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04.06.2019 in Wissen von Roland Wanner

Agilität – nur ein Modethema?

Agilität – nur ein Modethema?

«Wir arbeiten agil.», ein beliebter Satz in Unternehmen. Viele verstehen aber gar nicht genau, was «agil sein» bedeutet und warum dieser Begriff plötzlich so populär wurde. Bringt Agilität unsere Geschäftswelt wirklich einen grossen Schritt weiter oder ist es nur ein «Modethema»? Ich verrate Ihnen in diesem Beitrag, was der Auslöser der «agilen Euphorie» war, was Agilität wirklich bedeutet und wie diese unsere Arbeitswelt prägt.

Agiles Projektmanagement und Agilität ist in aller Munde und ich hätte diesen «Trend» fast verpasst. Aber dies passiert mir auch bei anderen Trends, zum Beispiel bei der Mode – wobei, dort verweigere ich mich sowieso den meisten Trends…

Im Handel gibt es immer mehr Bücher über Agilität: das agile Unternehmen, Agil Führen, Agiles Projektmanagement, Agil ohne Planung, Agil moderieren, Agil verhandeln, und so weiter. Wird jetzt in der Wirtschaft alles agil, oder ist dies ein Trend, der der sich bald wieder legt?

Was ist Agilität?

Zusammengefasst ist Agilität die Eigenschaft von Schnelligkeit und Anpassungsfähigkeit. Dies umfasst unter anderem:

  • Die Fähigkeit Neues entstehen zu lassen und sich anpassen können, in einem sich schnell verändernden Geschäftsumfeld.

  • Die Fähigkeit Ressourcen schnell zu re-priorisieren, wenn sich Anforderungen, Technologie und Wissen verändern.

  • Auf Marktveränderungen und entstehende Trends schnell reagieren können durch intensiven Kundenkontakt.

  • Verwenden von evolutionären, inkrementellen und iterativen Methoden, um eine optimale Kundenlösung zu liefern.

Das heisst: Agil sein, mit dem Ziel, den Geschäftswert (Business Value) zu maximieren, mit der gerade richtigen Lösung, zur richtigen Zeit.

Bewährte Management-Methoden im neuen Gewand?

Wenn ich etwa zwanzig oder dreissig Jahre zurückschaue, dann kann ich mich noch gut erinnern, da waren Lean Management, Business Process Reengineering, Six-Sigma oder das Wissensmanagement voll im Trend.

Vielversprechende Managementmethoden, die sich damals nur in sehr wenigen Unternehmen oder Funktionsbereichen etablieren konnten. Auch selbstorganisierende Teams sind ein alter Hut. Sie wurden schon vor vielen Jahrzehnten in einigen japanischen und amerikanischen Unternehmen erfolgreich eingesetzt – aber gingen mehrheitlich vergessen. Bis das agile Projektmanagement sie wieder zum Leben erweckt hat.

Wir müssen uns immer schneller anpassen

Eigentlich war «Agilität» für alle am Arbeitsmarkt Beteiligten schon immer wichtig, man hatte früher einfach noch keinen Begriff dafür. Schon als die Automatisierung und Industrialisierung Einzug hielt oder zum Beispiel Autos und die Eisenbahn die Pferdekutschen ablösten. Was hat sich aber seither geändert? Die Innovationszyklen wurden in letzten 30 Jahren immer kürzer, das Umfeld komplexer und die Arbeitsfelder änderten sich immer schneller – besonders mit dem Aufkommen von IT-Technologien und AI (Artificial Intelligence). Wir müssen uns in der Geschäftswelt immer schneller anpassen und fähig sein, möglichst schnell Business-Value zu liefern. Das heisst zum Beispiel:

  • sich stetig verbessern (mit «inspect and adapt» und Retrospektiven)
  • sich für Neues interessieren, sich schnell neu orientieren und neu organisieren
  • sich immer wieder neues Wissen aneignen
  • sein eigenes Verhalten und das Zusammenarbeiten im Team regelmässig reflektieren
  • mit Unsicherheit umgehen können und sich schnell anpassen können

Die Anforderungen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden immer grösser. Das ist sicher nichts Neues für Sie. Wir müssen im Berufsleben immer agiler werden, das ist ein Prozess, der nicht aufzuhalten ist und dem wir uns stellen müssen. Agilität ist mehr denn je gefragt – nur wird dieser Begriff von vielen missverstanden und in falschen Zusammenhängen verwendet, die nichts mit den Grundgedanken von Agilität zu tun haben: Agiles Coaching, Agile Führung, Agiler Kulturwandel, Agiles Verhandeln.

Das Agile Manifest

Die Softwareentwicklung wurde in den 90er Jahren durch die objektorientierte Programmierung, durch den Aufstieg des Internets und den Dot.com-Boom geprägt. Hier war Time-to-Market und Firmenwachstum entscheidend, das bedeutet die Entwicklungszyklen für Software wurden immer kürzer.

