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02.10.2017 in Wissen von René Kaufmann

Der Muse muss man entgegengehen …

Der Muse muss man entgegengehen …

Lebensmodelle, in denen wir eine Ausbildung absolvieren und danach bis zur Pensionierung ein und denselben Beruf ausüben, sind heute selten geworden. Manchmal zwingt uns das Leben, etwas Neues zu wagen. Manchmal sind wir es selber, die vorgegebene Spuren verlassen und neue Wege finden wollen. In unserer Welt ist es immer wichtiger geworden, auf veränderte Situationen und neue Herausforderungen mit neuen Ideen reagieren zu können. Doch wie findet man kreative Lösungen? Wo findet man die nötige Inspiration? – Sie werden staunen: Näher als man denkt.

Man hat ja dieses romantische Bild vom kreativen Menschen. Der sitzt in seinem Denkerstübchen oder liegt unter einem Baum, wartet bis ihn die Muse küsste und – Heureka! – plötzlich hat er die geniale Idee. So spielt sich das natürlich nicht. Nein. Auf die Muse darf man nicht warten, man muss ihr entgegengehen. Mag sein, dass die Lösung für ein Problem uns plötzlich wie aus dem Nichts einfällt. Doch mit Zufall hat das in der Regel nichts zu tun. Der Geistesblitz kann ein glücklicher Augenblick im kreativen Prozess sein. Doch bis dieser Blitz aufgeladen ist und einschlägt, braucht es viel Vorbereitung, Wissen, intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, Ausdauer und Zeit.

Kreativitätsfördernde Bedingungen schaffen – aber wie?

Der Kreativitätsforscher Mihaly Csikszentmihalyi hat mit über 90 kreativen Persönlichkeiten Interviews geführt, um herauszufinden, was Kreativität ausmacht. Eine seiner Erkenntnisse, die er im Buch «Flow und Kreativität» zusammengetragen hat: «Es ist leichter, Kreativität durch eine Veränderung äusserer Bedingungen zu fördern als durch den Versuch, das Individuum zu kreativerem Denken anzuregen.»

Sie fragen sich jetzt vielleicht: Was sind denn für «äussere Bedingungen» gemeint, die unsere Kreativität fördern sollen?

Natürlich leuchtet es ein, dass ein Mensch, der hungrig ist und friert, es schwer haben wird, kreativ an das Leben heranzugehen. Seine gesamte mentale Energie ist auf das Überleben ausgerichtet. Auch ein Mensch, die reich ist und alles im Überfluss lebt, wird nicht besonders nach Kreativität streben: In der Regel konzentriert er seine Energie darauf, das Erreichte zu erhalten und zu schützen – oder es sogar noch zu vermehren. Beide Situationen sind keine guten Bedingungen für Kreativität.

Unsere Aufmerksamkeit ist begrenzt

Kreativitätshemmend sind oft auch die vollen Terminkalender - nicht nur im Beruf. Der Job absorbiert einen Grossteil unserer Energie; dazu kommen die Ansprüche von Familie und Freunden. Wir haben heute viel mehr Freizeit als früher, doch diese ist oft verplant mit Weiterbildung, Fitness und Sport, Engagements in Vereinen oder die Nutzung der ganzen Vielfalt an Kultur- und Unterhaltungsangeboten. Hinzu kommt die ständige Verfügbarkeit über Smartphone und Computer, die Ablenkung durch Fernsehen, Radio und Internet mit so vielen interessanten Themen oder auch nur willkommener Berieselung zum Abschalten nach einem anstrengenden Tag. Die Aufmerksamkeit des Menschen ist jedoch begrenzt.

Es geht also darum, loszulassen und unsere Aufmerksamkeit zu bündeln, um unser kreatives Potential freisetzen zu können. Denn tatsächlich: Kreativität ist kein besonderes Gen, keine besondere Fähigkeit, die nur wenigen Menschen vorbehalten sind. Auch das zeigen die Forschungen von Mihaly Csikszentmihalyi.

Kreativität ist insofern lernbar, dass wir unsere Haltung und unser Verhalten ändern können – und zwar nicht nur gegenüber von Aufgaben und Herausforderungen, die uns im Leben gestellt werden, sondern gegenüber dem Leben selbst.

Das klingt Ihnen zu gross?

Nun gut; vielleicht haben Sie sich hier einfach ein paar handfeste Tipps und Vorschläge erhofft, wie Sie Ihr kreatives Denken fördern können. Um eine neue Geschäftsidee zu entwickeln, sich beruflich neu zu orientieren, aus einer festgefahrenen Situation auszubrechen. – Bitte sehr: Es gibt unzählige Kreativitätsmethoden, die Ihnen helfen können, schnell viele Ideen zu sammeln und zu bewerten: Brainstorming, Mind Mapping, Clustering oder der Gedankensprint sind nur einige davon. Darüber wurden viele Bücher geschrieben und auch das Internet ist voll mit mehr oder weniger detaillierten Beschreibungen und Anleitungen. Geben Sie einfach bei Google mal den Suchbegriff «Kreativitätstechniken» ein. Sie werden fündig werden.

In dieser kleinen Serie über Kreativität möchte ich über solche Beschreibungen hinausgehen.

Äussere Bedingungen ändern – Eigenschaften fördern

Kreativität beruht auf menschlichen Eigenschaften, die in uns allen – mehr oder weniger ausgeprägt – angelegt sind. Das sind Eigenschaften wie Neugier und Interesse, Offenheit und Flexibilität, Mut, Wille und Ausdauer, Begeisterungsfähigkeit und Achtsamkeit, Ernsthaftigkeit und Verspieltheit, Selbstbewusstsein, Bescheidenheit und Kritikfähigkeit.

Sie sehen; es sind durchaus gegensätzliche Eigenschaften, die einen kreativen Menschen ausmachen. Jedoch normale menschliche Eigenschaften, die uns allen bekannt sind. Wir können sie im Alltag fördern und dadurch nicht nur unser kreatives Potential stärken, sondern das Leben interessanter, produktiver und erfüllter gestalten.

Finden Sie heraus, welche dieser Eigenschaften zu ihren Stärken gehören und pflegen Sie diese weiter. Vor allem jedoch: Stärken Sie jene Eigenschaften, die bei Ihnen eher schwach ausgeprägt sind. So nähern Sie sich jener «komplexen Persönlichkeit» an, die gemäss Csikszentmihalyi kreative Menschen ausmacht. Dadurch können Sie die «äusseren Bedingungen» in Ihrem Leben so verändern, dass kreative Energie leichter freigesetzt wird.

Der KREATIV Code

Eine wunderschön bildhafte Umschreibung dieser Eigenschaften finden Sie übrigens im sehr lesenswerten Büchlein «KREATIVCODE: Die sieben Schlüssel für persönliche und berufliche Kreativität» von Sascha Friesike und Oliver Gassmann. Die Beiden definieren einen «Code» und weisen jedem Buchstaben eine Persönlichkeit mit besonderen Eigenschaften zu:

K wie Künstler, der vorgegebene Pfade verlässt und seine schöpferische Ader aktiviert

R wie Rebell, der mit Konventionen bricht, Bestehendes in Frage stellt und auch mal gegen den Strom schwimmt

E wie Enthusiast, der sich von allem inspirieren lässt und sich begeistern kann für neue Ideen und Ziele

A wie Asket, der sich dem Überangebot von Möglichkeiten entzieht und sich auf das Wesentliche konzentriert

T wie Träumer, der auch mal die Bäume in den Himmel wachsen lässt und über Grenzen hinausdenkt

I wie Imitator, der von den Besten lernt, deren Lösungen studiert, sie imitiert und schliesslich kreativ weiterentwickelt

V wie Virtuose, der sich in seine Aufgaben vertieft, ausdauernd dranbleibt, bis er es zur Meisterschaft gebracht hat

Diese «7 Helden der Kreativität» können uns unterstützen, das kreative Potential besser zu nutzen – sei es, um Lösungen für konkrete Herausforderungen zu finden, sei es, um einfach das Alltagsleben lebendiger, aufregender und reicher zu gestalten. Wenn Sie mögen, machen wir uns in den nächsten beiden Beiträgen gemeinsam auf den Weg – der Muse entgegen.

Buchtipps:

  • Flow und Kreativität, Mihaly Csikszentmihalyi, Klett-Cotta-Verlag ISBN 978-3-608-94822-6
  • KREATIV CODE, Sascha Friesike, Oliver Gassmann, Hanser Verlag ISBN 978-3-446-44557-4