank einer Zeit des relativen Friedens, der niedrigen Kindersterblichkeit und der kontinuierlichen medizinischen Fortschritte ist die Lebenserwartung der hier geborenen Babys in den letzten zwei Jahrzehnten um etwa fünf Jahre gestiegen.

2014 war das Durchschnittsalter der britischen Bevölkerung zum ersten Mal höher als 40 Jahre – 1974 waren es 33.9. In etwas mehr als einem Jahrzehnt wird die Hälfte der Bevölkerung des Landes über 50 Jahre alt sein. Dieser Trend wird sich fortsetzen und Grossbritannien verändern. 2018 markiert in Grossbritannien einen demographischen Wendepunkt. Als die Baby-Boom-Generation (jetzt zwischen 53 und 71 Jahre alt) in den Ruhestand trat, waren zum ersten Mal seit Anfang der 1980er Jahre mehr Menschen entweder zu alt oder zu jung, um zu arbeiten, als die im erwerbsfähigen Alter. Man erwartet, dass sich die Anzahl der Briten im Alter von 85 Jahren oder älter in den nächsten 25 Jahren mehr als verdoppeln wird. 2040 wird fast jeder siebte Brite über 75 Jahre alt sein. Die Hälfte aller im Vereinigten Königreich geborenen Kinder wird voraussichtlich 103 Jahre alt werden. Etwa 10 Millionen, die derzeit in Grossbritannien leben (und 130 Millionen in ganz Europa), werden wahrscheinlich 100 Jahre oder mehr werden.

Die Regierungen ziehen in Erwägung, das staatliche Ruhestandsalter anzuheben, um so die Kosten einer alternden Bevölkerung zu decken, deren Steuerbeitrag niemals die Nutzung der Dienstleistungen deckt. Das Steuerdefizit wird bis 2060 auf £ 15 Milliarden jährlich anwachsen. Um diese Lücke zu schliessen, müsste man die Einkommenssteuer der erwerbsfähigen Bevölkerung um 4% anheben. Was die Regierungen anstreben, ist die Vollbeschäftigung der Menschen bis Ende 60. Das könnte das Verhältnis von Arbeitern zu Nicht-Arbeitern für viele Jahrzehnte aufrechterhalten. Und wenn die Beschäftigungsquote für ältere Arbeitnehmer der 30- bis 40-Jährigen entspricht, könnten die zusätzlichen Steuerzahlungen bis zu £ 88,4 Mrd. betragen. Wären unsere Beschäftigungsquoten für die über 55-Jährigen laut PwCs Golden Age Index zwischen 2003 und 2013 so hoch gewesen wie in Schweden, wäre das britische BIP um £ 105 Mrd. oder 5,8% höher gewesen.

Es gibt natürlich Probleme bei diesem Ansatz. Wer problemlos bis 70 oder länger arbeiten kann, gehört wahrscheinlich zu den wenigen Privilegierten: die hoch gebildete Elite, die keine gesundheitsschädigenden Berufe ausüben musste. Mit der Erhöhung des staatlichen Rentenalters wird das Leben für diejenigen, die gesundheitliche Probleme, familiäre Verpflichtungen oder keine Arbeit haben, sehr schwierig werden.

Frank Field, Labour-Abgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit und Renten, sagte mir, dass die Summe von knapp über 8.000 Pfund pro Jahr ausreicht, um allen Rentnern einen angemessenen Lebensstandard zu garantieren: ein «angemessenes Minimum», wie er es ausdrückte. Alles darüber hinaus sollte privat finanziert werden, ohne Steuererleichterungen oder andere staatliche Hilfe. «Alles über diesem Minimum ist nicht mehr Aufgabe der Regierung», sagt er. «Die Bereitstellung von luxuriösen Rentenzahlungen war nie das Ziel der staatlichen Rente. Man kann sich darüber streiten, ob die neue staatliche Rente wirklich als «komfortables Minimum» bezeichnet werden kann. Dr. Ros Altmann, der im April 2015 in die Regierung berufen wurde, um für die Rentenpolitik zu arbeiten, ist der ehemalige ältere Arbeitermeister der britischen Regierung und ein Gouverneur des Instituts für Rentenpolitik. Als ich Fields Kommentare an sie weitergab, war sie kurz sprachlos. Dann entfuhr ihr ein «Wow. Hat er das wirklich gesagt? Würde er denn glücklich sein, mit etwas über £ 8.000 pro Jahr zu leben?», fragte sie mich.

