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01.04.2019 in Wissen von Stephanie Péus

«Der Blick über den Sandkastenrand lohnt sich»

«Der Blick über den Sandkastenrand lohnt sich»

Warum sollten Generationen enger zusammenarbeiten und keine Vorurteile haben? Warum sollten nicht nur Jüngere von Älteren, sondern auch Ältere von Jüngeren Neues lernen? Wir haben die gefragt, die es wissen «müssen»: Die Generationenakademie (eine Initiative von Migros-Kulturprozent). Und wir haben spannende Antworten erhalten. Jessica Schnelle und Sibylle Sutter im Neustarter-Interview.

Liebe Generationenakademie, was ist euer wichtigstes Ziel?

Jessica Schnelle: Unser wichtigstes Ziel ist, dass Ideen zu Generationenprojekten in die Umsetzung kommen. Wir wollen soziale Innovationen über Projekte fördern, welche die Potenziale und Ressourcen von Menschen aller Generationen nutzen und so den sozialen Zusammenhalt stärken. Im Quartier, auf dem Land – überall da, wo es Bedarf gibt.

Und was tut ihr, um das zu erreichen?

Jessica Schnelle: Wir bieten Freiräume, Vernetzung und Inspirationen. Konkret sind dies Workshops, in denen Visionen zum Zusammenleben diskutiert, Projektideen und bestehende Angebote weiterentwickelt werden, Expeditionen zu erfolgreichen Projekten und Vernetzungsangebote zum Thema Generationen.

Wer steht hinter eurer Akademie und wie seid ihr organisiert?

Jessica Schnelle: Vor über 9 Jahren hat das Migros-Kulturprozent die Generationenakademie ins Leben gerufen. Wir sind ein intergeneratives und -disziplinäres Team mit Schwerpunkten Erwachsenenbildung, Kommunikation und Gemeinwesenarbeit.

Sibylle Sutter: Wir bringen alle unsere Stärken ein und arbeiten auf Augenhöhe. Eine strikte Rollenteilung haben wir nicht. Wir entwickeln gemeinsam das Angebot der Generationenakademie und verteilen die Aufgaben je nach Stärken und aktuellen Ressourcen. Bereichernd dabei ist, dass wir selbst verschiedene Generationen im Team vertreten.

Was ist eigentlich euer Argument dafür, dass die Generationen enger zusammenarbeiten sollten? Man könnte ja auch sagen, dass es einfach natürlich ist, dass die Generationen schon ab der Sandkiste im Kindergarten einfach am liebsten unter sich sind?

Jessica Schnelle: Das Weltgeschehen und die zukünftigen Herausforderungen werden zunehmend komplexer. Für gute Lösungen benötigen wir grösstmögliche Diversität, auch in der Altersdurchmischung. Ausserdem ist es eine Frage der Haltung: Offenheit für fremde Lebenswelten und Perspektiven ist notwendig, um Resonanz (Hartmut Rosa) zu erfahren.

Sibylle Sutter: Es geht auch um den Zusammenhalt der Gesellschaft als solches. Ein gelebtes Mit- statt Nebeneinander ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Wir lernen von anderen Generationen und erweitern damit unseren eigenen Horizont. Der Blick über den Sandkastenrand lohnt sich auf jeden Fall.

Was das «Voneinander Lernen» betrifft, läuft der Wissenstransfer in der Schweizer Arbeitswelt ja oft ziemlich konservativ von Alt zu Jung. Macht ihr auch diese Erfahrung?

Sibylle Sutter: In meinem persönlichen Arbeitsumfeld eher nicht. Ich arbeite in einer Agentur mit flacher Hierarchie – sowohl auf Funktions- wie (Dienst-)Altersstufe. Ältere Mitarbeitende mit viel Arbeitserfahrung geben ihr Wissen weiter und profitieren gleichzeitig vom «frischen Blick» der Jüngeren. Auch im Team Generationenakademie leben wir dieses Arbeiten auf Augenhöhe. Da werde auch ich als jüngstes Teammitglied mal um Rat oder meine Meinung gefragt.

Jessica Schnelle: Ich würde sagen, es hängt davon ab, in welchem Feld wir uns bewegen. Überall da, wo der Umgang mit digitaler Technik zentral ist, haben zunehmend die Jüngeren einen Expertise-Vorsprung. Es kehren sich damit typische Hierarchieverhältnisse, was auch zu Konflikten führen kann.