Mit den starren sequentiellen Entwicklungsmethoden war man in der Software-Entwicklung deshalb immer weniger zufrieden, besonders weil die Projekte immer komplexer, Produktlebenszyklen immer kürzer und das Umfeld und die Anforderungen dynamischer wurden. Man wollte schneller verfügbare Software, die nicht perfekt sein musste, sondern einfach mit den wichtigsten Funktionen aufwarten konnte. Leichtgewichtiger, flexibler und schneller sollte die Softwareentwicklung werden und mit weniger administrativem Aufwand verbunden sein. Dieser Wandel in der Softwareentwicklung führte zum «Agilen Manifest».

Der Begriff «agil» wurde in der Wirtschaftswelt richtig bekannt, als im Frühjahr 2001 das Agile Manifest durch einige Softwareentwickler in den USA verabschiedet wurde. Hier wurden zum ersten Mal die agilen Werte im Bezug zur Softwareentwicklung beschrieben. Wie Sie unten sehen, wurden diese paarweise beschrieben, wobei die Werte auf der linken Seite (mit fetter Schrift) jeweils höher eingeschätzt werden als die Werte auf der rechten Seite. Was aber nicht heisst, dass diese bedeutungslos sind.

Das Agile Manifest lautet folgendermassen:

«Wir erschliessen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen. Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte schätzen gelernt:

  • Individuen und Interaktionen stehen über Prozessen und Werkzeugen
  • Funktionierende Software steht über einer umfassenden Dokumentation
  • Zusammenarbeit mit dem Kunden steht über der Vertragsverhandlung
  • Reagieren auf Veränderung steht über dem Befolgen eines Plans

Das heisst, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden, schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.»

Das Agile Manifest kann auch missverstanden werden

Das Agile Manifest kann leicht missverstanden oder falsch interpretiert werden. Deshalb wurden die Aussagen von den Verfassern des Manifests durch zwölf Prinzipien detaillierter erklärt. Im Zentrum der Prinzipien steht der Mensch, sei es das Projektteam oder der Kunde. Die agilen Prinzipien sind nicht nur eine wesentliche Orientierungshilfe für erfolgreiche agile Projekte und sie sind auch heute immer noch uneingeschränkt gültig. Mit der Zeit wurden diese nicht nur in Projekten ein wichtiges Thema, sondern auch die Geschäftswelt entdeckte diese Prinzipien für sich.

Die zwölf agilen Prinzipien hinter dem Agilen Manifest sind:

  • Den Kunden zufriedenstellen: Unsere höchste Priorität ist es, den Kunden durch frühe und kontinuierliche Auslieferung wertvoller Software zufrieden zu stellen.

  • Änderungen willkommen heissen: Anforderungsänderungen, selbst spät in der Entwicklung sind willkommen. Agile Prozesse nutzen Veränderungen zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.

  • Häufige Auslieferungen: Liefere funktionierende Software regelmässig, innerhalb weniger Wochen oder Monate, bevorzugt in einer kürzeren Zeitspanne.

  • Bereichsübergreifende Zusammenarbeit: Fachexperten und Entwickler müssen während des Projektes täglich zusammenarbeiten.

  • Unterstützung leisten und Vertrauen schenken: Errichte Projekte rund um motivierte Individuen. Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.

  • Persönliche Kommunikation: Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen an und innerhalb eines Entwicklungsteams zu übermitteln ist im Gespräch, von Angesicht zu Angesicht.

  • Funktionierende Software: Funktionierende Software ist der wichtigste Massstab für den Fortschritt.

  • Nachhaltige Geschwindigkeit: Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung. Die Auftraggeber, Entwickler und Nutzer sollten ein gleichmässiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.

  • Streben nach technischer Exzellenz: Ständiges Augenmerk auf technische Exzellenz und gutes Design fördert Agilität.

  • Einfach ist besser: Einfachheit – die Kunst, die Menge der Arbeit, die nicht getan wird, zu maximieren – ist entscheidend.

  • Selbstorganisiert agieren: Die besten Architekturen, Anforderungen und Entwürfe entstehen durch selbstorganisierte Teams.

  • Überprüfen und anpassen: In regelmässigen Abständen reflektiert das Team, wie es effektiver werden kann und passt sein Verhalten entsprechend an.

Wenn Sie diese zwölf Prinzipien anschauen, dann erkennen Sie, dass die meisten nicht nur für agile Softwareprojekte anwendbar sind, sondern auch für andere Projektarten und auch für diverse Geschäftsprozesse.

Agilität forever?

Agilität bringt unsere Geschäftswelt wirklich einen grossen Schritt voran, besonders wenn es um die Entwicklung neuer Produkte und die Zusammenarbeit geht. Agilität wird noch eine gewisse Zeit ein «Modethema» bleiben und fälschlicherweise für Dinge verwendet werden, die nicht den Grundgedanken des agilen Manifests entsprechen – und zwar so lange, bis ein neuer «Wirtschaftstrend» auftaucht. Aber auch dann wird es in vielen Kontexten weiterhin Sinn machen, sich mit den agilen Grundgedanken und entsprechenden Methoden (z.B. Scrum und Kanban) auseinanderzusetzen und eigene Denkweisen zur reflektieren und weiterzuentwickeln.


Und wer dann das Ganze mit Leben füllen will, besuche unseren ganztägigen Workshop am 4. Juli: «Agile Kickstart» – mit der wunderbaren Franziska Stebler (anno dazumal Programmiererin im ersten agilen Team einer grossen Versicherung und zuletzt agile Coach bei der SBB).