Tom McPahil, Leiter der Rentenpolitik bei Finanzberater Hargreaves Lansdown äussert sich ganz klar, dass die neue staatliche Rente nicht hoch genug angesetzt wurde, um den Menschen ohne andere Einnahmequellen ein würdevolles Alter zu garantieren. Field nimmt einfach an, dass die meisten Leute zur Ergänzung der Rente genügend private finanzielle Mittel haben. In Wahrheit haben viele Menschen weder Ersparnisse – fast ein Drittel aller Haushalte hätte ein Problem damit, unerwartet eine 500 Pfund-Note hinzublättern – noch eine ausreichende private Altersvorsorge, um ihren staatlichen Rentenanspruch auf das Niveau eines bequemen Ruhestandes zu bringen. Die sogenannte «Rentenlücke» – die Kluft zwischen ausbezahlter und effektiv benötigter Rente – ist erschreckend. Drei von zehn Briten im Alter von 55 bis 64 Jahren haben keinerlei Rentenersparnisse. Fast die Hälfte der Menschen in den Dreissigern und Vierzigern spart nicht oder nur unzureichend und unterschätzt den benötigten Sparbetrag. Vier von zehn über 40-Jährigen wissen nicht, wie viel ein einfacher Lebensstil im Ruhestand kostet. 80% haben keine Ahnung, wie hoch die Gesamtreserve für die Finanzierung der Pension sein müsste.

Ruhestand ist ein uraltes Konzept. Es verursachte eine der schlimmsten militärischen Katastrophen, mit denen das Römische Reich jemals konfrontiert war. Als die kaiserliche Macht 1414 das Rentenalter erhöhte und die Renten ihrer Legionäre kürzte, kam es in Pannonien und Deutschland zur Meuterei. Die Anführer wurden zwar unschädlich gemacht, aber die Institution bleibt so wertvoll und wichtig wie eh und je, und jede Bedrohung ihres Fortbestehens kann wieder zu einer Meuterei führen. Ein Leser schrieb: «Der Ruhestand wurde uns gestohlen. Wie viel man auch einbezahlt, man erhält dies nie zurück.» Zeit für eine «graue Revolution». 1881 hielt der deutsche Kanzler Otto von Bismarck vor dem Reichstag eine radikale Rede, in der er die staatliche finanzielle Unterstützung für die über 70-Jährigen forderte, die wegen Alter und Invalidität arbeitsunfähig waren. Bismarck setzte sich eigentlich für eine Invalidenrente und nicht aus sozialen Gründen für eine Altersrente ein, wie wir sie heute verstehen. Sein von ihm empfohlenes Rentenalter passte sich an die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland an. Bismarck hatte jedoch eine weitere Vision, die in der damaligen Zeit wirklich zu radikal war: Er schlug eine Rente vor, die in jedem Alter eingezogen werden konnte, wenn jemand als arbeitsunfähig beurteilt wurde. Wer dies früher tat, erhielt einen niedrigeren Betrag.

Diese Idee taucht in unterschiedlicher Form erneut auf. Die New Economics Foundation plädiert für eine verkürzte Arbeitswoche, in der die Beschäftigten ab dem 35. Lebensjahr pro Woche eine Stunde weniger arbeiten sollen. Die verlorene Arbeitszeit soll durch die Jüngeren kompensiert werden, um so eine laufende Weitergabe des Know-hows der älteren Mitarbeiter zu garantieren. Ein allumfassendes Grundeinkommen, bei dem jede Person jedes Jahr vom Staat eine bestimmte Summe erhält, egal wie viel sie arbeitet, könnte einen ähnlichen Effekt haben und den Menschen die Möglichkeit geben, im Alter in Teilzeitarbeit zu wechseln.

Die weit verbreitete Armut unter den über 65-Jährigen führte zum National Insurance Act von 1946, der die erste beitragspflichtige, pauschale Rente im Vereinigten Königreich für 60-jährige Frauen und 65-jährige Männer einführte. Am Anfang waren die Rentensätze niedrig und für die meisten Rentner nicht genug, um durchzukommen. Aber Ende der 1970er Jahre wurde die staatliche Rente erhöht, und eine wachsende Zahl von Menschen – vor allem Männer – konnte von betrieblichen Rentensystemen profitieren. 1967 hatten mehr als 8 Millionen Beschäftigte in privaten Unternehmen und 4 Millionen Staatsangestellte Anspruch auf eine Endgehalt-Rente. 1978 führte die Labour-Regierung ein ausgefeiltes, vom Einkommen abhängiges staatliches Aufstockungssystem für Leute ohne Zuschuss eines Betriebssystems ein. Ältere Menschen erhielten nun genügend Rente, um ihren Job beenden und das «dritte Alter» geniessen zu können. 1970 betrug die Beschäftigungsquote für Männer im Alter von 60 bis 64 Jahren 81%, bis 1985 fiel sie auf 49,7. Der Zugang zu einem bequemen Alter ist eine sehr starke politische Idee. John Macnicol, Gastprofessor an der London School of Economics und Autor von Neoliberalising Age meint, dass dieser «sozial elegante Mythos», sich im Alter entspannt zurücklehnen zu können, nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist, als Jobs für jüngere Männer benötigt wurden.

Er glaubt jedoch, dass diese Ansicht in den 1990er Jahren auf zynische Art verändert und das Bild der Rentner ganz bewusst beschönigt wurde: von arm, gebrechlich, abhängig und bescheiden zu wohlhabend, hedonistisch, politisch mächtig und egoistisch. Der Begriff «der wohlhabende Rentner» wurde mit Hilfe von Beweisen konstruiert, die genau das Gegenteil zeigten, um damit das Recht auf Ruhestand untergraben zu können: also mehr Druck auf ältere Menschen ausüben, ihren Job zu behalten, neue «Möglichkeiten» schaffen, Hindernisse auf dem Weg zur Arbeit beseitigen, eine stärkere Einbindung in die Arbeitswelt ermöglichen und sogar eine soziale Aufstiegsmobilität erreichen. Diese Kehrtwende der Haltung gegenüber Rentnern hat der Regierung geholfen, das Rentenalter erhöhen zu können. 1995 kündigte die konservative Regierung unter John Major eine stetige Erhöhung des staatlichen Rentenalters für Frauen zwischen 60 und 65 Jahren ab April 2010 bis April 2020 an. Die meisten fanden diesen Ausgleich des Rentenalters angemessen. Sie wehrten sich jedoch dagegen, dass die Regierung bis 2009 – ein Jahr vor dieser Änderung – damit wartete, die Betroffenen zu kontaktieren. Somit hatten tausende Frauen keine Zeit, ihre Finanzen neu zu ordnen oder ihre Beschäftigungspläne anzupassen, um das Einkommensloch zu füllen.

Kaum war das staatliche Rentenalter für Frauen auf 63 gestiegen, beschleunigte die Koalitionsregierung 2011 den Zeitplan: Das staatliche Rentenalter für Frauen wird nun im November 2018 65 Jahre erreichen und wie bei den Männern weitersteigen, bis 2020 auf 66 und bis 2028 auf 67 Jahre. Ros Altmann erklärte 2016 bei ihrem Austritt aus dem Arbeits- und Rentenministerium, sie sei «nicht davon überzeugt, dass sich die Regierung über die Notlage der betroffenen Frauen im Klaren war».

2006 konnten die Arbeitgeber ihre Angestellten im Alter von 65 Jahren in den Ruhestand zwingen. Eine von Age Concern und Help the Aged geleitete Kampagne argumentierte schnell und effektiv, dass das neue Standard-Rentenalter-Gesetz EU-Vorschriften verletze. Die Arbeitgeber hätten so zu viel Spielraum, um die unmittelbare Diskriminierung aufgrund des Alters zu rechtfertigen. Am 1. Oktober 2011 wurde das Gesetz aufgehoben. Seitdem ist die britische Arbeitswelt sozusagen vor unseren Augen grau geworden: In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der arbeitenden Menschen im Alter von 50 bis 64 Jahren um 60% auf 8 Millionen gestiegen (weitaus mehr als der Anstieg der Bevölkerung von über 50-Jährigen). Der Anteil der Personen zwischen 70 und 74 Jahren hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Bis 2020 wird ein Drittel der arbeitenden Bevölkerung über 50 Jahre alt sein.

Aussage eines Arbeiters bei Steelite International Keramik in Stoke-on-Trent: Das proportionale Wachstum ist ein Trugschluss. Empirisch betrachtet sind die Auswirkungen weniger positiv: Fast ein Drittel der Menschen zwischen 50 und 64 Jahren arbeiten nicht. Tatsächlich werden viel mehr Menschen arbeitslos, als dass sie einen Job finden: Fast 40% der Beschäftigungs- und Unterstützungsempfänger sind über 50. Dies zeigt, dass es für viele ältere Menschen nicht einfach ist, neue und befriedigende Arbeit zu finden.

Dies ist nicht nachhaltig: Bis 2020 werden schätzungsweise 12,5 Millionen Arbeitsplätze frei, weil ältere Menschen aufhören zu arbeiten. Aber es wird nur 7 Millionen jüngere Leute geben, um diese wieder zu besetzen. Wenn wir uns nicht mehr darauf verlassen können, dass Einwanderer die Lücken schliessen, müssen die Arbeitgeber ihre Vorurteile ablegen und die Arbeitsplätze angepasst werden. Wenn ältere Menschen in der Arbeitswelt bleiben, können sie ihre Enkelkinder nicht mehr hüten und sich nicht mehr um einen alternden Ehepartner oder um die Eltern kümmern. Dann müssen die Sozialdienste eingreifen, um Aufsicht und Pflege zu gewährleisten. Es kann mehr Schaden anrichten als einen Nutzen zu erbringen, ältere Menschen dazu zu zwingen, länger zu arbeiten, wenn sie andere soziale Verpflichtungen haben.

Prof. Debora Price, Direktorin des Manchester Institute for Collaborative Research on Aging, sagte zu mir: «Sehr wahrscheinlich werden vor allem gut ausgebildete Männer aus hoch bezahlten Jobs die Möglichkeit haben, nach der Pensionierung weiter zu arbeiten. Dies könnte Ungleichheiten vergrössern. Eine Antwort darauf wäre Bismarcks ursprünglicher Plan, wonach die staatliche Rente von jedem, der sich für eine niedrigere Rente in jüngerem Alter als dem staatlichen Rentenalter entscheidet – vielleicht wegen schlechter Gesundheit oder anderer Verpflichtungen – vorzeitig abgerufen werden kann.

Diese Option wurde jedoch kürzlich von John Cridland abgelehnt, dem ehemaligen Leiter der Business-Lobby-Gruppe der britischen Industrie, der im März 2016 von der Regierung ernannt wurde, um das Rentenalter zu überprüfen und die Rentenkosten des Vereinigten Königreichs in Höhe von 100 Milliarden Pfund pro Jahr zu senken. Stattdessen hat Cridland empfohlen, dass das staatliche Rentenalter bis 2039, sieben Jahre früher als derzeit geplant, von 67 auf 68 steigen sollte. Alle anfangs 40 werden somit 1 Jahr zurückgedrängt. Cridland hat den frühzeitigen Zugang zur staatlichen Rente für Personen mit schlechter Gesundheit abgelehnt. Er befürwortet jedoch die zusätzliche einkommensabhängige Unterstützung, die ein Jahr vor dem gesetzlichen Rentenalter für diejenigen zur Verfügung gestellt wird, die aus krankheits- oder pflegebedingten Verpflichtungen arbeitsunfähig sind.

In vielen Gesprächen mit älteren Leuten wurde aber klar, dass sie trotz Existenzangst das Leben geniessen. Laut Amt für nationale Statistiken ist die glücklichste erwachsene Altersgruppe 65 bis 79 Jahre alt. Kürzlich wurde in einem Bericht behauptet, Frauen in ihren 80ern hätten besseren Sex als bis zu 30 Jahre Jüngere. Untersuchungen haben ergeben, dass sich 75% der über 50-Jährigen weniger darum kümmern, was die Leute von ihnen denken und 61% das Leben mehr geniessen als früher. Was ist also das Geheimnis für einen erfolgreichen Ruhestand? Private Unternehmen bieten Kurse für Rentenplanung in Bezug auf Einkommen, Zeit und Beziehungen an. Kursanbieter und Rentner sind sich einig: Es gibt fünf Säulen, die alle mehr oder weniger auf «Geld» beruhen – ohne finanzielle Sicherheit ist das Leben später schwierig. Sobald diese Grundlage geschaffen ist, können Rentner die zweite Säule aufbauen: ein soziales Netzwerk, das die Arbeitsgemeinschaft von früher ersetzt. Die dritte Säule beinhaltet einen Sinn im Leben und die Herausforderung des Geistes. Die vierte ist die kontinuierliche persönliche Entwicklung: Erkunden, Fragen und Lernen sind ein wichtiger Teil dessen, was uns menschlich macht und nie aufhören sollte. Die fünfte und letzte Säule ist der Spass am Leben.

Nach allen Recherchen und Umfragen über dieses neue Zeitalter ohne Ruhestand zeichneten sich zwei Fallen ab, die eine konstruktive Debatte untergraben: Die erste ist das Vorurteil, dass eine alternde Bevölkerung die Gesellschaft stark belasten wird. Dies wird durch zahlreiche Studien widerlegt: Die Freiwilligenorganisation WRVS hat am meisten unternommen, um die wirtschaftliche Rolle der älteren Generationen zu quantifizieren.

Die Steuerzahlungen, die Kaufkraft, die Fürsorge und die freiwilligen Bemühungen von über 65-Jährigen zusammengerechnet ergeben, dass diese der britischen Wirtschaft fast 40 Milliarden Pfund mehr beisteuern als sie an staatlichen Renten, Sozial- und Gesundheitsunterstützung erhalten. Dieser Nutzen für die Wirtschaft wird laut Forschungsergebnissen in den kommenden Jahren zunehmen, da immer mehr Baby-Boomer in den Ruhestand treten. Bis 2030 soll der Nettobeitrag älterer Menschen rund £ 75 Mrd. betragen.

Der Beitrag älterer Menschen zur Gesellschaft ist nicht nur ökonomisch. Eine ICM-Umfrage für die WRVS-Studie ergab, dass 65% der älteren Menschen sagen, dass sie regelmässig älteren Nachbarn helfen; unter allen Altersgruppen für Erwachsene tun sie dies am wahrscheinlichsten.

Die zweite Falle ist der Konflikt zwischen den Generationen, der durch die Frage des Ruhestands verursacht werden kann. Die finanziellen Probleme der Jungen wurden den Baby-Boomer angelastet. In Wahrheit ist die britische Rente viel niedriger als diejenige in den meisten entwickelten Ländern. Dieses beitragspflichtige, besteuerte Einkommen – Rentner zahlen Steuern wie jeder andere – ist alles, wovon viele alte Menschen leben müssen. Fast 2 Millionen der 55- bis 64-Jährigen haben keine privaten Rentenersparnisse. Es stimmt auch nicht, dass ältere Menschen alle ohne Hypothek sind. Weniger als 48% der 55- bis 64-Jährigen besitzen ein eigenes Haus, fast ein Viertel wohnt immer noch in Miete. Natürlich haben einige stark von steigenden Hauspreisen profitiert, aber die Kreditkosten waren in den 70er und 80er Jahren hoch, oft 10% oder mehr. Jeder zehnte der 65-Jährigen muss noch eine Hypothek abbezahlen.

Es kursieren Gerüchte, dass der durchschnittliche Rentnerhaushalt um £ 20 pro Woche mehr verbrauchen kann als ein arbeitender Haushalt. Effektiv müssen aber viele noch arbeiten, um ihr Einkommen zu ergänzen. Trotz allem scheint das Leben der heutigen Rentner in den Augen der Menschen, die gerade in die Arbeitswelt einsteigen, unglaublich privilegiert.

Rachael Ingram fasst es zusammen: Sie ist 19 Jahre alt, arbeitet Vollzeit und studiert an einer öffentlichen Universität auf ihren Abschluss hin. Bereits jetzt legt sie 10% ihres Einkommens für ihre Rente zurück. «Ich sollte mir in meinem Alter keine Sorgen um meine Rente machen. Im Moment miete ich eine Wohnung in Liverpool, aber ich spare Geld, das in die Anzahlung an mein erstes Haus fliessen könnte, oder in meine Freizeit. Ich habe kein Vertrauen in die Regierung oder die staatliche Rente. Es wird niemanden geben, der sich um mich kümmert, wenn ich alt bin.»


Dieser Artikel vom The Guardian mit dem Originaltitel «The new retirement – A world without retirement» wurde, mit freundlicher Genehmigung des Urhebers, von Frau Béatrice Rybi ins Deutsche übersetzt. Autorin des Originalartikels ist Amelia Hill.