Wie muss das Umfeld sein, dass die Aufteilung vermittelnde und aneignende Generation nicht starr ist?

Jessica Schnelle: Wenn sich die Bezeichnung «vermittelnde und aneignende» Generation auf den pädagogischen Generationenbegriff bezieht, bei der zwischen Lehrende und Lernende unterschieden wird, dann würde ich sagen: Wertschätzende Würdigung von Kompetenzen, Lernende Grundhaltung, offene Fehlerkultur, flache Hierarchien.

Sibylle Sutter: Und die Offenheit gegenüber dem Fremden – oder eben der anderen Generation – und damit dem Niederlegen von Vorurteilen.

Viele Ältere denken «die Jungen sind doch alle unzuverlässig», viele Jüngeren denken «die Alten sind alle so langsam». An Vorurteilen gegenüber andersaltrigen mangelt es allen Generationen nicht. Wie gelingt es viel jüngeren oder viel älteren Menschen möglichst ohne vorgefertigte Bilder im Kopf zu begegnen?

Jessica Schnelle: Vorgefertigte Bilder sind normal. Sie führen uns durch unbekanntes Gelände und geben uns Orientierung. Das allerwichtigste ist aber die reale Begegnung, mit der Vorurteile der Realität angepasst werden können.

Sibylle Sutter: Genau, learning by doing: Gute Erlebnisse in unserem Alltag helfen, diese natürlichen Vorurteile abzubauen. Und wem diese Begegnungen nicht «passieren», muss eben etwas nachhelfen. Es gibt so viele schöne Angebote, die Generationen in Kontakt bringen. Das Migros-Kulturprozent fördert solche Projekte wie beispielsweise «GiM – Generationen im Museum». Projekte, die in unserem Entwicklungsraum waren, haben wir auf unserer Webseite publiziert. Viele weitere finden sich auf intergeneration.ch.

Und was ist, wenn sich Vorurteile bestätigen?

Jessica Schnelle: Gute Frage: war es dann ein Vorurteil? Wenn sich bestätigt, dass «die Alten in der Tat langsam» und die «Jungen unzuverlässig» sind, hat mir die Begegnung aber vielleicht auch die Erkenntnis gebracht: «und Langsamkeit geht mit Entschleunigung einher, die durchaus wertvoll sein kann» oder dass die «Unzuverlässigkeit» einer Situation geschuldet ist, in der viele Ansprüche gemanagt werden müssen. Sprich: selbst bei einer Bestätigung – vielleicht verändert sich die Bewertung oder aber das Verständnis füreinander?

Sibylle Sutter: Die Gegenfrage finde ich berechtigt. Wenn sich ein Vorurteil bestätigt, war es wohl keins. Es geht ja auch nicht darum, dass sich die Generationen über Begegnungen angleichen. Sondern dass mehr gegenseitiges Verständnis aufgebaut wird.

Habt ihr ein Lieblingsprojekt 2019 bei der Generationenakademie?

Sibylle Sutter: An unserem Erlebnisforum im März hat das Jugendrotkreuz Kanton Aargau das Projekt Altersheimbesuche vorgestellt. Junge Freiwillige besuchen dabei regelmässig Bewohnerinnen und Bewohner eines Altersheims. Solche Projekte faszinieren mich immer wieder. Generationen treffen nicht zufällig aufeinander, weil man im gleichen Chor singt oder im selben Sportverein trainiert. Die Motivation zum Mitmachen ist hier die Begegnung an sich.

Jessica Schnelle: Ich kann mich immer für Projekte begeistern, die «klein, fein und überschaubar» sind. Denn dies ist relevant für die Umsetzungschance.

Und wie kann man bei euch «mitmachen»?

Sibylle Sutter: Unser Angebot ist auf der Website kommuniziert. Bei Interesse anmelden oder auch mit uns Kontakt aufnehmen. Wir freuen uns auf eine Nachricht oder einen Anruf.



Die Generationenakademie ist das Netzwerk für Generationenprojekte auf Initiative des Migros-Kulturprozent. Damit sich Menschen unterschiedlicher Generationen begegnen. Und sich der gesellschaftliche Kitt festigt.

Die Generationenakademie im Web: